Erinnerungen an die Vorkriegs- und Kriegszeit

Vor 75 Jahren begann die Vorzeit, und 1939 war der Beginn des Zweiten Weltkrieges.

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Vor 75 Jahren begann die Vorzeit, und 1939 war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Obwohl der englische Premierminister Chamberlain samt seinem legendären Regenschirm (laut Bildern in der Appenzeller Zeitung) laufend auf Vermittlungstour war, geschah der Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich. Etwas später dann, im März 1939, marschierten sie auch in die Tschechoslowakei ein. Schon 1938 wurde unterhalb des Stoos' Tag und Nacht gegraben und gemauert. Es sei wegen der besseren Bindung des Betons, wurde uns erklärt, und alles sei Geheimsache.

Ich erinnere mich noch gut an die Mobilisierung des Grenzschutzes in der letzten Augustwoche. Mitten in der Nacht weckten mich Trompetensignale. Vom Schlafzimmerfenster aus vernahm ich den Befehl, dass der Grenzschutz sofort einzurücken habe.

Am 1. September mähten wir zu zweit am Hirschberg in einer grossen Waldschneise das Gras. Am frühen Nachmittag hörten wir vom Kirchturm in Gais auf einmal die Kirchenglocken Sturm läuten. Für uns war klar: Jetzt ist der Krieg ausgebrochen. Kurz darauf hörten wir schon die Pferdefuhrwerke der Starkenmühle auf ihren Platz fahren. Sie machten offenbar auf ihrer Tour kehrt. Ross und Mann waren stellungspflichtig. In meiner Phantasie glaubte ich schon an die Auffahrt der Kanonen, die Richtung Rheintal die Schweiz sichern sollten.

Nach dem Ruf der Glocken traten wir früher als geplant den Heimweg an. Unser Pferd, die starke Lisi, war zum Glück nicht militärpflichtig. Mein Meister Willis Nölde vom Lanzen war ein alter Mann und wusste deshalb viel vom letzten Weltkrieg zu erzählen. Auf dem Heimweg trafen wir Soldaten mit Gewehr und Tornister. Den Helm fest geriemt über dem Brotsack. Sie waren guten Mutes und der überzeugten Meinung, bald wieder zu Hause zu sein. Rechsteiners Hans und wohl noch etliche glaubten an ein schweres, aber kurzes Feuergefecht zwischen den Franzosen links des Rheins und den Deutschen gegenüber. Einrückende Soldaten rechneten bei einem allfälligen Krieg mit einer sofortigen Hilfe der Engländer. Ja, sie waren überzeugt, dass das grossmaulige Deutschland eine schnelle und zerschmetternde Niederlage einheimsen werde. Von Amerika war nicht die Rede.

Im Radio verkündete Hitler, es werde zurückgeschossen. Später hörten wir nur von Siegen und Vormärschen. Die deutschen Meldungen wurden mit rassigen Soldatenliedern umrahmt. Unsere Männer blieben auf dem Feld. Auch Weihnachten feierten sie als Soldaten irgendwo im Schweizerland. Die Schüler der oberen Klassen schrieben Briefe an unbekannte Männer im Soldatendienst. Das Echo war toll. Daraus ergaben sich sogar bleibende Verbindungen.

In der Winter-Fortbildungsschule versuchten die Lehrer, uns Jungbauern das Gärtnern oder wenigstens die Liebe und Vorfreude dazu zu eröffnen. Im Frühjahr gab es dann für alle Landbesitzer spezielle Kurse. Diese Lehrgänge erlebte ich allerdings nicht mehr in Gais. Auf den 1. Februar 1940 kam ich auf den Bauernhof Dreibrunnen in der Nähe von Wil. Bei späteren Besuchen in meiner Heimat sah ich auf den Hemetli bis hoch hinauf grosse Hausgärten. Rundum waren Äcker zu sehen. Zwischen Gais und Appenzell wurden die Streuewiese entwässert und die vielen Löcher aufgefüllt. Viel fruchtbares Erdreich entstand. All das half dem Schweizervolk und den vielen Flüchtlingen zum Überleben.

Bei Dreibrunnen westlich von Wil, an meiner neuen Stelle als Knecht, konnten die Bauern die Armee um die Mithilfe der Trainpferde samt Soldat ersuchen. Bei uns transportierten die Zweiergespanne Erde und Mist. Am späteren Nachmittag kam der Korporal mit dem Velo dahergesaust. Sein Befehl: sofort ausspannen und einrücken. Dass die Deutschen Frankreich überfallen wollen, war wohl klar. Geheim aber war, von welcher Seite, oder ob die starke Maginotlinie von den Deutschen direkt genommen oder umgangen wird. Wenn umgangen, dann eventuell durch oder über die Schweiz oder von Nordwesten her.

Die Schweizer Armeeführung befürchtete einen Grossangriff der Deutschen über unser Vaterland. In der Nacht holten die Soldaten bei den Bauern die Fuhrwerkwagen und alles, was gut beweglich war. Mit den Pferden wurden sie auf den Militärflughafen Thurau südöstlich des Städtchens Wil gefahren. Mit dem grossen, losen Wagenpark solle damit eine Landung deutscher Flugzeuge verhindert werden, hiess es.

Die grosse Angst war berechtigt. In dieser Nacht durchbrach das deutsche Heer aber die holländische Grenze. Wir konnten fürs erste aufatmen. Die Pferdewagen konnten den Besitzern zurückgebracht werden. Gott sei auch dafür gedankt.

Josef Dähler, Mammern