Eine Stimme für die Lokalzeitung

Mit der heutigen Ausgabe geht die Ära der Toggenburger Nachrichten zu Ende. Diese wurde fast 30 Jahre von Walter und Elisabeth Fuchs geprägt. Im Gespräch erinnern sie sich an damals und an den steten Kampf «Klein gegen Gross».

Adi Lippuner/Sabine Schmid
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Elisabeth und Walter Fuchs sind auch nach ihrem Wegzug mit dem Toggenburg verbunden. (Bild: Sabine Schmid)

Elisabeth und Walter Fuchs sind auch nach ihrem Wegzug mit dem Toggenburg verbunden. (Bild: Sabine Schmid)

Sie kamen in den 1970er-Jahren als katholischer Appenzeller ins reformiert geprägte Obertoggenburg. Wie haben sie die politische Situation erlebt?

Walter Fuchs: Politisch war die FDP-Mitgliedschaft ein Muss. Vom Verleger der Lokalzeitung mit freisinniger Ausrichtung wurde dies erwartet. Aus meiner Sicht war das kein Problem. Zum einen stimmen meine persönliche Gesinnung und die Ausrichtung der Freisinnigen überein und zum anderen haben wir uns bei der täglichen Arbeit neutral verhalten. Die Konfession war damals kein Thema mehr. Allerdings haben wir von Frau Fankhauser gehört, dass es 25 Jahre früher absolut undenkbar gewesen wäre, einem Katholiken den Betrieb zu übergeben.

Wie wurden Sie damals als «Fremder» aufgenommen?

Fuchs: Das hat von Anfang an gut funktioniert. Rückblickend kann ich mir vorstellen, dass unser «Appenzeller Bonus» mitspielte. Und so fremd sind die Kulturen des Appenzellers und des Toggenburgers nicht.

Sie waren zuerst Geschäftsführer in der Druckerei, die von Frau Hedwig Fankhauser geleitet wurde. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Fuchs: Frau Fankhauser hatte ihre Vorstellungen, wie es mit dem Geschäft weitergehen sollte und das wurde vorgängig klar besprochen. Deshalb hatten wir gegenseitig keine unterschiedlichen Erwartungen.

Was war für Sie der Grund, nach Ebnat-Kappel zu kommen und diese Aufgabe zu übernehmen?

Fuchs: Wir haben in Einsiedeln gelebt und gearbeitet. Es war unser grosser Wunsch, einen eigenen Betrieb zu haben. Über einen Berufskollegen sind wir auf die Druckerei mit eigener Lokalzeitung in Ebnat-Kappel gestossen. Das sehr faire Angebot von Frau Fankhauser ermöglichte uns den Einstieg ins Geschäft. Meine Aus- und Weiterbildung in der Branche und die erfolgreiche Tätigkeit als Geschäftsführer trugen sicher zum Entscheid bei.

Was hat Sie bewogen, zusammen mit Ihrer Frau Elisabeth die Druckerei Fankhauser zu übernehmen?

Fuchs: Von allen Betrieben, die wir uns angeschaut haben, war es der einzige, der gut im Schuss war. An vielen Orten wurden während Jahren keine Investitionen mehr getätigt. Der in Ebnat-Kappel hatte eine überschaubare Betriebsgrösse. Zudem hat uns die Aussicht zugesagt, in der Ostschweiz leben zu können.

Zur Druckerei gehörte eine Zeitung, welche Rolle hatten Sie da inne? Welche Rolle übernahm Elisabeth Fuchs?

Fuchs: Meine Aufgaben waren breit gefächert. Ich erstellte Offerten für Druckaufträge, setzte während Jahren Inserate – zuerst im Bleisatz, später im Fotosatz – und verfasste redaktionelle Artikel. Wir waren eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern. Zu Beginn hat meine Frau einfachere Arbeiten, welche neben den familiären Aufgaben möglich waren, übernommen.

Elisabeth Fuchs: Ich war «Mädchen für alles», habe einfach angepackt und geholfen, wo es nötig und möglich war.

In Ihre Zeit als Verleger der Toggenburger Nachrichten fiel ein grosser technischer Wandel. Vom Bleisatz zum Fotosatz, von der analogen zur digitalen Fotografie. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Fuchs: Der Wandel in der Zeitungslandschaft war wirklich enorm. 1982 haben wir das gesamte Gebäude um einen Stock erhöht, weil einfach zu wenig Platz vorhanden war. Das Spezielle an dieser Situation war, dass Frau Fankhauser die Pläne und Bauverträge unterzeichnete, wir dann aber für das gesamte Vorhaben gerade stehen mussten. Nach dem Umbau wurde das Fotosatzsystem eingeführt, denn unser Bestreben war es immer, auch als Kleinbetrieb technisch vorne mit dabei sein. Aus diesem Grund wurden bei uns mehrmals Pilotprojekte durchgeführt. Unser Redaktor Hans Vogel hat mit der SPK, das war die Schweizerische politische Korrespondenz, ein elektronisches Redaktionssystem eingeführt. Zudem gehörten wir zu den ersten Kleinbetrieben, die den gesamten Bürobetrieb auf elektronische Datenverarbeitung umstellten.

Technische Neuerungen beinhalten auch grossen Investitionsbedarf. Wie gingen Sie als «Kleiner» in der Branche damit um?

Fuchs: Unser Glück war es, dass wir nach der Geschäftsübernahme von guten Jahren profitieren konnten. Damals waren Gewinne möglich und wir konnten Investitionen tätigen. Zudem hatten wir im Betrieb einsatzfreudige und vertrauenswürdige Angestellte, welche erfolgreiches Arbeiten ermöglichten.

Während Ihrer Berufszeit haben Sie sich innerhalb des Verlegerverbandes und in der Politik immer für die kleineren Unternehmen eingesetzt. Weshalb? Konnten Sie diesbezüglich Erfolge verbuchen?

Fuchs: Wir waren nahe am Erfolg. Ein Kollege aus Winterthur und ich legten ein pfannenfertiges Projekt über eine nationale Presseförderung vor. Unsere Vorlage wurde im Nationalrat nur ganz knapp abgelehnt. Die Idee war, anstelle des vergünstigten Portos für Lokalzeitungen eine Presseförderung auszuzahlen. Mein Anliegen war es immer, auch den kleinen Zeitungen eine Chance zu geben. Dabei stiess ich bei den jeweiligen Präsidenten und Vertretern von Grossverlagen innerhalb des Zeitungs-Verlegerverbands nicht immer auf offene Ohren.

Im Toggenburg gab es Ende der 1990er-Jahre eine Veränderung: Zwei Ihrer Mitbewerber – Der Toggenburger und das St. Galler Tagblatt – schlossen sich zusammen. Welche Auswirkungen hatte dies auf die Toggenburger Nachrichten?

Fuchs: Am meisten Schwierigkeiten machte uns die neu ins Leben gerufene Grossauflage. Dies entgegen der ursprünglichen Idee einer Zusammenarbeit von Toggenburger Tagblatt, Alttoggenburger und Toggenburger Nachrichten. Damals delegierten alle drei Verlage für jeden Anlass einen Mitarbeiter und das war Ressourcenverschwendung.

Sie standen in regem Kontakt zur Kundschaft und haben, wenn es um den Verkauf von Inseraten ging, auch persönlich zum Telefon gegriffen. War dies aus Ihrer Sicht eine der Möglichkeiten, um eine kleine Zeitung erfolgreich zu führen?

Fuchs: Ohne grosses persönliches Engagement kann kein Geschäft geführt werden. Dazu gehört, dass wir immer wieder darauf aufmerksam machten, dass es in Ebnat-Kappel eine Lokalzeitung mit eigener Druckerei gibt. Im Gegenzug haben wir unsere Kundschaft gepflegt, besuchten die regionalen Restaurants und wenn ein Bauvorhaben anstand, wurden einheimische Handwerker berücksichtigt.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Entscheid, die Toggenburger Nachrichten zu verkaufen?

Fuchs: Das war kein einfacher Entscheid. Aber das Umfeld wurde immer schwieriger, die Zeitungslandschaft veränderte sich. Sowohl die Zahl der Inserate als auch der Abonnenten war rückläufig. Zudem standen grössere Investitionen von gegen einer Million Franken an. Wir mussten aber erkennen, dass dieses Geld nicht mehr innert nützlicher Frist erwirtschaftet werden konnte. Das Schwierigste war, sich vor die Mitarbeitenden zu stellen und diesen zu sagen, dass wir einen Käufer für den Betrieb suchen. Beruhigend für uns war dann zu guter Letzt, dass mit Ausnahme eines jungen Druckers alle zur Toggenburg Medien AG wechseln konnten.

Welchen Kontakt pflegen Sie seit dem Wegzug aus Ebnat-Kappel zum Toggenburg?

Fuchs: Persönlich haben wir, ausser zu den ehemaligen Nachbarn, wenige Kontakte. Aber bei Versammlungen der Banken und Bergbahnen treffen wir viele Bekannte und freuen uns über ein Wiedersehen. Das gilt übrigens auch, wenn wir in Appenzell Toggenburger treffen.

Heute, wenn die Ära dieser Traditionszeitung zu Ende geht, was empfinden Sie?

Fuchs: Ganz ohne Wehmut geht es nicht, denn die Toggenburger Nachrichten sind über 160 Jahre alt und 29 Jahre davon durften meine Frau Elisabeth und ich mitwirken. Ein Stück weit ist es Teil unseres Lebenswerks. Doch uns war schon beim Verkauf der Zeitung klar, dass wir dem neuen Besitzer keine Vorschriften machen können und die Ära irgendwann zu Ende gehen wird. Dass die Lokalzeitung noch acht Jahre von den neuen Besitzern weiter herausgegeben wurde, ist eine gute Zeitspanne. So gesehen haben wir auch keine Weltuntergangsstimmung, denn die heute Verantwortlichen müssen betriebswirtschaftliche Überlegungen anstellen, wie wir das vor dem Verkauf auch getan haben.

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