Er ist Pfarrer für ein Jahr

Dieses Jahr erweist Manuel Roth als Gidio Pfarrer dem tragisch verstorbenen Gidio Hosenstoss seine letzte Ehre.

Stephanie Häberli
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Mehrere Monate war Manuel Roth mit den Vorbereitungen für den Umzug am Aschermittwoch beschäftigt.

Mehrere Monate war Manuel Roth mit den Vorbereitungen für den Umzug am Aschermittwoch beschäftigt.

Bild: Stephanie Häberli

Etwas ausserhalb von Waldstatt wohnt der diesjährige Gidio-Pfarrer Manuel Roth. In der Garage seiner Familie steht der Leichenwagen, mit welchem Gidio Hosenstoss jedes Jahr zu seinem Begräbnis gefahren wird. Der 14-jährige Roth kennt diese Tradition schon seit seiner Kindheit. Trotzdem konnte er sich lange nicht vorstellen, einmal selbst die Figur des Gidio-Pfarrers zu verkörpern. «Als Kind langweilte mich die Predigt immer.» Dies änderte sich erst vor ein paar Monaten, als sein Jahrgang an der Reihe war, das Pfarramt zu übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt dachte Roth zum ersten Mal, dass es bestimmt eine spannende Aufgabe wäre.

Vor rund einem Jahr erhielt er tatsächlich die Anfrage von seinem Vorgänger Luca Küttel. Sofort zugesagt hat der Schüler, der die zweite Sekundarstufe besucht, jedoch nicht. Diese Entscheidung wollte er zuerst mit seinen Eltern besprechen. «Meine Eltern ermunterten mich, die Anfrage anzunehmen. Sie waren überzeugt, dass ich durch diese Erfahrung viel lernen werde.» Nach der Zusage übergab ihm sein Vorgänger das Gewand und den Ordner. Darin befindet sich unter anderem eine Auflistung der Aufgaben, die ein Gidio-Pfarrer im Laufe seines Amtsjahres zu erledigen hat.

Predigt und Todesursache noch geheim

Eine zentrale Aufgabe des Pfarrers ist das Verfassen der Predigt. Traditionsgemäss fasst diese auf humorvolle Art und Weise, die Geschehnisse des vergangenen Jahres in Waldstatt, der Schweiz und der Welt zusammen. Zudem wird erzählt, wie Gidio Hosenstoss gelebt hat. «Wie er nach Waldstatt kam und seine Schulzeit wahrnahm, beschreibt jeder Pfarrer ähnlich», meint Roth.

«Was Gidio Hosenstoss aber während dieser Zeit erlebt und woran er schlussendlich stirbt, ist der Fantasie des Verfassers überlassen.»

Auf die Frage, ob es schwierig war, eine noch nie vorgekommene Todesursache zu bestimmen, zögerte Roth kurz. «Ich musste schon überlegen. Leider blieb mir keine andere Wahl. Ich musste mich einfach entscheiden.» Die Todesursache wird aber erst am Aschermittwoch verraten.

Unterstützung durch Familie und Mitschüler

Beim Erledigen der Aufgaben legte auch das Umfeld des Schülers Hand an. Sein Vater half ihm beim Verfassen der dreiseitigen Trauerrede.

Einige der Aufgaben konnte Manuel Roth seinen Klassenkameraden übergeben. Einen seiner Mitschüler ernannte er zum Polizeichef. Dessen Aufgabe ist es, Schüler zu animieren, während des Umzugs nach dem Rechten zu schauen. Weiter wurde ein Funkenchef bestimmt. Dieser hat die Verantwortung für den Funkensonntag inne. Zu guter Letzt kümmern sich zwei Mädchen um den Wagenbau und die Gidio Puppe.

Trotz grosszügiger Unterstützung hat Roth noch viel zu tun. Momentan ist er primär mit der Sponsorensuche beschäftigt. Der Schüler erklärt, dass es leider immer schwieriger wird, die Ausgaben zu decken.

«Es sind jedes Jahr ähnliche Sponsoren, die uns unterstützen. Leider sind die Beträge nicht mehr ganz so grosszügig wie in den vergangenen Jahren.»

Die diesjährige Trauerrede hingegen steht schon fast in ihrer endgültigen Form. «Nur eingeübt habe ich sie noch nicht. Das hat aber noch etwas Zeit.» Nervös ist Roth bislang kaum. Wenn er an seinen grossen Moment denkt, wird ihm dennoch etwas mulmig zumute. «Es ist das erste Mal, dass ich vor so vielen Leuten spreche.»

Nichtsdestotrotz freue er sich auf den Moment, Gidio Hosenstoss auf seiner letzten Reise durch Waldstatt zu begleiten, sagt Roth. «Ich kann es kaum erwarten, das Resultat meiner Arbeit zu begutachten.»

Wichtige Erfahrungen für sein Leben

Manuel Roth ist überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, die Aufgabe anzunehmen. «Ich werde das Organisieren vermissen. Ich mag es, zu schauen, dass etwas funktioniert.» Er freut sich zwar, das Amt weiterzugeben, betont aber, dass mit der Übergabe eine schöne Zeit zu Ende geht. Der Schüler ist überzeugt, dass er im vergangenen Jahr wichtige Erfahrungen für sein Leben gemacht hat. Auch wenn es ihm manchmal etwas schwerfiel. «Eine der grössten Herausforderungen war das Telefonieren mit Fremden. Oft musste ich sogar persönlich vorbeigehen. Das brauchte nicht selten etwas Überwindung.»

Für seine Nachfolge ist Manuel Roth selbst verantwortlich. Bereits nach dem Umzug wird verkündet, wer das Amt übernehmen wird. Fündig geworden ist er bis anhin noch nicht. Laut Roth sei es gar nicht so einfach, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Was er dem zukünftigen Gidio-Pfarrer mit auf den Weg geben möchte, steht für ihn aber bereits fest: «Man soll unbedingt früh genug mit den Vorbereitungen beginnen.» Um diesen Ratschlag wäre er im Verlaufe des Jahres selbst manchmal froh gewesen.