Eine Welt voller Abgründe

Im Chössi-Theater las Arno Camenisch aus seinem Buch «Die Kur». Der musikalisch begleitete Auftritt faszinierte durch Farbigkeit, Sprachkunst und die Vortragsweise des Schriftstellers.

Peter Küpfer
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Arno Camenisch fasziniert sein Publikum im Chössi-Theater von den ersten Sätzen an. (Bilder: Peter Küpfer)

Arno Camenisch fasziniert sein Publikum im Chössi-Theater von den ersten Sätzen an. (Bilder: Peter Küpfer)

LICHTENSTEIG. Es gibt Gegenwartsautoren, die kurzweilig schreiben und langweilig vortragen. Dann auch solche, die langatmige Texte schreiben und diese ebenfalls langweilig vortragen. Zu beiden Ausprägungen gehört Arno Camenisch mit Sicherheit nicht. Der 1978 geborene Bündner Autor stammt aus Tavanasa, der schattigen Untergemeinde von Brigels, rechtsufrig unten am Vorderrhein um den Bahnhof gelegen, wo man, wenn man einheimisch ist, noch Rätoromanisch spricht: Sursilvan. Diesen seinen Ursprung verleugnet der Bündner Schriftsteller nicht.

Er ist allgegenwärtig in Camenischs Geschichten, in seinen knorrigen Figuren und seiner musikalischen Sprache. Alles ist bei Camenisch in dieser Welt angesiedelt, zeigt aber Schrunden und Kanten und kann einen erschrecken wie eine im Nebel auftauchende groteske Maske – Gruss aus einer anderen Welt.

Befreiendes Lachen

Camenischs Lesungen gelten inzwischen als Geheimtip. Auch im Chössi-Theater musste der Autor nur den Mund auftun, und er hatte sein Publikum genau dort, wo er es haben wollte: in seiner Welt. Nach den ersten mehr geheimnisvoll raunenden als gesprochenen Worten recken sich die Köpfe, nach wenigen fast keuchend vorgetragenen schnellen Sätzen wie bei einem strengen Aufstieg wird hinten und links das erste Kichern vernehmbar, bald einmal auch ein unterdrücktes Lachen, später ein befreites.

Die Kur ist ein Totentanz

Denn Arno Camenisch hat etwas, was der manchmal etwas überanstrengt wirkenden neueren Schweizer Literatur zweifellos guttut: Humor. Der ist zwar nicht laut und schenkelklopfend. Er kommt eher leise daher, schleicht sich in doppelsinnig oder plötzlich abgründig erscheinende Formulierungen hinein und macht, dass einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Denn Camenischs Figuren reizen zwar zum Lachen, sind aber nie lächerlich. Im Zentrum von Camenischs neuem Roman «Die Kur» steht ein in die Jahre gekommenes Ehepaar. Sie haben keine Namen und erscheinen nur als «sie» und «er». Das Paar hat in einem Preisausschreiben einen mehrtägigen Aufenthalt in einem Engadiner 5-Sterne-Hotel gewonnen. Nur sind sie sich halt gar nicht einig, wie sie diese ungewohnte Unterbrechung ihres Alltags ausnützen wollen. Auf sie hat die elegante Kurhotel-Ambiance die Wirkung, dass sie alte, schon längst beiseite geschobene Wünsche wieder aktiviert. So möchte sie beispielsweise noch einmal so richtig verknallt sein wie als junges Mädchen. Er erweist sich als vollendeter Hotelmuffel, motzt vom Morgen bis zum Abend.

Von Abschnitt zu Abschnitt wird aber klarer: Der motzt nicht einfach aus schlechter Laune. Dem geht es nicht gut. Der sieht überall Todessymbole, schneidet aus der Zeitung Todesanzeigen aus und fühlt sich überhaupt wie auf seinem letzten Gang. Überall ist Grund zur Panik, denn seine Welt ist voller versteckter Abgründe, in die man zu versinken droht. Wenn man nicht von einem Erdrutsch überrollt wird. Sogar der Tanz in der Hotelbar wird ihm zum Totentanz.

Warteschlangen beim Signieren

Im zweiten Teil der Lesung griff sich Camenisch ein zerlesenes Bündel Manuskriptblätter und las aus ihnen Kurztexte. Sie variierten seine Themen und bestätigten seine Sprachkunst. Auch romanisch vorgetragene Texte erklangen, konnten wegen ihrer zahlreichen deutschen «Fremdwörter» sogar vom Publikum verstanden werden wie die Fussballreportage, oder dann wunderschön komponierte Texte auf Französisch: eine weitere Sprache, die es dem heute im zweisprachigen Biel lebenden Autor angetan hat und in der er sich bewegt. Arno Camenischs Vortrag wurde sensibel mit der Gitarre untermalt von Pascal Gamboni.

Seine leise-besinnlichen Töne verstärkten die intensiven Nachwirkungen der gelesenen Texte. Das Publikum klatschte lange und anhaltend, bevor Camenisch im Restaurant seine Bücher signierte. Dabei bildeten sich Warteschlangen.