«Es gibt keine Orgelferien»

Seit August 1965 ist der 72jährige Rainer Brändle aus Alt St. Johann Organist in der katholischen Kirche – er feiert dieses Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum. Dank dem Orgelspiel erhielt er damals eine Lehrerstelle in Alt St. Johann. Heute ist er gerne bei den Bienen oder beim Jassen.

Christiana Sutter
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Rainer Brändle an der Orgel in der katholischen Kirche in Alt St. Johann. (Bild: Christiana Sutter)

Rainer Brändle an der Orgel in der katholischen Kirche in Alt St. Johann. (Bild: Christiana Sutter)

ALT ST. JOHANN. «Am 6. August 1965 bin ich nach Alt St. Johann eingewandert», sagt der 72jährige Rainer Brändle schmunzelnd. Aufgewachsen ist er ennet der Grenze in Altach, im Vorarlberg. In der Familie Brändle mit den fünf Knaben und einer Tochter war die Musik im Alltag integriert. Der Vater war Lehrer und die Mutter sorgte für den Gesang mit den Kindern. «Ich habe schon früh mit <Handörgelä> begonnen», sagt Brändle.

Schüler wie Orgelpfeifen

Nach seiner Schulzeit besuchte er fünf Jahre das Lehrerseminar in Feldkirch. «In der Ausbildung zum Lehrer waren Geigen- und Klavierspielen sowie Chorgesang obligatorische Fächer.» Er lehnt sich auf der Couch in seiner Stube im Dörfli Alt St. Johann zurück und sagt: «Im Freifach absolvierte ich auch noch Orgelstunden.»

Im Land Vorarlberg war es gesetzlich geregelt, dass Junglehrer nach der Ausbildung unterrichten gingen, wo es gerade einen Lehrer brauchte. Daher war die erste Arbeitsstelle von Rainer Brändle eine Aussenschule in Ludesch, «im Ludescherberg». Die Schüler waren Erst- bis Achtklässler. «Neun Schüler hatte ich», sagt er lachend, «sie standen da wie Orgelpfeifen, aber eine Orgel hatte es nicht.» Auch die zweite Arbeitsstelle war in einem Dorf ohne Orgel. Sie schickten den Junglehrer ins grosse Walsertal, nach Sonntag Seeberg. Und schon wieder hatte Rainer Brändle keine Möglichkeit, Orgel zu spielen. Dies war der Moment, als der Junglehrer Brändle entschloss, sich nicht mehr herumdirigieren zu lassen.

Stelle dank Orgelspiel

Er lernte einen Vorarlberger Lehrer kennen, der schon mehrere Jahre in der Schweiz unterrichtete. Dieser sagte ihm, dass im Toggenburg, in Alt St. Johann, eine Lehrerstelle ausgeschrieben sei. «Ich musste auf der Landkarte erst einmal schauen, wo das überhaupt liegt», sagt Brändle. Er konnte mit dem Lehrerkollegen ins Toggenburg fahren, «dieser musste nach Wattwil».

Brändle traf sich mit dem katholischen Schulrat im «Rössli», Alt St. Johann. «Dazumal waren die Schulen noch nach Konfessionen getrennt.» Anwesend waren der Schulratspräsident Erich Buner und der katholische Pfarrer Karl Hutter. Brändle zeigte diesen beiden Herren seine Zeugnisse. Darin war vermerkt: Freifach Orgel. Der pensionierte Lehrer lacht: «Der Pfarrer hat mich sofort angesprochen: Dann können Sie ja Orgel spielen.»

Rainer Brändle erklärte den beiden, dass er wohl in der Ausbildungszeit Orgelspielen gelernt habe, aber an den beiden letzten Stellen nicht die Möglichkeit hatte zu, spielen. Daraufhin forderte Pfarrer Hutter den etwas irritierten Brändle auf, sofort in die katholische Kirche zu gehen – die unmittelbar neben dem «Rössli» ist – und ihnen etwas auf der Orgel vorzuspielen. Zuerst wehrte sich Brändle, denn er kannte die Orgel nicht und hatte keine Praxis mehr. Daraufhin erwiderte der Pfarrer: «Ich höre sofort, ob Sie Orgel spielen können.» Rainer Brändle spielte den Anwesenden ein «Stückli» aus dem Stegreif vor. Anschliessend ging es wieder zurück ins Restaurant. «Dort wurde mir dann mitgeteilt, dass ich die Lehrerstelle erhalte.» Rainer Brändle muss lachen, «offenbar wegen des Orgelspiels». Als Erklärung fügt Brändle an, dass zu jener Zeit auch ein grosser Lehrermangel herrschte «und in Alt St. Johann offensichtlich auch ein Organist für die Kirche fehlte». Im August 1965 trat er die Stelle als Abschlussklassenlehrer – wie es damals noch hiess – an.

Dirigent und Organist

Rainer Brändle erinnert sich an eine Begebenheit. Als er in der Kirche an der Orgel sass, ist Jakob Huser – genannt «Scharten-Köbi» – an ihn herangetreten und hat ihm mitgeteilt, dass am nächsten Freitag Kirchenchorprobe sei. Brändle besuchte die Chorprobe und wartete, bis er beginnen konnte. Er sei parat, sagte Brändle, er warte nur noch auf den Dirigenten, worauf Jakob Huser antwortete: «Seb sind dänk Si.» Rainer Brändle wurde Sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen. Von diesem Moment an war Rainer Brändle Organist und Dirigent des Katholischen Kirchenchors Alt St. Johann. Daraufhin absolvierte er den Chorleiterkurs, damit er auch professionell auftreten konnte. Dirigent war er dann bis Anfang 1990er-Jahre, Organist ist er noch immer.

Musik ist Bestandteil des Lebens

Rainer Brändle lernte 1971 seine Frau Magda kennen. Sie war Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin und unterrichtete Musik und Turnen in Alt St. Johann. Sie haben drei Söhne und eine Tochter. Sieht man sich im Wohnzimmer der Brändles um, sieht man, dass die Musik im Zentrum steht. «Musik ist ein grosser Bestandteil in meinem Leben», sagt Rainer Brändle und schaut sich um. Dort eine Geige, da eine Flöte, dann ein Klavier und zwei Gitarren, eine Orgel gibt es nicht. Alle Instrumente stehen bereit zum Spielen. Er hört aber auch gerne Musik, «vor allem Klassik, mein Liebling ist Mozart.» Eine weitere Tätigkeit ist das Schreiben der Notenblätter für die Kompositionen des Musikers und Komponisten Peter Roth. Der Komponist gibt Brändle die handgeschriebenen Blätter, dieser bringt sie dann druckreif aufs Papier. Brändle schreibt die Notenblätter mit einem speziellen Programm auf dem Computer. «Das ist eine wunderbare Beschäftigung.» Er steht auf und nimmt eines der neusten Werke von Peter Roth zur Hand – die Oper «Spinne». «Selber habe ich noch keine Musikstücke komponiert.» Während all der Jahre hat er an den meisten Kirchenchorproben gespielt und praktisch keine Gottesdienste ausgelassen. «Das sind im Jahr rund 150 Einsätze in der Kirche an der Orgel», sagt Brändle. «es gibt keine Orgelferien.» Seit August 2014 teilt er sich das Orgelspiel-Pensum in Alt St. Johann mit dem Profiorganisten Michael Risch, «und seit diesem April auch das in Stein».

Imkern und Jassen

Das Leben von Rainer Brändle dreht sich nicht nur um Notenschlüssel und Notenblätter. «Seit der Pension vor zehn Jahren widme ich mich den Bienen.» Schon zu Hause in Altach hielt sein Vater diese emsigen Tierchen. Bis zur Pension ergab sich für den Organisten nie die Möglichkeit zum Imkern. Jetzt hat er fünf Bienenvölker, «Eines hier und vier Völker in der Laui in Unterwasser.» Schon steht er auf und holt ein Glas mit frischem, goldigem Nektar. «Dieses Jahr konnte ich schon 32 Kilogramm Honig imkern», sagt er erfreut. Ein Hobby, das er auch gerne mit seiner Frau ausübt, ist das Jassen, «so komme ich ab und zu unter die Leute», lacht er, «sie erwarten mich schon.» Wie es sich für einen klangbegeisterten Bürger aus Alt St. Johann gehört, engagiert sich Brändle auch in der Klangschmiede mit Führungen, «und ab und zu besuche ich mit meiner Frau ein Konzert.»