Engelsaspiranten beim Eignungstest

LICHTENSTEIG. Neue Engel braucht das Land. Am Samstag war darum Engelsaushebungstag im Chössi-Theater. Wer Engel werden wollte, musste antreten, einen Test bestehen und zahlen. Als Gegenleistung schickte der Himmel einen feinen Znacht und Erkenntnisse zur Meisterung des Menschenlebens.

Michael Hug
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Engel Peter Hottinger hat beim Weihnachts-Special im Chössi-Theater Lichtensteig eine zeitgemässe Weihnachtsgeschichte vorgelesen. (Bild: Michael Hug)

Engel Peter Hottinger hat beim Weihnachts-Special im Chössi-Theater Lichtensteig eine zeitgemässe Weihnachtsgeschichte vorgelesen. (Bild: Michael Hug)

Das «Chössi» feierte Weihnachten. «Schon», möchte man sagen. Doch Thur auf wie Thur ab wird immer häufiger Weihnachten vor Weihnachten begangen, der vielen Termine wegen, die der gestresste Arbeits-, Familien- und Vereinsmensch so hat. Das «Chössi» begeht seinen Heiligen Abend seit ein paar Jahren mit einer Engelsnacht. Dabei lassen sich drei Engel – in der Gestalt von Martha Zürcher, Peter Hottinger und Christian Käufeler – hernieder um einerseits den Gästen einen himmlischen Abend zu bescheren und andererseits drei Neumitglieder zu rekrutieren. Letzteres beginnt stets für alle Erschienenen mit einem praktischen Eignungstest, bei dem die Hör-, Seh- und Flugeignung sowie die Treffsicherheit geprüft werden.

Philosophischer Eignungstest

Während des Dinners – Engelfingerfood, Engelkürbissuppe und Engelschlorzifladen – wurde der Anwesenden philosophische Eignung getestet. Frei nach Max Frisch wurde beispielsweise gefragt: «Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?» Oder: «Wie viele Kinder von ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch ihren Willen?» Anlässlich der aktuellen Geschehnisse in der Schweizer Politszene war die Frage: «Wie heisst der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall Sie mit Hoffnung erfüllen könnte?» geradezu trivial.

Tiefschürfende Gedankenspiele

Bei derart tiefschürfenden Gedankenspielen, die an den Tischen für angeregte Diskussionen sorgten, konnte man sich zwischendurch auch entspannt zurücklehnen. Dann nämlich wenn Engel Christian seine technoiden Engelshymnen auf seinen Himmelssaxophonen erschallen liess oder Engel Peter eine kontemporale Weihnachtsgeschichte las, die von reichlich verwöhnten Kindern handelte, aber dennoch zu einem guten Schluss kam. Doch der Prüfsteine im Engelsaushebungsverfahren waren noch viele. Da angehende Flügelwesen praktisch veranlagt sein müssen, kamen auch diese Eigenschaften knallhart auf den Prüfstand. Es war darum ein Tischengel aus Kupferfolie zu basteln. Mehr oder weniger geschickt, erfüllten fast alle auch diese Aufgabe.

Engelsspreu vom Weizen trennen

Als letzter Test, der die Engelsspreu vom Weizen trennen sollte, stand ein Fragespiel zu belanglosem Allgemeinwissen auf dem Programm. Wenn da beispielsweise eruiert wurde, nach wie viel Jahren Melanie keinen Stress mehr hat, wurde dem nicht unbedeutenden Umstand Bedeutung zugemessen, dass Engel auch zu derart Irrelevantem Stellung beziehen müssen. Schliesslich, nach fast vier Stunden Test und Essen, wurden drei Aspiranten aus der Reihe der Anwärterinnen und Anwärter selektiert. Weil aber die Examen trotz ihrer Vielschichtigkeit und Penetranz keine eindeutige Auswahl zuliessen – da alle Kandidatinnen und Kandidaten sich als geeignet erwiesen – musste das Los entscheiden. Das Los, gezogen von «Engelin» Martha, entschied sich für drei Männer, die umgehend mittels Wunderkerzenritual in ihre neue Berufung eingeführt wurden.