Er hält fest, was bald zu Ende geht

Der Fotograf Georg Gatsas lebt in Waldstatt. Die Ausserrhoder Kulturstiftung hat ihm einen sechsmonatigen Werkaufenthalt in London ermöglicht, wo er demnächst in der Dubstep-Szene mit der Kamera vergängliche Momente einfangen will.

Ueli Abt
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WALDSTATT. Als «Chronist der Subkulturen und Nischengesellschaften, die im Dickicht der Grossstädte wuchern» bezeichnet der Kunstdozent und Publizist Martin Jäggi den Fotografen Georg Gatsas: In einer Fotoserie zeigt er die Vertreter der Londoner Dubstep-Szene in den Strassen Südlondons – in der Serie «The Process» (2003–2008) rückte er die Protagonisten des New Yorker Untergrunds ins Bild.

Im Kontrast dazu steht sein derzeitiger Wohnsitz, das dörfliche Waldstatt. «Es hilft mir, konzentriert zu arbeiten», sagt der 35-Jährige beim Kaffee im «Treffpunkt» in Herisau. Ausserdem habe er dort eine Wohnung gefunden, deren Grösse ihm die Arbeit erleichtere, etwa bei der Archivierung seiner Fotosammlung. In Zürich, wo er früher lebte und wo eine weitere Bildreihe über die urbane Subkultur entstand und wo er nach wie vor sein Labor hat, begibt er sich nur noch ganz zielgerichtet.

Vergängliches festgehalten

Gatsas' Methode der Wahl ist die analoge Fotografie – seine Aufnahmen auf Kleinbildfilm speist er später in ein digitales Verarbeitungssystem ein. Der analoge Touch seiner Bilder betone die Vergänglichkeit – was etwa bei der Darstellung eines musikalischen Genres, das sich dem Ende zuneige, doch passend sei. Seine Bilder sollen den flüchtigen Augenblick festhalten, ein Gefühl des «Jetzt» vermitteln.

Die Aufnahmen des Fotografen strahlen die Ästhetik von Schnappschüssen aus – Raumhintergründe versinken im Dunkeln, Blitzlicht sorgt für harte Kontraste. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Aufnahmen sorgfältig komponiert sind.

Gatsas will Personen zwar zuweilen als verletzlich darstellen, verletzend soll die Darstellung aber nie sein. Damit grenzt er sich ab von Fotografen wie Terry Richardson oder Jürgen Teller, die in den 90er-Jahren Furore machten. «Sie haben in Zeiten angefangen, in denen sie sich mit schockierend rohen Bildern als Rebellen vom Hochglanz-Mainstream abheben konnten.» Der Knallereffekt halte jedoch nicht an, bald sei ein Punkt erreicht, an welchem sich der Betrachter langweile, so Gatsas.

Mit der Fotoserie «Signal the Future», die er während eines bevorstehenden sechsmonatigen London-Aufenthaltes fertigstellen will, hat er Subtileres vor. Gatsas will die 2008 begonnene Arbeit über die Dubstep-Szene abschliessen, um sie dann als Buch zu publizieren. Möglich macht dies die Unterstützung durch die Ausserrhoder Kulturstiftung, die mit Gatsas zum zweitenmal einer kunstschaffenden Personen einen «Artist-in-residence»-Auslandaufenthalt ermöglicht.

Zufrieden mit Förderpolitik

Gatsas stammt ursprünglich aus Grabs im Rheintal und wuchs in Rorschach auf. Das Appenzellerland empfindet er kulturell gesehen als Ort, an welchem sich Künstler entfalten können – was an der Ausrichtung des Amtes für Kultur beziehungsweise dessen Förderpolitik liege.

Gatsas erhofft sich vom Aufenthalt auch Networking-Gelegenheiten – Netzwerkarbeit sei heutzutage ein Muss für jeden Künstler. Dank seinen Kontakten zur Szene wird es ihm nach eigener Einschätzung leicht fallen, nach dem Unterbruch in der Szene wieder als gern gesehener Zaungast Fuss zu fassen.

Kontaktfreude wichtig

Seine Kontaktfähigkeit spielte denn auch eine Rolle bei der Entdeckung seines Talents als Fotograf. 2003 hatte er in New York Gelegenheit, den Filmemacher und Poeten Ira Cohen zu fotografieren, ihm war er bei einer Lesung in Zürich erstmals begegnet. Gatsas war einer der zahlreichen Zuhörer gewesen, am Rand der Veranstaltung war er mit Cohen ins Gespräch gekommen. «Besuchen Sie mich, wenn Sie in New York sind», hatte er ihm gesagt und ihm die Telefonnummer gegeben.

Gatsas kam bei seinem Aufenthalt in der Metropole bei Cohen unter, wo er den Dichter und Filmemacher porträtierte. Cohen empfahl ihm in der Folge, das Fotografieren weiterzuverfolgen. Gatsas ist Autodidakt – eine Kunsthochschule hat er nie besucht. Er glaubt, dass man den fotografischen Blick nicht lernen kann – man müsse ihn einfach haben. Allerdings sei das nur ein Teil der Kunst. Auch ein begabter Fotograf brauche ständiges Training – und nie versiegende Neugier: «Es kann verhängnisvoll sein, wenn man sich im Lauf der Zeit nicht weiterentwickelt.»