Ende einer Familientradition

OBEREGG. Die «Traube» in Oberegg gibt die eigene Mosterei auf. Die Obstbauern müssen sich neu organisieren. Bis zu 30 Tonnen Äpfel hat Josef Brülisauer, der «Trube-Sepp», in seiner langen Karriere zu Most gepresst. Nun geht eine Ära zu Ende.

Rolf Rechsteiner
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Josef Brülisauer im Lagerkeller der «Traube» in Oberegg. (Bild: rr)

Josef Brülisauer im Lagerkeller der «Traube» in Oberegg. (Bild: rr)

OBEREGG. Er sei zeitlebens nie krank gewesen, sagt der 77jährige «Trube-Sepp», Josef Brülisauer. Und jetzt sehe er sich nicht alters-, sondern gesundheitshalber gezwungen, die Mosterei aufzugeben. Er werde die kommende Saison – in zwei bis drei Wochen sind die beliebten Gravensteiner reif – nicht mehr antreten. «Meine Bandpresse, die alle Arbeit seit 1998 wesentlich erleichterte, wird stillstehen.»

Er wende sich mit dieser Botschaft an die Zeitung, weil etliche seiner Presskunden aus dem ganzen Vorderland und dem Rheintal ohne Anmeldung spontan mit ihrem Obst angetreten seien, vor allem dann, wenn die Ernte besonders üppig ausfiel. Sie sollen mit ihrer Ernte nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen.

Ein Einmannbetrieb

Vor 1998 arbeitete Brülisauer mit einer Zwillingspresse. Die Äpfel wurden auf einer Mühle zerkleinert und schichtweise auf Matten in die Presse verbracht. Vier Hände wurden gebraucht, um die Arbeit zügig erledigen zu können. Mit der Bandpresse wurde das alles einfacher. Der Kunde konnte sein Obst an der Westseite des Hauses in einen offenen Silo kippen. Es gelangte über eine Waschanlage durch die Mühle direkt auf die Presse. Die Mosterei wurde zum Einmannbetrieb. Solange Josef Brülisauer als Schichtarbeiter tätig war, löste ihn seine Tochter immer dann ab, wenn Not am Mann war. Allein aber mag sie die Nachfolge nicht antreten; der Betrieb erfordert zu viel Zeit. Eigenes Obst habe die «Traube» nie gehabt, erzählt Brülisauer. Man habe für den Bedarf des Hauses und als Reserve für Mostliebhaber von ausserhalb einige Tonnen eingekauft und im eigenen Naturkeller kultiviert. Das wohlklingende Wort sei berechtigt, sagt der Gastwirt, denn das Naturprodukt Most verlange nach peinlicher Sauberkeit und sorgsamer Überwachung.

Das waren noch Zeiten

Josef Brülisauer denkt zurück an die Zeit seines Grossvaters. Damals hätten die Landwirte ringsum ihre Äpfel und Birnen von Hochstämmen, wie sie allerorten auch Schattenspender waren, mit Ross und Wagen offen oder sackweise angekarrt. Zerkleinert habe man sie in einer Mühle, die aus zwei gegeneinander laufenden Steinen bestand. Sie zu beschicken, sei immer ein Kraftakt gewesen. Auch das Bedienen der Presse habe Muskelkraft erfordert. Und gar mancher Landwirt habe seinen Most dann auf dem Rücken nach Hause getragen.

Andere Trinkgewohnheiten

Geändert hätten sich aber auch die Trinkgewohnheiten. Mit Wasser verdünnter (oder sogar reiner) vergorener Saft sei damals ein Standardgetränk der Landwirte und der Arbeiterschicht gewesen. Inzwischen werden alkoholfreier Saft und Süssmost weit mehr nachgefragt. Heiss begehrt bleibt wohl der Most «im Stadium», also leicht angegoren zwei bis drei Wochen nach dem Pressvorgang. Ihn wie auch den reinen, natürlich vergorenen Saft wird man in der «Traube» – wenn auch zugekauft – weiterhin ausschenken. Den Zwischenhandel aber müsse er den umliegenden Mostereien überlassen, bedauert Josef Brülisauer.