«Es ist jeder Hof wieder anders»

Bei Unfall oder Krankheit von Bauern und Bäuerinnen muss die Hofbewirtschaftung nahtlos weitergehen. Hier kommen Betriebshelfer und Familienhelferinnen zum Einsatz. Vermittelt werden diese vom St. Galler Bauernverband, der den Familien und den Einsatzkräften zur Seite steht.

Sabine Schmid
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Wenn die Bäuerin oder der Bauer wegen einer Krankheit oder eines Unfalls ausfallen, übernehmen ein Betriebshelfer oder eine Haushaltshilfe die Alltagsarbeit auf dem Hof. (Symbolbild: Hannes Thalmann)

Wenn die Bäuerin oder der Bauer wegen einer Krankheit oder eines Unfalls ausfallen, übernehmen ein Betriebshelfer oder eine Haushaltshilfe die Alltagsarbeit auf dem Hof. (Symbolbild: Hannes Thalmann)

TOGGENBURG. Ein Samstag im Winter: Ein Landwirt wird beim Holzen in einem Wald vom Ast einer fallenden Buche am Kopf getroffen. Er wird dabei verletzt, muss mit der Rega ins Spital geflogen werden. Was nun? Das Vieh auf dem Hof muss am Abend gefüttert und gemolken werden. Kurzfristig kann dies die Familie vielleicht noch bewerkstelligen, aber bereits am Montag müssen die Kinder wieder zur Schule oder an ihre Arbeit. Die Versorgung des Hofs kann aber nicht liegen blieben, bis der Bauer wieder gesund ist, seine Arbeitskraft fehlt.

Immer häufiger gefragt

In solchen Fällen vermittelt der St. Galler Bauernverband einen Betriebshelfer, der auf dem Hof die Aufgaben des Bauern übernimmt. «Dieser Dienst wird immer häufiger gefragt», sagt Anna-Marie Schlumpf, die als Einsatzleiterin Betriebshelfer vermittelt. Im vergangenen Jahr zählte der Bauernverband fast 2500 Einsatztage. Drei Jahre zuvor waren es rund 1500. Die Breite der Einsatzgründe bezeichnet Anna-Marie Schlumpf als riesig: Sie reicht von psychischen und physischen Erkrankungen, Unfällen, Militärdienst oder Aushilfe bei Überbelastung bis hin zu Todesfällen.

Stets einsatzbereit

In vielen Fällen beginnt der Einsatz des Betriebshelfers von heute auf morgen. Bei einem Notfall könne es sogar sein, dass jemand die Tätigkeit auf dem Einsatzbetrieb innerhalb von drei Stunden aufnimmt. «Ich bin als Betriebshelfer stets einsatzbereit und habe immer die nötigsten Habseligkeiten wie Kleidung, Stiefel, Schuhe und Melkstuhl im Auto.» Dies erzählt ein 25jähriger Toggenburger. Er hat die Ausbildung als Landwirt erfolgreich abgeschlossen und arbeitet als Überbrückung als Betriebshelfer, bis er den elterlichen Bauernhof übernehmen kann. Die wichtigste Eigenschaft, die er mitbringen müsse, sei Flexibilität, denn die Einsatzbetriebe seien sehr verschieden. «So gesehen sind die ersten zwei Tage am anstrengendsten. Danach kenne ich die Abläufe», sagt er. Vorbereiten und auf den Betrieb einstellen kann er sich kaum. Die Betriebshelfer gehen davon aus, in einen Milchwirtschaftsbetrieb zu kommen. Besonderes wie das Vorhandensein

eines Melkroboters erfahren sie rechtzeitig vor dem Einsatz.

Im Durchschnitt dauert der Einsatz eines Betriebshelfers elf bis dreizehn Tage, er kann sich aber auf bis zu vier Wochen ausdehnen. Fällt der Bauer für längere Zeit aus, sollte er binnen des Einsatzes des Betriebshelfers eine andere Lösung finden können. Vor allem in den Sommermonaten ist die Rekrutierung von geeigneten Fachkräften eine Herausforderung für den St. Galler Bauernverband. «Viele der potenziellen Betriebshelfer sind auf der Alp oder helfen zu Hause mit», erklärt Anna-Marie Schlumpf. In solchen Zeiten helfen sich die verschiedenen Hilfsdienste aus, der St. Galler Bauernverband arbeitet hier beispielsweise mit dem Maschinenring zusammen. Falls dennoch keine Lösung gefunden werden kann, wird weitergesucht – zur Not auch im Bekanntenkreis der Mitarbeiter der Geschäftsstelle.

Ersatz für die Bäuerin

Hilfe für die Bauernfamilien gibt es auch, wenn die Bäuerin aufgrund einer Krankheit, einem Unfall oder nach einer Geburt ihre Arbeit nicht verrichten kann. Dann kommt eine Familienhelferin zum Einsatz. Gemäss Anna-Marie Schlumpf benötigten im vergangenen Jahr im Kanton St. Gallen 27 Familien eine Familienhelferin. «Wir haben im grossen und ganzen genügend Familienhelferinnen und können die Einsatzanfragen erfüllen», sagt sie. «Dennoch gibt es immer wieder Spitzenzeiten. Wenn wir keine freie Kapazität haben, suchen wir via Inserat nach einer geeigneten Kraft». Im Durchschnitt sind die Familienhelferinnen acht Tage im Einsatz. Manchmal verteilen sie sich über einen längeren Zeitraum, aber nur für gewisse Wochentage. Anschlusslösungen brauche es sehr selten, sagt die Einsatzleiterin.

Sehr grosser Erfahrungsschatz

Eine spezielle Ausbildung müssen die Familienhelferinnen nicht aufweisen. Vielfach sind es Bäuerinnen, die den Hof einer jüngeren Generation übergeben haben. Anna-Marie Schlumpf sieht hier mehrere Vorteile: «Diese Frauen bringen eine sehr grosse Erfahrung bei der Kinderbetreuung, der Besorgung des Haushalts und des Gartens, der Mithilfe bei kleineren Arbeiten auf dem Betrieb oder der Haltung von Kleintieren mit.»

Ihre Arbeit sei interessant und sehr abwechslungsreich, denn jeder Hof sei anders, sagt eine 59jährige Familienhelferin aus der Region See-Gaster. Ihre Einsatzorte sind ihr oftmals fremd, so dass sie sich vorgängig einige Informationen holt, beispielsweise nach Einkaufsmöglichkeiten. Einmal bei der Familie, muss sich die Familienhelferin ihren Platz suchen. Sie sehe sich in der Grossmutterrolle, sagt sie. Den Platz der Mutter will sie nicht einnehmen. Sie habe keinerlei Erziehungsfunktionen und komme nie so nahe an die Kinder ran wie die Mutter – vor allem wenn diese anwesend sei.

Probleme, sagt die Einsatzleiterin, seien meistens zwischenmenschlicher Natur und sollen möglichst sofort bei der Vermittlungsstelle angesprochen werden. Meistens könne die Situation entschärft werden, wenn der Betriebshelfer oder die Familienhelferin ausgetauscht werde. Sie sei aber auch in anderen Fällen für die Mitarbeiter da, wenn sie bei schwierigen Einsätzen – beispielsweise aufgrund eines Todesfalles an ihre Grenzen stossen und jemanden zum Zuhören brauchen. «Es ist uns ein Anliegen, ein offenes Ohr bieten zu können», sagt Anna-Marie Schlumpf. «Grundsätzlich verlaufen die Einsätze – und 2014 waren es immerhin 190 – jedoch problemlos.»

Bild: SABINE SCHMID

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