«Es geht niemand verloren»

Wer mit Karte und Kompass Erfolg haben will, übt auch in der Kälte und in der Dunkelheit. Ein Besuch in der Sportschule Appenzellerland klärt auf, warum das Erzählen von Strecken-Erlebnissen nicht peinlich ist und weshalb es piepst.

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ORIENTIERUNGSLAUFEN. Ein Waldabschnitt etwas ausserhalb von Romanshorn: Es ist fünf Uhr abends und ziemlich dunkel. Zwischen den Bäumen taucht ein Licht auf: «Das dürfte ein Pferd sein. So bewegt sich kein Mensch», meint Isabelle Hellmüller aus Speicher. Sie ist Trainerin der fünf OL-Läufer der Sportschule Appenzellerland. Orientierungslaufen im Dunkeln? «Ja, ja, es geht niemand verloren», sagt die Trainerin. Sie trägt wie die Jugendlichen eine Stirnlampe, so lässt sich die nächste Umgebung erkennen. Ein gewisses Risiko stellen Verletzungen dar. «Wer sich zum Beispiel den Fuss <vertritt>, wird auf sich aufmerksam machen; wir wissen ja, in welchem Gebiet die Person zu suchen wäre.» Die Sportschüler verstehen ihr Geschäft, sie gehören alle den regionalen Nachwuchskadern an. Hellmüllers Tochter Mirjam ist Mitglied des Nachwuchs-Nationalkaders. Sie hat im Sommer die Matura abgeschlossen und steht jetzt in einem Zwischenjahr: Die Jugend-EM-Bronzemedaillen-Gewinnerin von 2008 trainiert zeitweise mit.

An Wettkämpfe angepasst

Dass sich die Gruppe in diesen Tagen in der Region Romanshorn aufhält, hängt mit der Topographie des Waldes zusammen. Das Gebiet sei flach und deshalb sehr gut für saubere Kompassarbeiten geeignet, erklärt Isabelle Hellmüller. Die Sportschüler trainieren auch in Speicher, in der Umgebung der Stadt St. Gallen oder bei Bedarf weiter entfernt. «Wir passen uns an die Trainingsschwerpunkte und die Besonderheiten der Wettkämpfe an.» Mirjam Hellmüller trifft ein und bespricht sich mit der Mutter. Diese sagt: «Es folgt noch eine schnelle Runde, zieh dich bis dahin warm an.» Der grosse Teil der Arbeit einer OL-Trainerin läuft im voraus, wenn es gilt, die Unterlagen bereitzustellen. Vieles kann sie am Computer erledigen. Je nachdem, welches Daten- und Kartenmaterial zur Verfügung steht, zeichnet Isabelle Hellmüller die Markierungen für Start, Ziel und die Posten auch von Hand. Drei bis vier wöchentliche Trainings stehen für die Jüngeren der Gruppe in Verein, Regionalkader und Sportschule auf dem Programm, auf acht bis neun Einheiten wächst die Zahl für eine wie Mirjam. Zu den Übungen in der «Orientierungs-Technik» (Karte, Kompass) kommen Krafttraining und leichtathletische Lauftrainings.

Wenn Stürme drohen…

Um vier Uhr hat diesmal das Training begonnen. Für den Besuch nicht gerade «die schönsten Schuhe» anzuziehen, hat ein Tip an den Journalisten gelautet. Das Wetter ist kühl, die Unterlage aber besucherfreundlich. Schnee stellt für die Gruppe grundsätzlich keinen Hinderungsgrund dar. «Wir trainieren nur dann nicht im Gelände, wenn die Sicherheit gefährdet ist, wenn umstürzende Bäume und Stürme drohen.» Für solche Fälle habe sie jeweils ein Ersatztraining in der Tasche – etwa einen Stadt-OL. Flexibilität sei auch gefragt, wenn trotz Abklärungen und guter Kontakte mit Jägern, Förstern und Militär einmal ein Abschnitt unerwartet nicht benützt werden könne. «Dann lassen wir halt eine Schlaufe aus», berichtet Isabelle Hellmüller, Sohn Sven ist einer ihrer Schützlinge.

Offener Umgang

«Pieps» ist von der elektronischen «Stempeleinrichtung» immer wieder zu hören (siehe Kasten). Die übrigen Sportschüler kehren auch nach und nach von ihren individuellen Strecken zum Unterstand zurück, der als Basis und Materiallager dient. Einige trinken Tee, bevor die Trainerin die letzte Übungsform erklärt. «Das Ganze dauert nur etwa zehn Minuten: zuerst steht ein Stern-OL an, nachher eine Karussell-Übung.» Die Sportschüler greifen zu den unter einem Ast liegenden Mäppchen mit den individuellen Karten. In vielen Sportarten erkennen Betreuer im Training die Fehler sofort, im Orientierungslaufen ist dies eher die Ausnahme. Isabelle Hellmüller: «Manchmal kann ich den Läufer ein Stück weit als <Schatten> begleiten, und in der Dunkelheit zeigen die Stirnlampen, wo jemand unterwegs ist. Aber der grosse Teil des Wegs ist für mich nicht einsichtig.» Um so wichtiger sei ein offener und familiärer Umgang. Es dürfe nie peinlich sein, wenn man berichte, wie es einem auf der Strecke ergangen sei. Die Sportschüler beenden ihr Training. Es ist halb sechs Uhr und finster. «Ihr zwei holt bitte noch die Posten 43 und 38, sozusagen zum Auslaufen. Eine Karte gebe ich euch nicht mehr, die Posten kennt ihr jetzt auswendig.» (pd)