Erzählungen aus der Rekrutenschule

Die viel besuchte Soldatenstube war circa 200 Meter unterhalb der Kaserne an der St. Leonhard-Strasse. Hier gab es für wenig Geld und Rationierungs-Märkli allerlei zum Essen. Eine Schale Birchermüsli kostete 40 Rappen, also fast den halben Sold. Ich kalkulierte meistens scharf.

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Die viel besuchte Soldatenstube war circa 200 Meter unterhalb der Kaserne an der St. Leonhard-Strasse. Hier gab es für wenig Geld und Rationierungs-Märkli allerlei zum Essen. Eine Schale Birchermüsli kostete 40 Rappen, also fast den halben Sold. Ich kalkulierte meistens scharf. Hunger oder Gluscht hatte ich alleweil. Hier und im Bäckersladen nebenan verputzte ich am meisten. Auch die Korporale waren an diesem Ort anzutreffen. Einmal musste ich zuhören, wie ein Korporal zum anderen sagte, dass er ab nächster Woche die Schraube fester anziehe. Es war nicht mein Korporal, aber oha, dachte ich mir.

Gottlob sind die Haare geschoren

Anfänglich wollte es mir und den anderen nicht so recht passen. Beim Sonntagsurlaub trug jeder zu seinem Vorteil den Police. Aber die Kahlköpfigkeit hatte schon grosse Vorteile: Bei dem ewigen Laufschritt und Eilmärschen vom Sittertobel und vom Breitfeld kam jeder pudelnass in der Kaserne an. Auch unter dem Helm dämpfte es sonderbar. Da war der Wasserstrahl ein Wunderding und der Kopf sofort abgekühlt und trocken. Bei den zigarettenlangen Pausen waren zugleich die Schatten der Kugelbäume ohne Kopfpelz eine Wohltat. Beim Befehl «Alle sofort samt den schweren Schuhen auf den Bäumen verschwinden» trauerte ebenfalls niemand seiner gehabten Haartracht nach.

Nackt duschen

Für mich war dies ein gewaltiger Schock. Es war das erste Mal. Dazu noch in einer grossen Gruppe. Die Korporale warteten vor der Türe. Zum Glück und zum Wohle meiner Schamgefühle war der Waschraum in Dampf gehüllt. Das Duschen vor dem Baden kannte ich nur vom Schülerbaden in der Gaiser Badeanstalt in Rotenwies her. Im Sommer badeten wir Kinder jeweils im nahen Rotbach, ausnahmsweise auch im grossen Zuber in der Waschküche. Aber immer mit den Badehöschen. Ich zählte 20 Jahre, als ich erstmals eine richtige Badewanne bezog.

Angst vor angekündetem Stress

Bis jetzt ging alles recht gut. Die Oberen hatten noch keinen Grund, mich zu entlassen. Und eben das wollte ich nicht. Ich wollte nach wie vor die RS überstehen. Mit den Anderen merkte auch ich, dass immer mehr verlangt wurde. Aber mit dem Verlangen wurden auch unsere Muskeln und damit die Ausdauer gedrillt. Wir wurden nicht übermenschlich überfordert. Wenn ich unseren Stress und Drill mit demjenigen der Militärmusik mit Adjutant Schildknecht verglich, waren unsere Oberen bis jetzt noch regelrecht anständig.

«Sei ruhig, wenn du willst»

Wer dies überlaut sagte, war Rekrut Demarmels vom Bündnerland. Auch er war in Abwechslung bei der Fassmannschaft. Viel Arbeit gibt viel Hunger. So baten wir die zwei Schöpfenden um Nachschub. «Sei ruhig, wenn du willst», war seine Antwort. Bei Demarmels waren die Höflichen erfolgreicher.

In unserem Zug hatten wir vier Romantsche. Sie sprachen ein schlechtes Deutsch. Es schien, als ob sie aus den abgelegensten Dörflein kommen würden. Ich glaube, sie hätten auch in Sachen Hygiene etwelches dazuzulernen. Zu wehren hingegen wussten sie sich; sie hielten wie Zement zusammen.

«Sie sind ein lausiger Kerl»

«Rekrut Dähler!» «Hier Korporal!» «Sie sind ein ganz lausiger Kerl!» Ob ich «zu Befehl Korporal» gesagt habe, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls war ich auch nicht der Einzige, der dieses zu hören bekam oder zur Kenntnis nehmen musste. Vermutlich hat sein Korporal ein halbes Jahr zuvor auch ihm dieses saublöde Wort an den Kopf geschleudert. Die Korporale waren die Herren, wir eben die Untergebenen. Solche, an denen man bildlich gesprochen ohne Umschweife die Schuhe abputzen konnte. Nicht umsonst meldete Rekrut Gassmann «Herr Korporal». Diesem jedoch widersprach der Unteroffizier Diggelmann. «Herr ist man erst als Offizier», erklärte er. Aha, deshalb wohl tragen diese trotz Sommerhitze den ganzen Tag Handschuhe, ging es mir durch den Kopf.

Ich gebe zu, kein guter Schütze gewesen zu sein. Ich hatte vor den Nullern und der Strafe, die sozusagen auf den Fuss folgte, Angst. Aber ein lausiger Kerl war ich, waren auch die Anderen deswegen nicht. Während im Stand neben mir Rekrut Beerli Treffer 3, 4, und 5 meldete, tönte es bei mir manchmal in den unteren Zahlen. Dafür jagte mich mein ganz blöder Diggelmann im Sittertobel waldauf und waldab, als ob solche Strapazen etwas nützen würden. Aber ja keine Gegenrede! Besser war recht laut melden: «Korporal, Rekrut Dähler, melde mich zurück.» Es tat mir und Anderen etwas später aber bis zum grossen und kleinen Zehen mehr als gut, als wir hören konnten, wie der Kompaniekommandant beim Morgen-Exerzieren unserem Korporal seine Meinung ebenfalls mehr als deutlich sagte. Nur zu meiner Ehrrettung sei gesagt, dass ich dann nach der RS doch noch Auszeichnungen erschoss. Der blöde Korporal stand dann auch nicht mehr hinter mir.

Ohne Hosengurt und -träger

Die Wache führte abends zwei Rekruten aus der Kaserne. Die Hände hatten sie in den Hosensäcken, denn sie mussten den fehlenden Gurt und die Hosenträger ersetzen. «Der muss im Loch etwas Verbrochenes absitzen», klärte mich mein Kollege auf. Damit er nicht «übereschnappi», führen sie ihn täglich für kurze Zeit ins Freie. «Und der Gurt und die Hosenträger», fragte ich. «Die nehmen sie jedem Sträfling ab. So kann er sich nicht das Leben durch Erhängen nehmen.» Diese Aufklärung und dieser Anblick machte mir ungeheuren Eindruck. Schlimm war es auch, wenn der Kompaniekommandant Rekrut XY nach vorn befehligte. Nach der Achtungstellung musste der Arme rechtsumkehrt, also Richtung der Mannschaft mit vielen Augen, machen. Erst kam die schmachvolle Abkanzelung, dann das Strafmass und dann endlich der Befehl «Eintreten».

Dabei gab es zwei Arten von Arrest. «Scharf» hiess Tag und Nacht im Loch. «Halbscharf» hiess tagsüber ausrücken, nachts in das Loch. So etwas soll mir ja nie passieren. Da ist ja «lausiger Kerl» regelrecht harmlos, ging es mir zufriedenstellend durch den Kopf.

Erstmals auf dem Säntis

Anderthalb Tage freie Zeit in der Sommerzeit war für mich schon seit vier Jahren nur Wunschdenken. Der Bauernknecht hatte eben auch am Sonntag das Vieh zu besorgen. Als Appenzeller musste ich im Unterland erleben, dass ich schon bald zu den Wenigen gehören würde, die in meinem Alter noch nicht auf dem Hohen Kasten und dem Säntis waren. So war das Wochenende für mich und meine Schwester Marie ein ganz grosses Erlebnis. Über die Meglisalp und den Rotsteinpass ging es hinauf und über den Oberen Mesmer via Seealpsee wiederum nach Wasserauen. Als Rekrut durfte ich im Urlaub das Tenue nicht wechseln. Das machte mir aber gar nichts aus. Auf den rauhen Wander- oder Kletterwegen konnte ich bis auf 2500 Höhenmeter die bundeseigenen Nagelschuhe abnützen und nach meinem Dorf Gais Ausschau halten. Ein gewaltiges Erleben.

Josef Dähler, Mammern

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