Einen Franken für vollen Magen

WATTWIL. Seit einem Monat ist die Wattwiler Abgabestelle von «Tischlein deck dich» in den Räumen der Evangelischen Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg untergebracht. Freiwillige Helferinnen verteilen hier Lebensmittel an Bedürftige.

Olivia Hug
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Derzeit verteilen sie viel Gemüse: Die Helferinnen Rita Senn, Ida Lieberherr, Ruth Foscan und Lydia Meier (von links) mit Leiter Remo Schweizer. (Bild: Olivia Hug)

Derzeit verteilen sie viel Gemüse: Die Helferinnen Rita Senn, Ida Lieberherr, Ruth Foscan und Lydia Meier (von links) mit Leiter Remo Schweizer. (Bild: Olivia Hug)

Jeden Freitagnachmittag füllt sich der Gruppenraum im Haus Treff der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg: mit Lebensmitteln und Personen. Während einer Stunde herrscht im Haus an der Wiget-Strasse reger Betrieb. Danach ist es wieder ruhig, und die Tische, die zuvor mit Esswaren gedeckt waren, sind leergefegt. Die Abgabestelle von «Tischlein deck dich» ist ein grosses Bedürfnis. Seit rund einem Monat ist sie in den neuen Räumlichkeiten untergebracht. 150 Personen aus dem Raum Wildhaus bis Bütschwil können hier Lebensmittel beziehen, was ihnen bei der Entlastung des knappen Haushaltsbudgets hilft.

Eingespielte Helferinnen

Seit 2007 gibt es eine Abgabestelle in Wattwil, bislang war diese in den Räumen der Heilsarmee untergebracht. Mit dem Rücktritt von Sandra Josi als Leiterin der Heilsarmee kam auch der örtliche Wechsel von «Tischlein deck dich». Neu leitet Remo Schweizer, Diakon und Fachlehrkraft der Evangelischen Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg, die Abgabestelle. Ihm stehen 19 freiwillige Helferinnen und Helfer zur Seite, welche die Lebensmittel an die bedürftigen Personen bringen. Viele tun dies schon seit vielen Jahren – für Ruth Foscan, Ida Lieberherr, Lydia Meier und Rita Senn sind es fünf bis sieben Jahre. Sie haben einander gegenseitig für die Freiwilligenarbeit gewinnen können. «Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass man etwas Gutes tut», sagt Rita Senn.

Die vier Frauen sind ein eingespieltes Team. Das konstatiert auch Curt Reist von der Geschäftsstelle in Winterthur, der die Abgabestelle am vergangenen Freitag besuchte. «Diesen Frauen muss man keine Tips geben. Sie verstehen ihre Aufgabe.» Reist besucht jede Abgabestelle, in der vor kurzem ein personeller oder örtlicher Wechsel stattgefunden hat.

Gerechter Verteilschlüssel

Die Erfahrung der Helferinnen zeigt sich deutlich. Sie können schnell abschätzen, wie viele Lebensmittel an jede Person verteilt werden können. Im vornherein wissen sie nicht, wie viel an die Abgabestelle geliefert wird. Die Menge hängt davon ab, wie viele Produktspenden bei Tischlein deck dich eingegangen sind. «Zurzeit haben wir viel Gemüse, was wohl an der Jahreszeit liegt», sagt Ruth Foscan. Sie schätzt, dass in den Verkaufsstellen ferienbedingt mehr übrig bleibt als sonst. Jede Helferin führt je eine Familie, ein Paar oder eine Person durch den Raum, wo die Lebensmittel auf den Tischen sortiert bereitgestellt werden. Das Angebot ist breit: Es gibt Äpfel, Bananen, Trauben und Ananas; Gurken, Zucchetti, Blumenkohl und Salate; Brot, Salatsaucen, Maiskölbchen, Mohrenköpfe und Schoggiriegel, ausserdem Milchprodukte wie Hüttenkäse, Joghurt, Käseplätzli und Milch sowie Kaffeekapseln, Tee und Fruchtsaft. Die Kundinnen und Kunden, die je eine Einkaufstasche und eine Kühltasche mitbringen müssen, dürfen nicht selber zugreifen. Die Helferin entscheidet, wie viel jede Person erhält, und reicht ihnen das Produkt. Es muss für alle reichen, auch für die, die zuletzt an der Reihe sind.

Wer als erstes durch den Raum gehen darf, entscheidet das Los. Remo Schweizer mischt die Karten, welche zum Bezug der Lebensmittel berechtigen, jeden Freitag neu. «Unser Ziel ist die möglichst gerechte Verteilung», sagt er. Die Kundinnen und Kunden, welche eine Bezugskarte beim Sozialamt beziehen, zahlen einen symbolischen Franken für das Angebot. «Es ist nicht ganz gratis, weil was nichts kostet, nichts wert ist», erläutert Ruth Foscan. Manchmal hätten einige aber schon Mühe, einen Franken aufzubringen.

Zwei Bedürfnisse gestillt

Für die Abgabestelle in Wattwil sind rund 45 Bezugskarten im Umlauf. Das entspricht 150 Personen, welche Lebensmittel bei «Tischlein deck dich» beziehen können.

Das knappe Haushaltsbudget betrifft unterschiedliche Personen: Familien, ältere Menschen, junge Mütter, Schwangere, alleinstehende Männer – einige mit Migrationshintergrund, andere arbeitslos, anderen reicht schlicht das Einkommen nicht aus. Mit dem Angebot deckt «Tischlein deck dich» also zwei Bedürfnisse: Erstens werden bedürftige Menschen unterstützt und zweitens kann der Verschwendung von Lebensmitteln entgegengewirkt werden.

Was hier nicht verteilt wird, würde entsorgt. Allein in der Abgabestelle in Wattwil sind im vergangenen Jahr insgesamt 22 Tonnen Lebensmittel an Menschen mit knappem Budget weitergereicht worden.