Eine sommerliche Lausbubengeschichte: Mit Schlauheit gegen den grossen Durst

Die seinerzeitige Mineralquelle in Walzenhausen mit ihrem Angebot an süssen Wässerchen wie Zitro, Orangina und anderen war für uns Buben vor allem in der heissen Jahreszeit ein beliebtes Ziel. Und Schlaumeier verstanden es immer wieder, die eine oder andere Gratisflasche zu ergattern.

Peter Eggenberger
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WALZENHAUSEN. Vor gut hundert Jahren wurde das Heilwasser vom alten Bad Schönenbühl in Wolfhalden ins Hotel Kurhaus im Nachbardorf Walzenhausen geleitet. An der guten Sache mitbeteiligt war auch August Sturzenegger, der im Weiler Güetli eine Stickerei betrieb. Nach dem Niedergang dieser Branche liess er einen Drittel des gesunden Wassers in seine Fabrik leiten, wo vorgängig die Stickmaschinen durch Abfülleinrichtungen ersetzt worden waren. Nach Sturzeneggers Tod im Jahre 1922 kam das Unternehmen in andere Hände, und Eigentümer ab 1936 war Johannes Keel, ein freigebiger Patriarch.

Zitro und Orangina

Es war ein schwüler Tag im extrem heissen Sommer 1947. Wieder einmal war für uns Buben der grosse Brunnen gegenüber der Mineralquelle Treffpunkt. Wir liessen die Fabrik nicht aus den Augen, und obwohl wir den Durst laufend an der Brunnenröhre löschten, wuchs die Lust auf Zitro oder Orangina ins Unermessliche.

«Peterli, gang zom Keel überi ond froog, öb du e Guttere Zitro überkämmischt», befahl mir der ein paar Jahre ältere Rudelführer Karl Staub. Jede Widerrede war zwecklos, und Augenblicke später kehrte ich stolz mit dem Gewünschten zurück. Rasch machte die Flasche die Runde von Mund zu Mund. Dann füllte sie Karl mit Brunnenwasser, das von genau gleicher Farbe wie das süsse Walzehuuser Zitro war.

Tauschhandel

Nachdem er den Bügelverschluss zugeklappt hatte, war die Reihe erneut an mir. «Soo, etz gohscht nomol überi ond fröögischt, öb du s Zitro nöd geg e Guttere Orangina könntischt tuusche.» Ich gehorchte und äusserte bei Vater Keel mit viel Herzklopfen unseren Wunsch. «Aha, tuusche. Orangina statt Zitro. Momoll, da kamme mache», und schon drückte mir der gutmütige Patron eine volle Flasche in die Hand.

Wieder wurde getrunken und ob der gelungenen Schlaumeierei ausgiebig gelacht. Nachdem ich die leere Flasche zurückgebracht hatte, machten wir uns nach einer kurzen Wasserschlacht am Brunnen auf den Heimweg. Als wir die Tauscherei ein paarmal wiederholt hatten, gingen bei der Mineralquelle die ersten Reklamationen ein.

Paul Niederer, Wirt auf der «Meldegg», beschwerte sich beispielsweise lautstark, ob neuerdings Brunnenwasser statt Zitro geliefert werde. Eine Sauerei sei das, und er überlege sich ernsthaft einen Wechsel zur Elmer Mineralquelle.

Und wieder hatte ich an einem warmen Ferientag Zitro gegen Orangina einzutauschen. Mir fiel das Herz in die Hosen, als unter der Türe nicht Herr Keel, sondern der aufbrausende Chauffeur Bauder auftauchte.

«Soo, tuusche… Wart no, du keibe Schnuderi.» Er entriss mir die Flasche, öffnete sie, packte mich am Arm und goss den Inhalt über meinen Kopf. «So, ond etz wie de Blitz abfahre», brüllte er und versetzte mir wütend einen Stoss, der mich auf der Treppe stolpern und fast das Gleichgewicht verlieren liess.

«De Tuerscht wacker glöscht»

Mit schadenfrohem Gelächter empfingen mich die Kollegen. «So Peterli, häscht määni de Tuerscht wacker glöscht», spottete Karl. Grenzenlose Wut stieg in mir auf, als auch meine Freunde Roli, Hugo und Hampi sich vor lauter Lachen die Bäuche hielten. Dann zerstob die Bubenschar in alle Winde und liess mich tropfnass zurück. Und genau seit diesem Zeitpunkt ist das Tauschgeschäft «Walzehuuser Zitro gege Orangina» Geschichte.

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