Entscheidet am Ende der Steuerfuss?

RICKEN. Das Dorf Ricken ist politisch zweigeteilt, gehört aber als Ganzes zur Schulgemeinde Wattwil-Krinau. Seit vier Jahren diskutiert das Dorf, ob es politisch zu Gommiswald oder zu Wattwil gehören möchte. Beim Entscheid spielt neben der Schule auch der Steuerfuss eine entscheidende Rolle.

Hansruedi Kugler
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Das Dorf Ricken ist politisch zweigeteilt: Der Osten gehört zu Wattwil, der Westen zu Gommiswald. Schulisch gehört das ganze Dorf zur Schulgemeinde Wattwil-Krinau. (Bild: Sabine Schmid)

Das Dorf Ricken ist politisch zweigeteilt: Der Osten gehört zu Wattwil, der Westen zu Gommiswald. Schulisch gehört das ganze Dorf zur Schulgemeinde Wattwil-Krinau. (Bild: Sabine Schmid)

Ennet dem Ricken ist man offiziell stolz auf sich selbst: «Die Gemeinde Gommiswald zählt mit 123 Steuerprozenten zu den günstigsten im ganzen Kanton St. Gallen.» So steht es auf der Homepage der Einheitsgemeinde. Zu dieser gehört auch der westliche Teil des Dorfes Ricken. Bis Ende 2012 gehörten dessen Einwohner noch zur Gemeinde Ernetschwil mit Steuerfuss 157. Der Wechsel zur fusionierten Gemeinde Gommiswald bescherte den westlichen Rickenern eine Steuersenkung um satte 34 Steuerprozent auf die Gemeindesteuern. Ihre Nachbarn im östlichen Teil von Ricken gehören zur Politischen Gemeinde Wattwil und zahlen 151 Steuerprozent. Auf die gesamte Steuerbelastung macht der Unterschied immerhin noch zehn Prozent aus. Der Steuervergleich zeigt: Ein alleinstehender Katholik mit einem steuerbaren Einkommen von 60 000 Franken zahlt im Westen 8951, im Osten 9745 Franken an Gemeinde- und Kantonssteuern. Im Westen 123, im Osten 151 Steuerprozent – für die Gommiswalder Rickener Grund genug, gegen einen allfälligen Wechsel zu Wattwil vorsorglich eine Petition einzureichen.

Vertagter Entscheid

Denn ein solcher schien lange Zeit wahrscheinlich, hatte sich doch eine Mehrheit der Rickener im Sommer 2010 in einer Konsultativumfrage für die Integration in Wattwil ausgesprochen, auch weil man die schulische Zweiteilung des Dorfes befürchtete. Die auf 2011 vorgesehene Abstimmung musste dann aber verschoben werden. Der Kanton beschloss: Erst nach den Gemeindefusionen auf beiden Seiten sollte die Frage der Zugehörigkeit des Dorfes Ricken entschieden werden. Mit ihrer Petition hat die IG Ricken Süd nun den politischen Gremien vorgegriffen.

Steuerfuss wichtig für Zukunft

«Der Steuerfuss spielt sicher eine wichtige Rolle, ist aber längst nicht der einzige Grund», sagt Konrad Arnold von der IG Ricken Süd, der die Petition mit lanciert hat. Der Steuerfuss sei für die Zukunft des Dorfes enorm wichtig: «Neuzuzüger achten nun mal auf den Steuerfuss. 151 Prozent schrecken eher ab. Mit 123 Prozent ist unser Dorfteil attraktiv für potenzielle Zuzüger», meint Konrad Arnold, der als Inhaber den Denner-Satellit in Ricken führt. Auf ihrer Seite des Dorfes habe es noch Baulandreserven und man müsse sich wirtschaftlich gegen Zürich ausrichten: «Von dieser Richtung kommen die Zuzüger.» Den Vorwurf, dass die IG Ricken Süd nur ans Geld denke, lässt Konrad Arnold nicht gelten. Neben dem Steuerfuss spiele nämlich auch die soziale und kulturelle Ausrichtung eine Rolle: Während die östlichen Rickener bei den Vereinen eher nach Wattwil orientiert sind, seien die westlichen Rickener nach Gommiswald und Ernetschwil ausgerichtet. Er selbst spielt in der Musikgesellschaft Ernetschwil.

Die unterschiedliche Ausrichtung der Vereine sei aber nie ein Problem gewesen: «Bis jetzt waren wir ein Dorf, das zwei politischen Gemeinden und einer Schulgemeinde angehörte. Wir hatten den Frieden und das soll auch bald möglichst wieder so sein.» Die Diskussion über eine allfällige Änderung der Gemeindegrenze hält er für überflüssig, denn die Schule Ricken könne man per Vertrag regeln. Die Petition zum Erhalt des Status Quo sei von 80 Prozent der Rickener auf Gommiswalder Seite unterzeichnet worden.

Schulstandort Ricken unsicher

Die Petition der IG Ricken Süd fordert einerseits den Verbleib des westlichen Teils von Ricken bei Gommiswald und anderseits Verhandlungen über einen Schulvertrag mit der Schulgemeinde Wattwil-Krinau über die künftige Beschulung der Rickener Kinder im Dorf. Die Rickener Schulkinder gehen gemäss jetziger Regelung vom Kindergarten bis zur dritten Klasse ins Schulhaus Ricken, von der vierten bis sechsten Klasse ins Schulhaus Schönenberg. Die beiden Aussenschulen sind allerdings nur überlebensfähig, wenn alle Kinder aus dem ganzen Schulkreis Ricken-Hummelwald-Schönenberg zusammengenommen werden können. Die Oberstufe besuchen sie dann in Wattwil. Falls Wattwil wie Gommiswald eine Einheitsgemeinde wird, müssten die Grenzen so angepasst werden, dass diejenige der Schulgemeinde und der politischen Gemeinde deckungsgleich sind. Die westlichen Rickener wären dann nicht mehr Bürger der Schulgemeinde Wattwil-Krinau mit voller Mitbestimmung und die Beschulung ihrer Kinder in der Schulgemeinde Wattwil-Krinau müsste mit einem jederzeit kündbaren Vertrag geregelt werden. Ob die Gommiswalder aber lange bereit wären, jedes Jahr rund 270 000 Franken (so hoch war der Betrag im Jahr 2012 für 16 Schulkinder) für diese Beschulung nach Wattwil zu überweisen, sei allerdings fraglich, meint der Wattwiler Schulratspräsident Norbert Stieger. Wenn diese Schulkinder auf Gommiswalder Klassen verteilt werden könnten, käme dies wohl der Gemeinde Gommiswald wesentlich günstiger. Das wäre dann aber wohl das Ende der Schule Ricken.

Ball liegt in Gommiswald

Wie beurteilt man die Zweiteilung des Dorfs Ricken im Wattwiler Gemeindehaus? «Unsere Haltung hat sich in den letzten drei Jahren grundsätzlich nicht verändert», sagt Wattwils Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner. Dass die damaligen Ernetschwiler Gemeindebehörde den Anstoss für Gespräche über eine allfällige Grenzbereinigung gegeben hat, sei sinnvoll gewesen. «Denn es ist richtig, die Situation in Ricken zu klären, bevor Wattwil den Schritt in die Einheitsgemeinde macht. Wir respektieren aber den Wunsch der Rickener. Deshalb führten wir ja auch eine Konsultativabstimmung durch. Der Ball liegt nun bei den Gommiswalder Gemeindebehörden.» Peter Göldi, Gemeindepräsident von Gommiswald, will sich im Moment zur Petition der IG Ricken Süd nicht äussern. Er verweist auf Nachfrage auf eine Medienmitteilung, die der Gommiswalder Gemeinderat in den nächsten Tagen verschicke. Sicher ist: Die Rickener können nicht alleine über eine Grenzverschiebung entscheiden. Einer solchen müssten die Bürger von Gommiswald und von Wattwil in einer Volksabstimmung zustimmen.