EINSATZ: Gefragter Landdienst

Jedes Jahr verbringen rund 2000 Jugendliche einen Teil ihrer Ferien als Landdienstler auf einem Bauernhof. Einige der Teilnehmenden sind im Appenzellerland stationiert.

Karin Erni
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Als Schlechtwetterprogramm klopft Stefanie Mathis mit den Kindern der Gastfamilie auch mal einen Jass. (Bild: Karin Erni)

Als Schlechtwetterprogramm klopft Stefanie Mathis mit den Kindern der Gastfamilie auch mal einen Jass. (Bild: Karin Erni)

Karin Erni

karin.erni@appenzellerzeitung.ch

Landdienst? Gibt es das noch und wer macht so etwas? Das war der Tenor in der Redaktion, als es um eine Reportage über einen Landdienstleistenden ging. Eine Recherche im Internet zeigt: Es gibt diese Einsätze noch immer und sie sind beliebt. Pro Jahr bringt die Organisation Agriviva aus Winterthur rund 2000 Jugendliche bei 800 Bauernfamilien in der ganzen Schweiz unter.

Eine der Teilnehmerinnen ist Stefanie Mathis aus dem thurgauischen Ettenhausen. Die 22-Jährige ist keine ganz typische Landdienstlerin, denn sie hat bereits eine Ausbildung absolviert und ist berufstätig. In ihrer Tätigkeit als Fachfrau Betreuung in einem heilpädagogischen Zentrum für Kinder hat sie zwölf Wochen Ferien pro Jahr, die sinnvoll genutzt werden wollen. Die Arbeit auf dem Bauernhof ist ihr nicht fremd. «Mein Cousin bewirtschaftet einen Hof im Nachbardorf. Dort habe ich schon früher öfter beim Melken oder Kälbertränken ausgeholfen.» Im letzten Sommer hat sie fünf Wochen auf einer Alp im bündnerischen Calanda-Gebiet verbracht. Weil sie nicht wieder auf die selbe Alp wollte, hat sie sich bei Agriviva angemeldet. Nun ist sie zwar nicht auf der Alp, aber immerhin im Appenzeller Hügelland gelandet. Die Familie Melanie und Jürg Höhener aus Gais hat vier Buben im Alter zwischen einem und neun Jahren und bewirtschaftet einen Milchbetrieb mit rund 60 Tieren und 36 Hektar Land. Nebst der Arbeit mit den Kindern ist Stefanie Mathis öfters im Stall anzutreffen, sei es beim Melken oder bei den derzeit anfallenden Renovationsarbeiten. Später möchte sie einmal die Bäuerinnenschule machen. Einen eigenen Bauernhof zu führen, sei kein Muss «Ich bin auch mit ein paar Hühnern zufrieden.»

Stefanie sei eine grosse Stütze, sagt Melanie Höhener. «Sie hat eine gewisse Reife, und durch ihre Arbeit verfügt sie über viel Geduld mit den Kindern.» Seit sieben Jahren nimmt die Familie jeden Sommer eine(n) Jugendliche(n) für einige Wochen bei sich auf. Die Erfahrungen seien durchwegs positiv, auch wenn nicht alle Landdienstler gleichermassen motiviert seien, so Höhener. Man müsse sie nach ihren jeweiligen Stärken einsetzen, dann funktioniere es. «Es ist immer eine Bereicherung für das Familienleben. Man wird mit anderen Lebens- und Familienformen konfrontiert.» Der Hauptgrund für ihr Engagement aber sei, dass sie den Jugendlichen aufzeigen wollten, wie die Landwirtschaft funktioniere und wie Lebensmittel produziert würden. Die Arbeitszeiten sind nach Schweizerischem Arbeitsgesetz vorgegeben und betragen je nach Alter zwischen 40 und 48 Stunden pro Woche. Ebenfalls nach Alter abgestuft erhalten die Jugendlichen ein Taschengeld zwischen 12 und 20 Franken pro Tag. Für die Traubenernte bei Weinbauern werden 50 Franken bezahlt.

«Die Idee des Landdienstes entsprang dem Zeitgeist der zwanziger Jahre», schreibt Agriviva auf der Homepage. Damals habe unter Jugendlichen und Intellektuellen eine ausgesprochen technikfeindliche Stimmung geherrscht. «Die rasante Industrialisierung und Verstädterung liessen eine romantische Sehnsucht nach der Natur aufkommen. Der Ausgleich zur einseitig geistigen Betätigung oder zur monotonen Fabrikarbeit wurde im Wandern und in der Arbeit auf dem Feld gesucht. Die damals für Studenten und Lehrlinge eingeführten Hilfsheuerdienste waren die eigentlichen Vorläufer des Landdienstes.» Nach den Kriegsjahren mit ihrer Dienstpflicht, wird seit 1946 Landdienst auf freiwilliger Basis angeboten. Weil dieser Name militärisch klang, wurde 1998 in der Deutschschweiz die Wortmarke «Power beim Bauer» eingeführt. Seit 2009 heisst der vermittelnde Verein «Agriviva».

Das Anmelde-Prozedere für einen Landdienst-Einsatz ist denkbar einfach. Interessierte können auf der Homepage angeben, in welchem Zeitraum sie einen Aufenthalt machen möchten und ob sie männlich oder weiblich sind. Wer möchte, kann anklicken, welche Arbeiten ihm am besten gefallen. Zur Wahl stehen «Tiere und Stall», «Haus und Garten», «Kinderbetreuung», «Direktvermarktung», «Alp» oder «Traubenernte». Danach spuckt das System die Namen aller in Frage kommenden Betriebe aus.