Einer, der sich immer noch einmischt

WATTWIL. Der Wattwiler Treuhänder Urs Früh hält auch nach seiner Pensionierung und nach zwei Schlaganfällen wenig von Altersmilde. Auf die Gesundheit achtet er unterdessen sehr. Allerdings erreicht man ihn telefonisch nach wie vor am besten in seinem Büro.

Hansruedi Kugler
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Der Blick von der Iburg auf Wattwil bringt Urs Früh ins Erzählen über die Pfadi-Zeit und ins politisierende Kommentieren. (Bild: Hansruedi Kugler)

Der Blick von der Iburg auf Wattwil bringt Urs Früh ins Erzählen über die Pfadi-Zeit und ins politisierende Kommentieren. (Bild: Hansruedi Kugler)

«Eigentlich müsste ich schon tot sein», sagt Urs Früh und lacht. Ein Hirnschlag und in der dessen Folge ein Epileptischer Anfall in den letzten vier Jahren haben ihn phasenweise aus dem Verkehr gezogen, für Wochen war er halbseitig gelähmt, das Auto musste er mit dem E-Bike tauschen. Doch an diesem Nachmittag steht der 68-Jährige munter und mit gewohnt spitzer Zunge auf der Iburg. Keine Spur mehr von den Schlaganfällen, beim Aufstieg gerät er nicht ausser Atem. Den Treffpunkt hat er selbst gewählt. Denn als Jugendlicher hat er hier viel Zeit in der Pfadi verbracht. Auch wenn Urs Früh eher einen gemütlichen Eindruck macht: Seine Fitness hat er sich zeitlebens beim Skifahren, auf Wanderungen und Velotouren geholt, in jungen Jahren auch im Militär, zuletzt als Oberleutnant einer Minenwerfer-Kompanie, «jeweils mit 40 bis 50 Kilo Gepäck».

Ein aktiver, «mühsamer» Bürger

Beim Blick von der Iburg auf Wattwil gibt sich Urs Früh so, wie man ihn kennt: lachend und angriffig und nie um einen Kommentar zum politischen Zeitgeschehen verlegen. So hat er etwa bei der Gemeinde Wattwil gegen die Aufhebung von Parkplätzen an der Ebnaterstrasse reklamiert. Er sei halt immer schon ein aktiver Bürger gewesen, meint er. «Manche finden das mühsam», sagt er und lacht. Kritisieren alleine sei aber nicht seine Sache. Jahrelang hat er den Verein Interessengemeinschaft Umfahrungsstrassen Bütschwil und Wattwil präsidiert und entsprechend lobbyiert. Und er war Gründungsmitglied und ist noch immer Verwaltungsrat der Genossenschaft Tiefgarage Rössliplatz in Wattwil. Seine spitze Feder hat er sich bewahrt. Zum Thema Sepp Blatter und Korruption hat Urs Früh gerade einen scharfen Leserbrief im Tagblatt plaziert – wegen des drohenden «Reputationsverlustes» der Schweiz. Nein: Ruhig ist der Wattwiler Treuhänder Urs Früh auch im Ruhestand nicht.

«Nie in den Gemeinderat»

Einer wie er hätte Kantonsrat, mindestens aber Gemeinderat werden müssen: Bereits mit 18 Jahren Mitglied der FDP und lebenslang leidenschaftlich politisierend macht er aus seinen Ansichten nie einen Hehl. In den 1990er-Jahren war er Präsident der FDP Neutoggenburg und stammt überdies aus einem politischen Haushalt. «Ein solches Amt wollte ich aber gar nie», sagt Urs Früh. Das hat auch familiäre Gründe: Sein Vater Hans war neben seinem Metzgerberuf 1946/47 nebenamtlicher Gemeindepräsident gewesen, sein elf Jahre älterer Bruder Hans war später Gemeinderat, beide gehörten sie der FDP an. «Dasselbe zu machen wie mein Bruder, wäre nicht sehr originell gewesen», meint Urs Früh.

Wattwil–USA–Genf–Wattwil

Er wollte lieber etwas Eigenes auf die Beine stellen. Auch weil er immer der kleine Bruder war. Schon in der Pfadi: Sein Spitzname «Klüppler» ist die kleine Version des «Pantli» (so der Pfadiname seines Bruders), der geräucherten Appenzeller Rohwurst. Nach der Matura und dem Wirtschaftsstudium an der HSG zog es Urs Früh in die Welt: 1973 Studium in den USA, ab 1974 als Business Analyst bei Union Carbide Europe in Genf, Spezialgebiet internationaler Metallhandel und Produktion von Legierungszusätze, Mangan für Eisen und Silizium für Aluminium. Danach arbeitete er als Controller Auslandgeschäfte bei Sulzer Winterthur in Basra (Irak), Kairo und in Algerien. Warum dann zurück ins Toggenburg? «Ich wollte unbedingt ein eigenes Unternehmen», sagt Urs Früh. 1979 gründete er die Togga Treuhand AG. 30 Jahre lang bot er neben Buchhaltung und Steuerberatungen auch Consulting, also Firmenberatungen – mit bis zu acht Mitarbeitenden. Beraten hat er vor allem internationale Firmen, die in der Schweiz eine Niederlassung haben.

Das Büro über dem Eiskeller

Sein Büro an der Engelgasse hat er auch nach dem Verkauf seiner Togga Treuhand AG behalten. Engelgasse 7 ist eine historische Adresse: Hier stand die Brauerei Toggenburg mit Eiskeller. Das Haus gehört der Kühlhaus GmbH, die ebenfalls ihm gehört. Urs Früh bot viele Jahre lang den Keller zu Kühlzwecken an: Vor allem Fleisch wurde hier gelagert. Seit einigen Jahren wird nicht mehr gekühlt – die Pfadi nutzt die Räume als Materiallager. Denn mit der Pfadi fühlt sich Urs Früh weiterhin stark verbunden. Diesen Frühling war er wieder mal an einem Fondueessen des wieder aktivierten Vereins Altpfader. Und sein Kotelett brät er nach alter Pfadiart: über offenem Feuer am Holzstecken.

«Fragen Sie unsere Katzen»

In seinem Büro an der Engelgasse brütet er nicht nur weiterhin über politischen Fragen. Von hier aus berät er auch nach seiner Pensionierung noch eine Firma. Welche, das verrät er nicht. Zeitaufwand: «Ein paar Stunden pro Woche.» Dass sein Büro weiterhin sein zweites Zuhause ist, wäre aber stark übertrieben, sagt Urs Früh. Zusammen mit seiner Frau Corinne reist er gerne, meist in nordische Länder. Und im übrigen sei er auch so viel unterwegs. Einen Termin für ein Gespräch über seinen «Un-Ruhestand» zu finden, war deshalb gar nicht einfach. Montag vormittag Treffen mit drei Freunden aus der Studentenverbindung, abends Generalversammlung der Huusbraui Roggwil, Dienstag und Mittwoch ebenfalls ausgebucht. Erübrigt sich somit die Frage, wie Urs Früh mit dem Ruhestand zurechtkommt? «Fragen Sie unsere Katzen. Denn wäre ich ständig zu Hause, sie wären doppelt so dick, weil ich sie dann immerzu füttern und verwöhnen würde.»

Druck (Bild: HANSRUEDI KUGLER)

Druck (Bild: HANSRUEDI KUGLER)