Er druckt wie vor 200 Jahren

Die Appenzeller Zeitung besucht während dreier Wochen spezielle Plätze im Appenzellerland. Urs Graf aus Speicher arbeitet als Lithograph. In seiner Druckwerkstatt pflegt er das jahrhundertealte Handwerk des Steindrucks.

Jesko Calderara
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Die Druckwerkstatt Speicher haben Vorfahren von Urs Graf gegründet. Er übernahm vor 12 Jahren den Betrieb, als sein Onkel altershalber aufhörte. (Bilder: cal)

Die Druckwerkstatt Speicher haben Vorfahren von Urs Graf gegründet. Er übernahm vor 12 Jahren den Betrieb, als sein Onkel altershalber aufhörte. (Bilder: cal)

SPEICHER. Heute gehören der Digital- und Offsetdruck zu den gängigsten Verfahren, um Werbegrafiken sowie Texte zu vervielfältigen. Früher hingegen war die Lithographie, welche auch als Steindruck bezeichnet wird, die am häufigsten angewendete Technik für farbige Drucksachen. Unterdessen wird das alte Handwerk nur noch an wenigen Orten gepflegt. Seit Jahrzehnten ist dies in der Druckwerkstatt von Urs Graf in Speicher der Fall. «Alle Lithographien sind Originalgrafiken», sagt der 50-Jährige. Es handle sich nicht um Replikate vorhandener Bilder. Viel mehr würden künstlerische Konzeption umgesetzt, sagt Graf.

Abstossung von Fett und Wasser

Die Lithographie zählt zu den Flachdruckverfahren. Dabei zeichnet der Kunstschaffende mit Kreide, Bleistift oder Tusche ein Motiv spiegelverkehrt auf eine Kalkplatte. Bei einer einfarbigen Lithographie wird dies die einzige Zeichnung bleiben. Jede weitere Farbe erfordert in der Regel einen separaten Stein. Die Künstler benutzen dabei die gleichen Materialien wie für Bilder auf Papier oder Leinwand. Das grundlegende Prinzip eines lithographischen Druckverfahrens sei die natürliche gegenseitige Abstossung von Fett und Wasser, erläutert Graf.

Sobald der Künstler die Zeichnung vollendet hat, übernimmt der Drucker die weiteren Schritte. Zunächst behandelt er die Steine auf chemische Weise. Dieser als Ätzen benannte Vorgang bewirkt, dass der Bildbereich die fetthaltige Druckfarbe annimmt. Gleichzeitig sollen die leeren Stellen auf dem Stein die Farbe abstossen, nachdem sie mit Wasser befeuchtet wurden. In der Hand- oder der Steindruck-Schnellpresse befeuchtet der Drucker den Stein mit einem Schwamm. Anschliessend stellt Graf Probeabzüge mit verschiedenen Farb- und Papierkombinationen her. «Während des ganzen Prozesses ist es meine Aufgabe, den Kunstschaffenden beratend zur Seite zu stehen.» Es bereite ihm Freude, auf diese Weise Einfluss auf ein Werk nehmen zu können. Mit dem fertigen Abzug als Standard wird dann die gewünschte Auflage gedruckt.

Kunstschaffende als Kunden

Das Einsatzgebiet der Steindruckmethode hat sich mit der Zeit stark verändert. Während früher damit vor allem Gebrauchsgrafiken hergestellt wurden, sind es heute Kunstdrucke. Deren Intensität und Ausdruck werden laut Urs Graf intensiver als im Offsetdruck. Die Druckwerkstatt Speicher ist für verschiedene regionale Künstlerinnen und Künstler tätig.

Der Beruf des Lithographen ist seit längerem ausgestorben. Bereits 1956 wurde die entsprechende Lehre abgeschafft. Urs Graf lernte das Handwerk von seinem Onkel. Peter Stahlberger übergab ihm 2003 den Betrieb. Gründer der Druckwerkstatt war der Grossvater des jetzigen Inhabers, der 1956 nach Speicher zügelte. Nebst dem über 200 Jahre alten Steindruck-Verfahren realisiert Graf auch Originalgrafiken mit den noch älteren Hoch- und Tiefdrucktechniken. Zudem bietet er Kurse und Führungen an.

Diese Schnellpresse ist über 100 Jahre alt.

Diese Schnellpresse ist über 100 Jahre alt.

Bild: JESKO CALDERARA

Bild: JESKO CALDERARA