Er könnte einen Krimi schreiben

Der Beruf von Amtsarzt Daniel Nützi ist kein einfacher. Nützi hat unter anderem die Aufgabe, bei aussergewöhnlichen Todesfällen die Ursachen zu klären. Auch bei Verkehrsunfällen mit Toten ist er meist einer der ersten am Unfallort.

Martina Signer
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Daniel Nützi ist Facharzt für Allgemeinmedizin und einer von drei Amtsärzten im Toggenburg. (Bild: Martina Signer)

Daniel Nützi ist Facharzt für Allgemeinmedizin und einer von drei Amtsärzten im Toggenburg. (Bild: Martina Signer)

LICHTENSTEIG. Wenn Daniel Nützi nach einem Einsatz als Amtsarzt zuerst einmal tief durchatmen muss und die eine oder andere Träne vergiesst, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Feststellung des Todes eines älteren Menschen. Nein, das passiert dem Amtsarzt vor allem bei tödlich verunglückten Kindern. «Wenn ich nicht weinen würde, nachdem ich ein Kind unter einem Zug hervorgeholt habe, wäre ich wohl kein Mensch. Dann müsste ich mein Amt abgeben.»

Dies ist einer der Fälle, die noch lange nachhallen. So geschehen vor einigen Jahren in Wattwil. Das Kind war drei Jahre alt. Doch wie kann man so etwas verkraften? «Herauszufinden, warum ein Mensch gestorben ist, ist die letzte gute Tat, die man ihm erweisen kann.»

Wenn es wie ein Krimi klingt

In seiner Laufbahn als Amtsarzt sind Daniel Nützi viele tragische Fälle begegnet. Viele schreckliche Bilder haben sich ihm nach Verkehrsunfällen, nach Suiziden oder nach Morden gezeigt. Grotesk verrenkte Körperteile zu sehen, das liegt fast schon an der Tagesordnung, wenn Daniel Nützi zu einem Verkehrsunfall gerufen wird. «Man muss das verarbeiten können», sagt er.

Und auch schwere Gewaltverbrechen machen vor der vermeintlich heilen Welt im Toggenburg nicht halt. Dies weiss Daniel Nützi nicht erst seit dem Fall von Fredy K., der Anfang Mai in Lichtensteig einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen ist. Daniel Nützi war aber nicht vor Ort. Er hatte Ferien.

Lidreflexe zu testen, reicht nicht

Dennoch könnte der Haus- und Amtsarzt wohl den einen oder anderen Kriminalroman schreiben. Denn was sich auf den ersten Blick vielleicht als Tod aufgrund fortgeschrittenen Alters präsentiert, kann auch genauso gut ein Mord gewesen sein. «Es reicht nicht, den Tod eines Menschen im Altersheim damit festzustellen, dass man die Reflexe der Augenlider testet. Denn es liegt immerhin im Bereich des Möglichen, dass ein Pfleger zum Mörder wurde.»

Oder es könnten auch Verwandte gewesen sein, die auf ihr Erbe aus sind. Angehörige, die froh wären, wenn die zur Belastung gewordene Grossmutter endlich ginge. Die Leiche auszuziehen und umzudrehen, ist das mindeste, was auch ein Arztkollege, der nicht als Amtsarzt tätig ist, tun muss, um ein allfälliges Tötungsdelikt ausschliessen zu können. Handelt es sich aber tatsächlich um ein Verbrechen, wird sofort die Spurensicherung angefordert. Dies zum Beispiel, wenn Stichwunden gefunden werden.

Opfer und Täter untersuchen

Daniel Nützi bezeichnet Amtsärzte als verlängerten Arm der Gerichtsmedizin und als Fachexperten für die Untersuchungsrichter. Amtsärzte kommen zum Einsatz, wenn es um aussergewöhnliche Todesfälle (siehe Kasten), fürsorgerische Unterbringungen – zum Beispiel bei Suizidgefahr – oder auch um die Beurteilung der Hafterstehungsfähigkeit von Delinquenten geht.

Wenn in einem Heim ein Norovirus ausbricht, überprüft der Amtsarzt, ob die nötigen Schritte angewendet werden. Bei häuslicher Gewalt dokumentiert der Amtsarzt Verletzungen, damit Wegweisungen verfügt werden können. Nach Vergewaltigungsfällen werden sowohl das Opfer als auch der Täter körperlich untersucht, damit geklärt werden kann, ob das Gewaltverbrechen auch tatsächlich geschehen ist. «Wenn das Verletzungsmuster nicht mit einer Vergewaltigung übereinstimmt, muss oft davon ausgegangen werden, dass sich das vermeintliche Opfer die Verletzungen selbst zugefügt hat.»

Enormer Erfahrungsschatz

Er sei ein Amtsarzt-Urgestein, sagt Daniel Nützi, der diesen Beruf seit 1992 ausführt, über sich selbst. Er ist einer von drei Amtsärzten im Toggenburg. Sein Pensum ist mit 90 Prozent das höchste der drei. Schon sein Vater war Amtsarzt.

Der Erfahrungsschatz von Daniel Nützi ist enorm. In fast einem Vierteljahrhundert hat er schon unzählige aussergewöhnliche Todesfälle gesehen und fürsorgerische Unterbringungen angeordnet. Es gab schreckliche Situationen, aber überraschenderweise auch witzige.

«Eine schizophrene Frau hat Zeter und Mordio geschrien, weil ihr Mann sie angeblich im gemeinsamen Haus betrogen hat.» Gemeinsam mit der Frau schnupperte Daniel Nützi daraufhin jedes Sofa und jedes Bett ab, um herauszufinden, ob diese nach fremdem Parfum riechen. Die ungewöhnliche Vorgehensweise trug Früchte.

Die Frau konnte beruhigt und eine Hospitalisierung umgangen werden. «So etwas macht man natürlich nicht jeden Tag. Aber manchmal muss man ungewöhnliche Methoden ergreifen, wenn man es mit psychisch kranken Menschen zu tun hat.»

Gespräche mit Angehörigen

Daniel Nützi sieht sich auch ab und zu mit Drohungen und Rekursen konfrontiert. Etwa dann, wenn fürsorgerische Unterbringungen nicht hingenommen werden wollen. Wahr gemacht wurden diese Drohungen, die meist im Affekt ausgesprochen werden, aber noch nie. Auch Rekurse werden meist zurückgezogen.

Oft kommen Angehörige nach Verkehrsunfällen zu ihm, um die genauen Umstände zu erfahren, die zum Tod des Sohnes, der Schwester, des Vaters geführt haben. «Die Angehörigen wollen eigentlich vor allem eines wissen: ob die Person lange leiden musste, bevor sie gestorben ist.»