Es braucht nochmals einen Schub

In die Entwicklung der Klangwellness-Angebote ist in diesem Jahr viel Energie, Zeit und Geld investiert worden. Christine Bolt, die Direktorin von Toggenburg Tourismus, setzt auseinander, wo das Projekt jetzt steht, welche Probleme es noch zu lösen gibt und wie man diese anpacken will.

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Frau Bolt, die zwei Klangtage im Juni waren gerade einmal von zwölf respektive fünf Personen gebucht. Auch am Klangtag vom ersten Samstag in September haben nur fünf Personen teilgenommen. Sind Sie enttäuscht?

Christine Bolt: Ja, ich bin enttäuscht. Und ich frage mich, warum es nicht mehr waren. Ich persönlich finde das Paket mit Klangweg, Singen und dem Essen ein gutes Schnupperangebot.

Bei der Begehung des Klangwegs mit einem Klangbegleiter kann man Neues erfahren, auch das Singen kommt grundsätzlich gut an und das alles kombiniert an einem Tag, so dass nicht gleich ein ganzes Wochenende blockiert wird. Wir hatten viel für den Tag geworben, das Wetter war auch gut. Nun müssen wir analysieren, ob das Angebot als solches nicht richtig ist, ob wir falsch geworben haben, ob wir das Essen rausnehmen müssen oder ob der Preis nicht stimmt.

Ist die Absicht hinter den Klangtagen denn vor allem das «gluschtig» Machen auf mehr, also eine Art Marketing?

Christine Bolt: Natürlich hoffen wir immer, dass aus einem Tagesgast ein Übernachtungsgast wird, weil er mehr Zeit im Toggenburg verbringen will. In erster Linie ist der Klangtag, ebenso wie die Klangwochenenden und -wochen ein Produkt im Rahmen von Klangwellness, das wir auch weiterhin anbieten wollen.

Bleiben die Buchungen so mager, können diese Tage wohl nicht rentieren.

Christine Bolt: Das ist richtig. Momentan befinden wir uns noch im Stadium der Produktentwicklung. Alle Beteiligten tragen das Risiko mit: Wir von der Projektleitung, die Hotels und die Klangbegleiter. In dieser Phase müssen wir die Angebote finanziell mittragen, damit wir sie durchführen und dennoch eine gewisse Qualität garantieren können. Das ist auch die Idee eines Projekts im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP).

Klangwellness ist ein NRP-Projekt, also ein Förderprojekt, bei dem anfangs Geld gesprochen wird, um etwas Schub zu verleihen, bis es optimiert ist und rentiert. Insofern betrachten wir das als Marketing-Ausgaben.

Ebenso wie die Testtage im Juni, bei denen150 Personen Klangwellness getestet haben, um anschliessend das Angebot zu beurteilen?

Christine Bolt: Richtig. Wir haben auf zwei Arten Feedback eingeholt. Gleich im Anschluss an die Testtage wurden Gruppengespräche geführt.

Diese haben den Vorteil, dass man nachfragen kann, wenn eine Rückmeldung unklar ist. Der Nachteil ist, dass in einer Gruppe immer eine Dynamik herrscht, wodurch eine Stimmung kippen kann. Wenn einige die gleiche Meinung äussern, dann sagen andere die ihre vielleicht nicht mehr. Die schriftlichen Feedbackbögen hingegen gehen weniger in die Tiefe. Weil sie aber individuell ausgefüllt werden, kommen hier die einzelnen Meinungen klar zum Ausdruck.

Die Rückmeldung in den Gruppengesprächen war mehrheitlich positiv. Was hat die Auswertung der Fragebögen ergeben?

Christine Bolt: Wie schon die Gruppengespräche gezeigt haben, wird bei den Hotels zum Teil noch mehr Bezug zum Thema Klang gewünscht. Vor allem aber wünschten sich die Testpersonen mehr Bezug zur Region, mehr regionale Spezialitäten beim Essen zum Beispiel.

Das ist ein Punkt an dem wir generell arbeiten, denn wir sind überzeugt, dass der Trend in Richtung Regionalität geht. Wieso sollen wir hier Edamer auf den Frühstücksbuffets haben statt Käse von einem der vielen Käser des Tals? Ich bin überzeugt, dass die Gäste dafür bezahlen würden, selbst wenn es etwas teurer wäre. Viele der Hoteliers, mit denen ich enger zusammenarbeite, sind gewillt, Veränderungen in dieser Richtung vorzunehmen. Aber es braucht immer Zeit bis etwas durchgesetzt ist.

Und mit den übrigen Bestandteilen waren die Testpersonen zufrieden?

Christine Bolt: Gut angekommen ist alles, was etwas mit dem Toggenburg zu tun hat, alles was nahe an der Tradition ist, wie der Klangweg, das Singen der Toggenburger Lieder und so weiter. Worüber die Meinungen hingegen stark auseinander gehen, sind zum Beispiel der Klangraum oder die Spiele im Pool, also die Dinge, die eben keinen direkten Bezug zum Tal haben. Während die einen lieber noch mehr Meditation hätten, möchten andere vermehrt aktiv sein.

An diesen Angeboten müssen wir noch arbeiten. Die Herausforderung dabei wird sein, diese Produkte toggenburgisch färben zu können, denn auch bei diesen Angeboten soll der Bezug zur Region vorhanden sein. Dadurch sollen sie unverwechselbar werden. Allerdings bin ich skeptisch, ob uns das überall gelingt. Dass dieser Bezug wichtig ist, zeigt sich auch darin, dass die Test-Gäste die Klangbegleiter sehr geschätzt haben.

Diese schlüpfen in die Rolle der Gastgeber, animieren und können Geschichten erzählen rund um das Toggenburg und seine Traditionen.

Der Knackpunkt scheint dieses «Wellness-Ding» zu sein.

Christine Bolt: Der Knackpunkt ist vermutlich die Bezeichnung. Theoretisch ist der Begriff richtig, Wellness heisst Wohlbefinden und Erholung.

Allerdings denken die meisten bei diesem Wort an ein schönes Hotel mit einem grossen Wellnessbereich, Massage, Kosmetik und so weiter. Solche Hotels haben wir nicht. Insofern weckt der Name falsche Erwartungen. Leute, die das klassische Wellness suchen, sind enttäuscht. Wer hingegen auf der Suche nach einem tieferen Erlebnis mit Klang ist. lässt sich dadurch abschrecken. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir von dieser Bezeichnung wegkommen.

Tieferes Erlebnis mit Klang... Das tönt eher spirituell. Sicher gibt es Personen, die genau das suchen, aber stellt sich nicht die Frage, ob diese Zielgruppe genügend gross ist und ob das nicht andere eher abschreckt?

Christine Bolt: Das ist eine zentrale Frage: Wo befinden wir uns? In der heutigen Gesellschaft suchen viele wieder nach einer gewissen Spiritualität. Den Begriff als solchen darf man nicht – oder noch nicht – zu offensiv verwenden.

Aber der gelebte Teil davon, einfach Musik zu geniessen, sprich eine leichte Spiritualität, ist vielen ein Bedürfnis. Die meisten Angebote der Klangwelt sind äusserst spirituell, gerade die Klangkurse. Es gibt Leute, die genau dafür immer wieder kommen. Aber ich gebe Ihnen recht, das ist eine relativ kleine Zielgruppe.

Wie soll das Thema Klang dennoch genügend Leute anziehen?

Christine Bolt: Klangwellness sollte eben in Richtung dieser leichten Spiritualität gehen.

Beispielsweise einfach mal bewusst durch die Natur zu gehen, die Klänge auf dem Klangweg hören und denken: Wow, das tut mir gut! Niemand wird dann von einem spirituellen Erlebnis reden, aber das ist eben auch nicht das Ziel. In diesem Bereich stellt sich schon die Frage: Wen sprechen wir an? Wie spirituell sind unsere Produkte? Meiner Meinung nach sollten wir wegkommen vom ganz Spirituellen, aber es soll dennoch kein seichtes Angebot werden. Das Problem ist momentan, dass wir die Mitte noch nicht gefunden haben.

Und solange wir diese im Produkt nicht gefunden haben, können wir auch nicht klar kommunizieren.

Also erst die Produkte ausfeilen und dann an der Kommunikation arbeiten?

Christine Bolt: Ja, wir werden die Produkte nehmen, die gut ankommen, wie den Klangweg oder die Singkurse, und überlegen, warum die funktionieren. Diese Erkenntnisse müssen wir dann auf die anderen Produkte ausweiten, so dass auch sie stimmig werden. Erst wenn wir das Produkt haben, können wir auch die Kommunikation optimieren.

Weshalb funktionieren denn die einen Produkte?

Christine Bolt: Es ist zum einen schon dieses Wellness im Sinne von Wohlbefinden und Erholung. Beim Singen beispielsweise erwarten die Leute gar nicht viel. Nach einer Stunde aber verlassen sie den Raum strahlend. Das Singen wirkt befreiend, man ist völlig fokussiert und denkt an nichts anderes mehr. Wir müssen versuchen, noch mehr solcher Produkte zu entwickeln beziehungsweise die bestehenden in diese Richtung zu entwickeln. Und wir müssen uns eben die Frage stellen, ob wir das jetzt Wellness nennen wollen oder nicht.

Worauf müssen Sie bei der Entwicklung der Produkte sonst noch achten?

Christine Bolt: Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Produkte wiederholbar sind. In die Sauna oder in die Massage gehen, das kann man immer wieder. Unser Ziel muss es sein, Dinge zu entwickeln, die ebenso wiederholbar sind, so dass man sich sagen kann: Einmal im Jahr gönne ich mir Klangferien.

Also wenn man einmal mit dem Klangbegleiter auf dem Klangweg war, muss man das ja nicht wiederholen respektive man kann alleine gehen.

Christine Bolt: Genau da liegt die Herausforderung: Wie schaffen wir es, das Ganze so interessant zu gestalten, dass man ein zweites, drittes und viertes Mal geht. Beim Klangweg unterscheidet es sich auch durch die einzelnen Klangbegleiter. Da gibt es schon Raum für Wiederholbarkeit. Ein typisches wiederholbares Produkt ist die Klangliege, die auch gut gebucht wird.

Das ist vergleichbar mit einer klassischen Wellness-Geschichte, die man mehrmals machen kann.

Kam diese auch bei den Testpersonen gut an?

Christine Bolt: Ja. Über achtzig Prozent beurteilten Klangrelax als gut bis sehr gut. Einige Kleinigkeiten in der Funktionalität werden wir noch anpassen. Zum Beispiel, dass man Farbe, Lautstärke und Musik selbst wählen kann.

Neben der Klangliege sind auch die Klangmassagen mit den Klangschalen oder die Tabula sonora wiederholbare Angebote. Und sie werden auch von Personen gebucht, die nicht speziell für Klangwellness gekommen sind.

Insgesamt waren die Rückmeldungen positiv. Wird Klangwellness nun auch gebucht?

Christine Bolt: Von den Klangwellness-Wochenenden konnten zwei stattfinden, das ist immerhin ein Anfang. Aber die Zahl der Buchungen ist noch sehr klein. Die Testferien haben uns gezeigt, wo wir noch Handlungsbedarf haben.

Zudem soll uns eine Aussensicht einen Schritt weiterbringen. Diese erhalten wir jetzt von einer schweizweit anerkannten Koryphäe im Tourismus. Jetzt braucht es nochmals einen zünftigen Schub von allen anderen Beteiligten: Den Klangbegleitern, den Hoteliers und deren Personal.

In Bezug auf die Hotels wurde im Anschluss an die Testferien vereinzelt Kritik laut. Hat sich diese auch in den schriftlichen Feedbacks niedergeschlagen?

Christine Bolt: In einer Gruppendiskussion haben sich ein paar wenige negativ geäussert, das entsprach aber nicht der Meinung aller. Klar hervorgegangen ist, dass die Infrastruktur in den Hintergrund rückt, wenn das Gastgebertum und das Essen stimmen. Aufmerksames Personal, schnelle und zuvorkommende Lösungen von Problemen und die häufige Anwesenheit des Hoteliers werden geschätzt.

In diesem Bereich haben die einzelnen Hotels bestimmt noch Potenzial und die Möglichkeit, mit wenig Geld viel zu erreichen. Bei der bemängelten Infrastruktur ist es eine Geldfrage und eine Frage der Zeit.

Aber bei den Hotels besteht klar Handlungsbedarf?

Christine Bolt: Durchaus. Tourismusentwicklung umfasst die Entwicklung der Produkt- und der Beherbergungs-Seite. Bei den Hotels ist es immer so eine Huhn-Ei-Thematik. Die Hoteliers sagen, sie würden schon investieren, wenn sie sehen, dass es läuft.

Aber das ist wie wenn man ernten möchte vor der Saat. Hier muss es uns gelingen, die Haltung zu ändern. Wir brauchen eine starke Hotellerie, denn sie ist das Rückgrat einer Destination. Daran arbeiten wir momentan ebenfalls.

Interview: Barbara Anderegg