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Einer will den Bürgerkrieg verhindern

Vor hundert Jahren legt ein Generalstreik die Schweiz lahm. In Bern tagt die Bundesversammlung, und vor allem einer sucht da den Kompromiss: der Ausserrhoder Howard Eugster-Züst.
Rolf App
Der Landesstreik vom 12. bis zum 14. November 1918. (Bild: PD)

Der Landesstreik vom 12. bis zum 14. November 1918. (Bild: PD)

Unten im Eingang des Bundeshauses und draussen auf dem Trottoir stehen an diesem 12. November 1918 Soldaten mit Gewehr und Stahlhelm. Die Arbeiter streiken, überall. Auch in Herisau. Und hier in Bern tagt die Bundesversammlung. Mit dabei Arthur und Howard Eugster, zwei Brüder, der eine ein Freisinniger, der andere Sozialdemokrat. Sie vertreten den Kanton Appenzell Ausserrhoden im Nationalrat, gehören aber verschiedenen Lagern an – die jetzt, mitten im Generalstreik, hart aufeinanderstossen. Sie sehen zu, wie sich in der zweitägigen Debatte die Fronten verhärten, obwohl der Bundesrat vieles zur Verständigung tut. Dann, fast am Ende der Debatte, hält Howard Eugster-Züst es nicht mehr aus an seinem Platz. Für ihn «wirkte die Debatte wie das Vorspiel zu einem Bürgerkrieg», schreibt Louis Specker, sein Biograf. «Mit blutendem Herzen habe ich gestern den Hass empfunden, der mir aus den Blicken und Worten so manches Kollegen entgegentrat. ‹Wir wollen nun einmal sehen, wer im Schweizerlande Herr und Meister ist?›», beschreibt er die Atmosphäre – und macht dann deutlich, was das heisst: «Das bedeutet den Bürgerkrieg.»

Ein zweiter Ausserrhoder zieht die Fäden

Dann beschreibt Howard Eugster-Züst, in welcher Welt dieser Landesstreik stattfindet. «Gewaltige Umwandlungen» gingen nicht nur im revolutionären Russland, sondern auch in Deutschland und Österreich vor sich. Der Krieg ist zu Ende, eine neue Zeit bricht an. Ihr gelte es Rechnung zu tragen, «mit Ruhe, Umsicht und Weitblick». Deshalb solle der Nationalrat eine Kommission bestellen, die in der Nacht eine Lösung des Konflikts suche. «Ich bitte Sie darum, nicht im Namen irgendeiner Partei oder in meinem Namen, die Sache ist zu ernst, zu wichtig, ich bitte Sie im Namen – und ersuche Sie, mich zu entschuldigen, wenn ich meinem tiefsten Gefühle Ausdruck gebe – des höchsten Herrn, dem ich diene, im Namen dessen, der sein Blut hingegeben hat zur Versöhnung der Menschen.»

Doch der Verweis auf Gott bewirkt nichts. Der Nationalrat will auch diesem Appell nicht folgen und genehmigt mit 136 gegen 15 Stimmen die Massnahmen des Bundesrates. Der formuliert nun ein Ultimatum an das Oltener Aktionskomitee, das den Landesstreik leitet, und nun den Streikabbruch beschliesst. Das Komitee ist sich bewusst, dass eine Weiterführung des Streiks «unweigerlich zu Zusammenstössen mit den Truppen und damit zum Bürgerkrieg führen würde, über dessen Ausgang kein Zweifel bestehen konnte», stellt der Historiker Willi Gautschi in seiner Darstellung des Landesstreiks fest. Besonders brenzlig ist die Situation in Zürich, wo ein anderer Ausserrhoder das Zepter führt: Divisionär Emil Sonderegger, geboren in Herisau und Sohn eines Stickereifabrikanten, und jetzt Kommandant der Ordnungstruppen. Später wird auch er sich der Politik zuwenden, aber ganz anders als Howard Eugster-Züst: Er bewundert Mussolini und zählt bis zu seinem Tod 1934 zu den einflussreichsten Rechtsextremisten der Schweiz.

Tief verwurzelt in der Bevölkerung

Der gänzlich anders gestrickte Howard Eugster-Züst aber hat in seiner Rede auch an die Zustände im Land erinnert, die er besser kennt als die allermeisten im Parlament. Denn der «Weberpfarrer», wie man ihn nennt, kennt die Verhältnisse von unten. Als Pfarrer in Hundwil hat er die alltägliche Not erlebt, hat den «Appenzeller Weberverband» gegründet und immer wieder auch mit Unternehmern verhandelt – die ihm, wie er nun im Parlament erzählt, in der Frühzeit der Arbeiterbewegung gerne die Türen gewiesen hätten, wäre da nicht sein Nationalratstitel gewesen. «Und wie ist es weitergegangen? Man ruft heute Arbeitersekretäre und ersucht sie um ihre Mitwirkung im Falle von Konflikten.»

Dass er aus einem tief religiösen Geist heraus die Anliegen der Arbeiter zu seinen eigenen gemacht hat, das hat Howard Eugster-Züst anhaltende Popularität verschafft. Gegen die dominierende Freisinnige Partei wird er 1908 in den Nationalrat gewählt, dem er bis zu seinem Tod 1932 angehört, und von 1913 bis 1931 ist er überdies Ausserrhoder Regierungsrat. Als Leiter des Volkswirtschaftsdepartements erlebt er täglich, wie im Verlauf des Krieges die Not grösser und grösser wird.

Howard Eugster-Züst ist empört über seine Kollegen

Als er aus Bern zurückkehrt, erlebt er freilich eine Überraschung. In seiner Abwesenheit hat die Regierung Truppen aufgeboten gegen die streikenden Arbeiter. Das empört ihn, und er gibt denn auch öffentlich zu Protokoll, dass er einem solchen Beschluss «mit Entschiedenheit seine Zustimmung verweigert hätte» – wenn man ihn denn gefragt hätte. Immerhin erfährt Howard Eugster-Züst auch, dass sich der von Industriellen bedrängte Regierungsrat abgelehnt hat, noch schärfere Massnahmen zu ergreifen. So dass die Soldaten nur gerade ein paar Gebäude bewacht haben.

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