Eingebildete Wirkung mit Nebenwirkung

Ach, das liebe Empfinden. Manchmal führt das einen ja ganz schön an der Nase herum. Da wird ein Schnupfen als Nasennebenhöhlenentzündung deklariert, ein bisschen Halskratzen als Bronchialkatarrh oder Kopfschmerzen als Gehirntumor.

Julia Nehmiz
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Appenzeller Verlag (Bild: Julia Nehmiz)

Appenzeller Verlag (Bild: Julia Nehmiz)

Ach, das liebe Empfinden. Manchmal führt das einen ja ganz schön an der Nase herum. Da wird ein Schnupfen als Nasennebenhöhlenentzündung deklariert, ein bisschen Halskratzen als Bronchialkatarrh oder Kopfschmerzen als Gehirntumor. Ein Hypochonder kommt aus dem Leiden nicht mehr heraus. Der französische Dichter und Dramatiker Molière hat diesem 1673 ein unsterbliches Denkmal gesetzt – eingebildete Krankheiten sind keine neumodische Erscheinung. Übrigens, Molière spielte die Rolle des Titelhelden gleich selber, doch bei der vierten Vorstellung erlitt er einen Blutsturz. Nur wenige Stunden später starb er, angeblich im Kostüm seines eingebildeten Kranken.

Ganz ohne Kostüm, doch glücklicherweise mit weniger tragischem Ende verlief der «Abistreich» an einem Hamburger Gymnasium vergangene Woche. In Deutschland ist es Sitte, dass der Abiturjahrgang es zum Abschied in der Schule ordentlich krachen lässt. Mal mehr, meist weniger lustig. Was letzte Woche in Hamburg passierte, war höchst kurios. Harmlos hatte der Abistreich angefangen, doch die Fete auf dem Schulhof artete plötzlich aus. Nachdem eine Wodkaflasche gesichtet worden war, klagten einige jüngere Schüler über Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Übelkeit. Da war auf einmal 45 Schülern schlecht. Die Lehrer riefen die Feuerwehr. Die löste einen Grossalarm aus. Mehr Krankenwagen wurden aufgeboten. 32 Kinder wurden ins Krankenhaus gebracht. Hatten die Abiturienten Alkohol in die Limonade geschüttet? Litten die 12- und 13-Jährigen an einer Alkoholvergiftung?

Mitnichten. Weder im Blut noch im Urin wurde Alkohol nachgewiesen. Wie Feuerwehr und Ärzte später mitteilten, habe es sich um eine Massenhysterie gehandelt. «Vermutlich handelt es sich um eine psychische Überreaktion einiger jüngerer Schülerinnen und Schüler», so der Sprecher der Hamburger Schulbehörde.

Ach, Molière, du hattest so recht. Und bist erstaunlich aktuell. Diese Woche startete die französische Komödie «Super-Hypochonder» in den Kinos. Der Titel sagt alles.

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