Einkaufstourismus und Onlinehandel machen Herisau das Leben schwer - viele Verkaufsflächen stehen leer

Ein Rundgang durchs Dorf zeigt: In Herisau sind viele Ladenflächen unvermietet oder stehen leer. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Alessia Pagani
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In Herisaus Zentrum weisen an verschiedenen Orten Schilder und Banner auf leere Ladenflächen hin.

In Herisaus Zentrum weisen an verschiedenen Orten Schilder und Banner auf leere Ladenflächen hin.

Bild: PAG

Seit Juli vergangenen Jahres sind die Türen der Bäckerei Gehr an der Herisauer Bahnhofstrasse geschlossen. Noch erinnert ein Schriftzug an bessere Zeiten, der Betrieb aber steht seit Eröffnung des Firmenkonkurses still. Direkt nebenan – wo einst die Kette Charles Vögele Kunden bediente – fällt das Auge auf leere Räume. Im Gutenberg-Zentrum warten seit geraumer Zeit leere Ladenflächen, dass sie wieder mit Leben gefüllt werden. Immer wieder hört man vom «Lädelisterben», von einem ausgestorbenen Dorfzentrum. Selten sieht man auf Herisaus Strassen Menschen mit Einkaufstaschen oder Spaziergänger, die von Geschäft zu Geschäft flanieren.

Doch wie ist die Situation in der grössten Gemeinde Ausserrhodens wirklich? Ein Blick auf die Immobilienportal New Home gibt einen ersten Anhaltspunkt. Nach Gewerbeliegenschaften gesucht, werden für Herisau 41 Objekte angezeigt. Zwölf davon sind explizit als Ladeflächen gekennzeichnet.

«Der Verkauf hat es momentan nicht einfach»

Bei einem Augenschein vor Ort zeigt sich: Es gibt im Dorfkern weit mehr Verkaufsflächen, die leer stehen. Die Gemeinde führt keine Statistik über diese, kennt die Situation aber. Gemeindepräsident Kurt Geser sagt:

«Es gibt Räumlichkeiten, die seit Jahren ungenutzt sind.»
Kurt Geser, Gemeindepräsident.

Kurt Geser, Gemeindepräsident.

Bild: Benjamin Manser

Es sei teilweise schwierig, Ladenflächen zu vermieten. Dass sich die Situation in naher Zukunft bessert, bezweifelt Geser. «Einzelne Eigentümer und Vermieter lassen ihre Flächen lieber leer, als dass sie die Mietzinse deutlich reduzieren.»

Auffällig ist die Situation im einzigen Einkaufszentrum in Ausserrhoden, dem Gutenberg-Zentrum. Konnte man bei der Eröffnung 1992 in dieser Zeitung noch die Schlagzeile lesen «Jetzt ist Herisau auch städtisch geworden», ist heute von dieser Euphorie kaum mehr etwas spürbar. Seit Monaten, wenn nicht Jahren, sind in der Liegenschaft an zentralster Lage Ladenflächen un- oder wurden zu Büroräumen umgenutzt. 4 der 18 Gewerbeflächen im Gutenberg und den angebauten Liegenschaften stehen leer.

Während im Erdgeschoss noch ein Detailhändler, ein Kommunikationsunternehmen, ein Kiosk, ein Coiffeurgeschäft und Kleiderläden die Stellung halten, herrscht im ersten Obergeschoss gähnende Leere. Einzig der Restaurantbetreiber wartet auf Kunden. «Der Verkauf hat es momentan nicht einfach», sagt Elmar Hardegger von der Aro Knechtle AG. Diese ist Verwalterin der Liegenschaft an der Kasernenstrasse. Hardegger sieht einen der Gründe dafür im veränderten Kundenverhalten:

«Viele kaufen heute online oder in der nahegelegenen Shopping Arena in St.Gallen ein. Das macht den hiesigen Detailhändlern zu schaffen.»

Grösse als Herausforderung

Dass das Problem im Gutenberg-Zentrum besonders ausgeprägt ist, hat gemäss Elmar Hardegger mit der Grösse des Einkaufszentrums zu tun: «Der Gutenberg ist zu klein, um attraktive oder berühmte Marken anzuziehen.» Zudem gebe es in der näheren Umgebung grosse Einkaufszentren, welche bekannte Labels und dadurch auch Kunden aus Herisau anzögen. «Es ist nicht ganz einfach, im Gutenberg einen guten Mix hinzubringen», so Hardegger und fügt hinzu: «Stehen einmal Flächen leer, wird es immer schwieriger, neue Mieter anzuziehen.»

Hoffnungen ruhen auf Migros

Bemühungen, die Situation im Gutenberg zu verbessern, schlugen bislang fehl. Hardegger sagt:

«Gerade von den örtlichen Betrieben hören wir immer wieder, dass sie an den jetzigen Standorten zufrieden sind und dort bleiben wollen.»

Auch würden oft langjährige Mietverträge einen Umzug «verunmöglichen». «Wir versuchen immer wieder, andere Nutzungen für diese leeren Flächen zu suchen, leider oft vergeblich.»

Jürg Mohler, Vorstandsmitglied des Herisauer Gewerbevereins und dort für den Detailhandel zuständig, sieht einen Grund für unvermietete Ladenflächen ebenfalls im Onlinehandel und dem Einkaufstourismus. Mohler dazu:

«Wir müssen uns langfristig auf das geänderte Kundenverhalten einstellen, wie andere Gemeinden oder Städte auch.»

Obwohl er wenig Freude an ungenutzten Verkaufsflächen haben dürfte, möchte er weder von einem «Lädelisterben» noch von einem Problem sprechen. «Mehrere neu eröffnete Geschäfte auf der Hauptachse haben wieder Leben ins Dorf gebracht. Und wir sind sicher, dass die neue Migros das Zentrum wieder mehr beleben wird.» Mit der langen Absenz des Detailhändlers im Herisauer Dorfzentrum sei zwar ein gewisser Teil der Kundenfrequenz weggefallen. «Aber es wird wieder besser», sagt Jürg Mohler.

Sowohl der Gemeindepräsident als auch Jürg Mohler sprechen von einem guten und gesunden Herisauer Gewerbe, das von Gastrobetrieben über Kleiderläden und Drogeriegeschäften bis hin zu Spielwaren alles biete für das tägliche Leben.

«Aber auch wir müssen uns der Konkurrenz der grossen Einkaufszentren und jener aus dem Ausland stellen.»

Als Vorteil für Herisau sieht er dessen Grösse: «Wir haben keine grossen Ladenketten in Herisau. Diese sind weniger geduldig, wenn der Umsatz nicht mehr stimmt, und suchen sich schneller wieder neue Räumlichkeiten.» Jürg Mohler betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit von angemessenen Mieten. «Vor allem in Dörfern können niedrige Mietzinse einen grossen Anreiz bedeuten. Vielleicht müssten gewisse Vermieter ihre Ladenmieten überdenken und anpassen.»