Eine wahre Kaiserin

Brosmete

Hansruedi Diem
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Die edle Dame Sissi residierte für vier Tage bei uns im Hof in Urnäsch. Ihr wellendes, braunes Haar wurde von meiner Tochter Jana und mir täglich fein gekämmt. Im Wellnessbereich ­verwöhnten wir sie mit einer ­kräftigen Bürstenmassage, einem wohlduftenden Honig-Milch-Bad und einer ordentlichen Pedicure, wie es sich für eine Kaiserin gebührt. Zur Erhaltung und Förderung ihrer Fitness wurden ausgedehnte Spaziergänge mit kleinen Zwischenspurts, ähnlich einem Intervalltraining für Spitzensportler, abgehalten. Sobald Sissi an der frischen Luft war, spürte man unverzüglich ihre Lebensfreude. Sie hüpfte lustvoll umher, hielt ihre Ohren in den Wind und hielt Ausschau nach einem Brunnen mit frischem Quellwasser, um ihr Haupt darin zu baden und einen kräftigen Schluck davon zu geniessen. Kulinarisch war sie nicht sehr anspruchsvoll. Rüebli, Äpfel und Heu in rohen Mengen standen auf ihrem Menüplan. Auch schlafen im Stroh durfte der adretten Madame nicht fehlen. Der grösste Event für sie war jedoch am Ende ihrer Ferien das Urnäscher Bloch. Früh morgens wurde sie geweckt, mit einem Sattel und Zaumzeug bestückt und durfte mit der Blochmannschaft des alten Brauches auf den langen Weg gehen. Artig liess sie auch die vorübergehende Trennung von ihrem Lebenspartner Leo über sich ergehen und unterstützte sogar die Mannen der Blochgesellschaft tatkräftig beim Ziehen des schön beschmückten Baumstammes. Eine wahre Kaiserin, das Blochpferd Sissi. Und eines sei gewiss. Sollte an den nächsten Weihnachten abermals die schmalzige Trilogie der österreichischen Kaiserin am Fernseher ausgestrahlt werden, werde ich mit einem breiten Grinsen verträumt und freudig an unseren ehrenwerten Kurgast und an den wunderschönen Urnäscher Blochtag zurückdenken. Dabei könnte es gut sein, dass dann auch mir bei diesem Film endlich eine Freudenträne über die ­Wange kullert, und nicht nur bei meiner Frau.

Hansruedi Diem