«Er ist der beste Chef, den es gibt»

Schwester Agatha aus Vorarlberg lebt im leeren Kloster Maria der Engel in Appenzell. Vorerst für ein Jahr. Und mit der Hoffnung, dass die Räume bald wieder von einer geistlichen Gemeinschaft belebt sein werden. Von Regula Weik (Text) und Michel Canonica (Bilder).

Drucken
Teilen
Schwester Agatha im Gang mit den Zimmern für Pilger und Gäste und im Gemüsegarten. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Schwester Agatha im Gang mit den Zimmern für Pilger und Gäste und im Gemüsegarten. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Sie zieht eine Wolljacke an und führt hinaus in den Garten. Die meisten Beete sind geräumt, winterfest gemacht. In einem wächst trotz der kalten Nächte noch frischer Salat. Schwester Agatha wird ein grüner Daumen nachgesagt. «Wer sagt das?», fragt sie. Ihre Freude am Garten kann sie schwer verbergen. Sie schneidet einen Salat. «Gartenarbeit ist ein guter Ausgleich.»

Vorschuss an Vertrauen

Sie sei naturverbunden aufgewachsen, erzählt sie später. In der Nähe von Salzburg. In einer Bergbauernfamilie mit fünf Kindern; sie ist das älteste. Da habe es immer viel zu tun gegeben. «Ich hatte eine positive Einstellung zur Arbeit.» Der Hof ihrer Eltern lag 1000 Meter über Meer. Sie sei sich Hügel und Berge gewohnt. Schon früh zog sie als Sennerin auf die Alp, schaute nach den Tieren, stellte Butter und Käse her. Die Eltern hätten ihr «einen grossen Vorschuss an Vertrauen» gegeben – «ein 16jähriges Mädchen allein auf einer Alphütte, da hätte einiges schiefgehen oder manche Flause ihre Blüten treiben können». Es geschah nichts dergleichen. Sie zögert bei der Frage, ob sie immer brav und angepasst gewesen sei. Ihr aktuelles Vorhaben sei schon «eine ziemlich verrückte Idee».

Vor acht Jahren aufgehoben

Ende Frühling ist Schwester Agatha ins Kloster im Dorfzentrum von Appenzell eingezogen – mit der Idee, hier eine neue geistliche Gemeinschaft zu gründen. Das in Zeiten, da viele Klostergemeinschaften vor grossen Problemen stehen. Und die Schliessung von Klöstern längst kein Tabu mehr ist. «Ein grosses Wagnis, ich weiss.»

Sie hat den Gast durch den langen Gang ins Refektorium geführt. Den Weg in den Speisesaal des Klosters haben die Schwestern früher nach dem Gebet schweigend zurückgelegt. Letztmals im April 2008. Fünf waren es damals noch; ihr Durchschnittsalter lag über 75. Das zehrte an ihren Kräften und brachte sie öfter an den Rand der Erschöpfung. Und so beschlossen die fünf Kapuzinerinnen, sich an den Apostolischen Stuhl in Rom zu wenden mit der Bitte, das Kloster aufheben zu dürfen. Ein nicht alltäglicher Schritt. Die Schwestern zogen damals von Appenzell ins Kloster Grimmenstein bei Walzenhausen. Seither steht das Kloster Maria der Engel leer.

Das bot Raum für Spekulationen – erst recht an einem derart prominenten Platz im Dorf. Luxuswohnungen? Wellness-Hotel? Kongresszentrum? Die Schwestern hatten einen Wunsch zurückgelassen: Die Klosterliegenschaft solle auch nach ihrem Auszug einer geistlichen Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck wurde eine Stiftung gegründet; sie ist heute die Hüterin dieses Anliegens.

Schwester Agatha schaut sich im Refektorium um. 43 Schwestern hatten in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hier an den Tischen gesessen. So viele wie früher und später nie mehr. Im Laufe von 330 Jahren – bis zur Klosteraufhebung vor bald acht Jahren – hatten insgesamt 370 Schwestern in den Räumen gelebt. Heute ist sie die einzige. An manchen Tagen teilt sie den Tisch mit Pilgern. 20 werden maximal aufgenommen; sie verbringen die Nacht in einfachen Zimmern. Ein Bett, ein Stuhl, eine Kommode. Über der Tür das Namensschild einer ehemaligen Schwester. «Bei uns haben die Zimmer keine Nummern wie in einem Hotel. Bei uns muss sich der Gast einen Schwesternnamen merken, um in sein Zimmer zurückzufinden.»

Manchmal setzen sich Menschen mit an den Tisch, die sich «eine Auszeit gönnen», einen Tag, eine Woche oder auch länger. Menschen, die «genug vom Zuviel» haben. Menschen, die Stille und Einfachheit suchen. Menschen, die neue Kraft zu schöpfen versuchen und eine spirituelle Erfahrung suchen. «Wellness für die Seele», nennt es Schwester Agatha.

Ein Neuaufbruch

Das tönt wenig nach klassischem Klosterleben. Sie nickt und winkt gleichzeitig ab. Solche Neuaufbrüche könnten nicht erzwungen werden – «es braucht Offenheit und Gottvertrauen». Sie erinnert an das «wundertätige Kreuz», das im oberen Stock hängt. Dort hätten die Kapuzinerinnen in früheren Jahrhunderten um Baumaterial für ihr Gebäude gebetet. Und so bete auch sie heute für eine Zukunft für das Kloster Maria der Engel – «und für Gschpänli». Sie kann sich vorstellen, dass sich «ein kleinerer Kreis von Frauen bildet, die hier ein Klosterleben führen». Kapuzinerinnen, wie die ehemaligen Schwestern des Klosters? Oder Zisterzienserinnen, der Orden, dem sie angehört? Beides sei denkbar. Sie möchte die Frauen, die mit ihr gehen, auch mitentscheiden lassen. Sie schmunzelt – «vielleicht entsteht hier ein neuer Orden, ein Appenzeller Orden».

Der Weg übers Medizinstudium

Nach einer Pause meint die 54-Jährige: «Ich könnte es anderswo einfacher haben.» Doch sie vertraut darauf, dass Gott ihr zeigt, ob es nur «meine Idee oder auch sein Wunsch ist, dass hier etwas Neues wächst». So wie damals, als sie während des Medizinstudiums merkte, dass der Gedanke an ein Leben im Kloster sie nicht losliess. Pure Einbildung? Oder Gottes Wunsch? Sie habe mit sich gerungen – stark, sehr stark. «Ich war hin und her gerissen. Es gab viele neblige Tage, an denen ich nicht wusste, wo es mich hinführt.»

Sie wollte Menschen helfen. «Und kranke Menschen brauchen unsere Unterstützung ganz besonders.» So hatte sie sich für das Studium der Medizin entschieden. Sie zog nach Wien, studierte und absolvierte Spitalpraktika – und machte dabei eine «nachhaltige» Erfahrung: Eine Frau war mit Verdacht auf Brustkrebs eingeliefert worden. Während das Operationsteam auf den Befund aus dem Labor wartete, überlegte sie sich: Wie geht es jetzt wohl dem Ehemann? Wie den Kindern? Hoffentlich passiert im Labor kein Fehler, hoffentlich entscheiden die Ärzte richtig. Umgetrieben von diesen Fragen, begann sie zu beten. Und da habe sie so richtig gespürt, wie wichtig «das stellvertretende Gebet» sei. Sie lacht. «Seither führe ich eine Gebets-Intensivstation.» Für Krebskranke, für Depressive, für Alkoholiker. Für alle Kranken. Und für ihre Angehörigen.

«Ich war so verliebt in Jesus»

Als sie kurz vor den letzten Prüfungen ihres Medizinstudiums stand und gefragt wurde, ob sie schon eine Assistenzstelle habe, verneinte sie und antwortete: «Es gibt ja noch den lieben Gott.» Um die Doppeldeutigkeit dieser Aussage wusste nur sie.

Nach einer Probewoche im Zisterzienserinnenkloster Mariastern nahe Bregenz war ihr klar: Hier ist mein Platz. Doch sie wollte ganz sicher sein und stellte sich noch einmal auf die Probe. Eine Nacht lang. «Wenn das Gefühl morgen noch so ist, dann stimmt es.» Als sie aufwachte, war es noch da. «Von dieser Gewissheit zehre ich heute noch», sagt sie. Die letzte «Prüfung» sei dann das Gespräch mit der Frau Oberin gewesen: «Ich konnte es kaum erwarten. Ich war schon so verliebt in Jesus.» Heute, mit über dreissig Jahren Klostererfahrung, sagt sie: «Er ist der beste Chef, den es gibt.»

Auch das Kloster Mariastern sei das richtige gewesen. Trotzdem hat sie im Frühling ihre Gemeinschaft in Vorarlberg verlassen und ist – vorerst für ein Jahr – nach Appenzell gezogen. Die Anfrage war eine weltliche gewesen – für einen Vortrag über Hagiotherapie. Sie bietet diese seit 13 Jahren an. Erfolgreich, heisst es aus Therapeutenkreisen. Sie selber liesse sich nie ein solches Urteil über ihre Arbeit entlocken. Bevor sie für den Fotografen den Gang auf und ab marschiert, drückt sie dem Gast einen Prospekt in die Hand. Dort ist zu lesen: «Hagio heisst heilig. Heilig deshalb, weil die Geistseele das Zentrum, das Heiligste im Menschen ist, sein unverwechselbarer innerster Kern.» Hagioassistentin Sr. Dr. med. Agatha Kocher – so ihre Benennung auf dem Prospekt – spricht von einer Gesprächstherapie mit spirituellem Inhalt. Sie könne dabei ihre medizinischen Kenntnisse und die Erfahrungen des Klosterlebens verbinden. Wer zu ihr in die Therapie kommt, muss nicht gläubig sein. Auch Atheisten zählen zu ihren «Kunden». «Ich stülpe niemandem einen Glauben über», sagt sie. Wer sich ihr anvertraut, muss nicht befürchten, dass der Nachbar von seinen Problemen erfährt. Sie untersteht der Schweigepflicht.

Putzen, kochen, jäten, beten

So reiste Schwester Agatha im Sommer 2013 wegen des Vortrags erstmals nach Appenzell. Idee des Stiftungsrats von Maria der Engel war es, die Therapie künftig im Kloster anzubieten. Doch zuerst wollte er am Vortrags- und Informationsabend den Puls der Bevölkerung spüren. Wird das Angebot akzeptiert? Es wurde. Nicht zu konservativ, nicht zu progressiv, lautete das Urteil. Nur eine Person machte dem Stiftungsrat einen Strich durch die Rechnung: Schwester Agatha. Der Stiftungsrat hätte sie gerne nach Appenzell geholt. Dreimal sagte sie ab. «Ich gehöre nicht hierher. Mein Platz ist anderswo.» Doch je länger sie sich mit dem Gedanken auseinandersetzte, desto stärker fühlte sie sich «von Gott nach Appenzell geleitet». Ende Mai zog sie in Maria der Engel ein. In ein Gebäude mit dunklen, hallenden Gängen und kühlen, unbewohnten Räumen. Und mit zwei Teilzeitangestellten. Auch sie habe eine «weltliche» Anstellung. Sie wischt die Gänge, putzt die Zimmer, bereitet das Frühstück zu, kocht das Abendessen, spült das Geschirr, jätet Unkraut, giesst die Pflanzen. Sie bietet Gebetsabende und Exerzitien an. Sie nimmt sich Zeit für Anliegen, die an der Pforte an sie herangetragen werden, und sie bewegt sich im Dorf. Sie sei «erlebbar», sie verkrieche sich nicht hinter den Klostermauern.

Ihr Tag sei ein Wechsel von Arbeit und Gebet. «Mir ist nie langweilig.» Verspürt sie nie Angst, allein in dem grossen Gebäude? «Ich bin nicht allein», sagt sie verschmitzt. «Es hat so viele Engel und Heilige hier im Haus.» Dann, nach einer Pause: Diese Stille sei auch eine Hilfe, noch offener zu sein – für Gott.

Eine Art Rückgabe an die Schweiz

Vermisst sie ihre Gemeinschaft in Mariastern? «Im Geiste bin ich mit ihr verbunden.» Dann fügt sie an: Es sei eine Herausforderung, es tagein, tagaus allein mit sich auszuhalten. Sie habe das früh gelernt – als Sennerin auf der Alp.

Hat sie kein schlechtes Gewissen, ihr Heimatkloster im Stich gelassen zu haben? «Die Erlaubnis von Mariastern war die Voraussetzung, um ein Jahr ausserhalb des eigenen Klosters leben zu können.» Und dann ist da noch ein Gedanke. Nachdem der Kanton Thurgau im 19. Jahrhundert drei Stammklöster der Zisterzienserinnen – Kalchrain, Feldbach und Tänikon – aufgehoben hatte, suchten die heimatlos gewordenen Schwestern Zuflucht in Vorarlberg. Im Kloster Mariastern fanden sie eine neue Heimat. Ihr Engagement in Appenzell sei vielleicht auch «eine Möglichkeit, der Schweiz etwas zurückzugeben» – wenn auch in einem andern Kanton.

Wie zuversichtlich ist sie, dass in Appenzell eine neue Gemeinschaft wächst? Sie sei mit einigen Personen in Kontakt, die sich die Frage eines Klosterlebens stellten. Wer kann sich bei ihr melden? «Menschen, die offen sind, einen neuen Weg zu suchen und diesen gemeinsam zu gehen.» Sie verstehe sich als «erstes Samenkorn» für eine neue Gemeinschaft. Diese müsse langsam und natürlich wachsen. Ihr Blick schweift durchs Fenster hinaus in den Garten und bleibt am Salatbeet hängen. Manchmal erntet sie zu unerwarteter Zeit. Wie an diesem Nachmittag.

Schwester Agatha im Gemüsegarten des Klosters. (Bild: Michel Canonica)

Schwester Agatha im Gemüsegarten des Klosters. (Bild: Michel Canonica)

Schwester Agatha im Refektorium, dem Speisesaal des Klosters. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Schwester Agatha im Refektorium, dem Speisesaal des Klosters. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Das Kloster Maria der Engel liegt mitten im Dorf Appenzell. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Das Kloster Maria der Engel liegt mitten im Dorf Appenzell. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Aktuelle Nachrichten