ENTWICKLUNG: Obst hat schweren Stand

Der Obstbau im Kanton Appenzell Ausserrhoden erlebte eine wechselvolle Geschichte. Immer wieder geriet er fast in Vergessenheit. Heute bekommt er dank der IG Appenzeller Obst neuen Schwung.

Martin Brunner
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Heidi Eisenhut und Hans Sprecher sind von der alten Schrift zum Obstbau fasziniert. (Bild: mb)

Heidi Eisenhut und Hans Sprecher sind von der alten Schrift zum Obstbau fasziniert. (Bild: mb)

Martin Brunner

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Obst ist gesund und vielseitig verwendbar. Was heute als selbstverständlich gilt, war aber nicht immer so. «Vor 1800 gibt es nur spärliche Hinweise auf einen über den Eigenbedarf hinausgehenden Obstbau im Kanton Appenzell Ausserrhoden», sagt die Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut. «Laut Chroniken glückten der ‹Obst-Wachs› und der Weinbau vor allem in den Gemeinden Lutzenberg, Wolfhalden, Heiden, Walzenhausen, Reute und Oberegg.»

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Situation. Aus einer Schrift der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft aus dem Jahr 1833 geht hervor, dass eine Gruppe von Mitgliedern im Schatten von Fruchtbäumen Obst und Süssmost genossen hat. Sie befand sich auf dem Hof von Hans Jakob Tobler in Niederteufen. «Tobler führte einen Musterbetrieb, um aufzuzeigen, was zum Beispiel im Obstbau möglich ist», erklärt die Historikerin. «Man wollte herausfinden, welche Sorten auch in der Höhe gedeihen. Man kann aber davon ausgehen, dass er nicht der einzige war, der Obst professionell anbaute. Dies umso mehr, weil im Jahr 1837 mit der ‹Anleitung zur Obstbaumzucht in besonderer Berücksichtigung des Kantons Appenzell› von Adrian Schiess die erste Publikation zum Obstbau erschienen ist.» Gründe für das Aufkommen des Obstbaus sieht sie unter anderem in der Ernährungssituation. Nach den Hungersnöten von 1770/71 und 1816/17 versuchte man, die Ernährung auf eine breitere Grundlage zu stellen. Zudem wollte man mit der grösseren Vielfalt von Nahrungsmitteln die Gesundheit der Menschen fördern. Dörrobst für den Winter und verschiedene Arten von Most hielten in den Familien Einzug.

Die sogenannte «Volksaufklärung» und die richtige Verbreitung des Obstes beanspruchten aber, wie so oft bei neuen Ideen, viel Zeit. Die Industrialisierung hatte zwar die Heimweberei zurückgedrängt. «Die Handmaschinenstickerei und andere Zweige der Stickerei- und Webereiindustrie hingegen wurde ab 1860 aktuell, weil es den Menschen mehr Geld brachte als der wetterabhängige Ertrag des Bodens oder eine häufig spärliche Obsternte», erzählt Heidi Eisenhut. «Boden und Landwirtschaft wurden wieder vernachlässigt.» Obstbäume standen durchaus, sie wurden aber weder sachkundig gepflegt noch genutzt. Trotzdem kam die Wende, denn mittelfristig bekam die Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaft mehr Bedeutung. «Es ist zu vermuten, dass dies auch den Obstbau betraf, denn Bilder um die Jahrhundertwende zeigen eine Landschaft voll von Obstbäumen.» Diese Bedeutung bestätigt der 70-jährige Landwirt Hans Sprecher aus Wald. Von seiner Grossmutter erhielt er jeweils «Bire­stock». «Das ist ein Mus aus Birnen und Mehl», erzählt er. «Gedörrte Birnen wurden weich gemacht, und wenn man sie noch mit etwas Butter bestrich, waren sie eine Delikatesse.» Der Schlorzifladen, Birnenweggen usw. gehörten damals ebenfalls zum Speiseplan. Sprecher erinnert sich aber auch an Mostereien in seiner Nachbarschaft, die aus der Jahrhundertwende stammen müssen. Zudem ist in den Jahrbüchern des Landwirtschaftlichen Vereins zum Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder von Obst die Rede. 1913 werden 180938 Obstbäume erwähnt. Etwas in Vergessenheit geriet all dies vor allem aufgrund des 2. Weltkriegs. Im Winter 1955/56 war der Vorwinter ausserordentlich mild, so dass die Obstbäume im Januar schon zu treiben begannen. «Es folgte aber ein Februar mit minus 33 Grad Celsius», sagt Sprecher. «Das hatte zur Folge, dass viele Obstbäume abstarben und deshalb bei uns kein Kirsch- oder Glockenapfelbaum älter als 60 Jahre ist.» 1951 zählte man etwas mehr als 105 000 Obstbäume. 1961 waren es noch rund 75 000.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts setzte die Mechanisierung ein. Obstbäume standen den Maschinen im Weg und wurden weggeräumt. «Zu Beginn meiner Aktivzeit als Bauer Mitte der 1960er-Jahre wurden Prämien bezahlt für Fällaktionen von Obstbäumen», sagt Sprecher. 1971 standen 44600, 1981 noch 28000 und 1991 fast 27000. In diesem Jahr 1991 startete der Kanton eine Aktion. Zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft konnten die Bauern günstig neue Obstbäume kaufen, was viele kräf- tig nutzten. Trotzdem sank die Zahl bis 1999 wegen des Feuerbrandes auf 21000. Heute sind es dank der Pflanzaktionen des Kantons immerhin wieder fast 25 000.