Es schlug die 25. Stunde

Brosmete

Paul Gisi
Merken
Drucken
Teilen

Was war das doch für ein kurzer Tag! Ich kaufte ein, putzte die Wohnung, lief von Pontius zu Pilatus, flickte mein Velo, servierte meinem abendlichen Besuch ein mehr frugales als festliches Mahl, hatte in der Küche mit Geschirr abwaschen und abtrocknen zu tun, um elf Uhr nachts setzte ich mich erschöpft in meinen Drehfauteuil, zündete eine Kerze und meine Pfeife an, schenkte mir ein Glas Châteauneuf-du-Pape ein, nahm die vergnügliche Lektüre «Ich der Kater, Lebensansichten eines Katers» des japanischen Schriftstellers Soseki Natsume auf – ein Roman, der gewiss von E. T. A. Hoffmanns «Lebens-Ansichten des Katers Murr» beeinflusst worden war – und fühlte mich entspannt wohl.

Da schlug die gravitätische Pendüle (ein Erbstück meiner Grosseltern) zwölfmal, es war Mitternacht. Hoahoo, dachte ich. Zu mehr brachte es mein Geist nicht mehr. Ich wollte gerade ein neues Kapitel von Soseki Natsumes Roman zu lesen beginnen, als sich meine Vorhänge bauschten und mit Gegurgel und Gestampfe ein Mississippi–Raddampfer in meiner Stube dröhnte, auf der Mark Twain grosse Reden führte. Ich wunderte mich nicht im Geringsten und winkte ihm zu. Eine Giraffenherde donnerte über die Steppe meines Teppichs, an meiner Deckenlampe turnten Gibbons wie wild, auf meinen Bücherregalen trabten Stachel-dinosaurier und klapperten Schmalzschnauzenkrokodile. Auf den Radiatoren wärmten sich achtarmige Tintenschnecken und Seelilien auf. Die Pendüle schlug einmal. Welche Zeit hatten wir eigentlich? Ich fühlte mich fast wie der unbenamste Kater bei Soseki Natsume oder wie «Kater Murr». Es waren intensive Minuten. Ich fühlte mich wohl. Der Alltag, der kurze Tag endete wohl mit einem Fest der Schöpfung. Ich war begeistert. Und als noch ein Rotbrustkuckuck und ein Fächerpapagei durch meine Stube flogen, eine Schmetterlingsmücke und ein Stachelbeerspanner die Wände hochkrabbelten, begann ich vor Freude zu singen (zum Glück hatte mein Krächzen niemand gehört), da schlug meine Pendüle unverdrossen nochmals zwölfmal. Es war wiederum vierundzwanzig Uhr. Meine andern Uhren bestätigten das. Wahrlich, dieser Tag hatte fünfundzwanzig Stunden – was für ein Fest!

Paul Gisi