Einfach mal Millionär werden

Ob Pippi Langstrumpf schuld ist? Immerhin verführte sie Generationen von Kindern, ihre Freizeit als «Sachensucher» zu verbringen. Aber das Begehren ist älter. Viel älter. Astrid Lindgren hatte ihre rotbezopfte Protagonistin mit dem Steinzeit-Gen ausgestattet.

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Appenzeller Verlag (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Verlag (Bild: Martina Basista)

Ob Pippi Langstrumpf schuld ist? Immerhin verführte sie Generationen von Kindern, ihre Freizeit als «Sachensucher» zu verbringen. Aber das Begehren ist älter. Viel älter. Astrid Lindgren hatte ihre rotbezopfte Protagonistin mit dem Steinzeit-Gen ausgestattet. Wir waren, sind und bleiben ein einig Volk von Jägern und Sammlern. Oder wie sonst ist zu erklären, dass Schatzsuchen boomen? Im Internet widmen sich unzählige Seiten, Foren und Communities der Schnitzeljagd 2.0. Eine Urnäscherin erzählte neulich, sie und ihr Mann zögen jedes Wochenende los – entweder verstecken sie einen «Schatz», den sie wasserdicht in einer Tupperdose verpackt haben, oder sie machen sich selber auf die Suche nach Tupperdosen, Blechbüchsen oder Plastiktüten, die andere Schatzwütige versteckt haben.

Die eigentümliche Freizeitgestaltung der Urnäscherin mag nun absurd erscheinen, jedoch ist sie deutlich harmloser als das, wozu Forrest Fenn Millionen Menschen verleitet; einige treibt er fast in den Wahnsinn. Der 82jährige Texaner, der mittlerweile in New Mexico lebt, hat es in seinem Leben zu ziemlichem Reichtum gebracht. Und einen Teil davon hat der ehemalige Kunsthändler vor zwei Jahren in den Rocky Mountains versteckt. Irgendwo in dem 5000 Kilometer langen Gebirgszug liegt nun eine Truhe, gefüllt mit Münzen, walnussgrossen Nuggets, silbernem Armreif, Smaragdring, chinesischen Figuren aus Jade und einer 2000 Jahre alten Kette. Der Entdecker wird so schlagartig zum Millionär. In unzähligen Foren tauschen sich Besessene über die gereimte Schatzkarte aus, die Fenn hinterliess. Etliche treibt es jedes Wochenende in die Rocky Mountains. Noch liegt der Schatz frei herum. Wem die Rocky Mountains zu weit entfernt sind, der kann den Traum der plötzlichen Million auch auf Floh- und Trödelmärkten ausleben. Was gibt es Schöneres, als auf klapprigen Tapeziertischen und wackeligen Marktständen nach Schätzen zu stöbern – fündig wird man immer. Und sei es nur eine kleine, schmutzig-weisse Keramikschale, die dekorativ im Esszimmer verstauben kann. Für drei Dollar nimmt man solch einen Fund gerne mit. Genau das hat vor sechs Jahren ein Glückspilz gemacht. Nachdem er die unscheinbare Schale sechs Jahre lang abgestaubt hatte, wurde er doch misstrauisch und liess sie von Kunstsachverständigen prüfen. Und siehe da, der Staubfänger mit einem Durchmesser von zwölf Zentimetern stammt aus der Song-Dynastie, die zwischen 960 und 1279 in China herrschte. Bei der Versteigerung vergangene Woche im New Yorker Auktionshaus Sotheby's brachte das unprätentiöse Stück Porzellan über zwei Millionen Dollar ein. Welch ein Segen, dass nun endlich wieder die Flohmarkt-Saison beginnt. Das Jäger- und Sammler-Gen, es ist nicht totzukriegen.

Julia Nehmiz

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