Eine Schulwoche fast ohne Schüler: Wie ein Herisauer Lehrer die Umstellung auf den Fernunterricht erlebt hat

Neue Finken, Liederauswahl, Whatsapp-Chat und Geburtstagsabsage: Ein Herisauer Primarlehrer blickt zurück.

Lukas Pfiffner*
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Im Schulzimmer der 3. Klasse Landhaus: unbenützte Stühle und eine leere Wochenübersicht.

Im Schulzimmer der 3. Klasse Landhaus: unbenützte Stühle und eine leere Wochenübersicht.

Bild: Lukas Pfiffner

Den Schoggikäferverkauf haben wir noch rechtzeitig abgeschlossen. Welche Informationen an die Eltern sind nun nach dem Bundesratsentscheid über das Schulverbot und den ersten Mitteilungen der Schulleitung sowie des Kantons am dringendsten? Das frage ich mich vor einer Woche. Meine Jobsharingkollegin und ich sprechen uns ab; wir rufen die Eltern an. Sie wirken besorgt, aber gefasst. Praktisch alle haben schon die Website der Schule besucht.

Am Montag früh erhalten wir weitere Informationen der Schulleitung. Ich eröffne am Computer einen Ordner mit dem Titel «Corona-Material». Wir stellen ein erstes Aufgabenblatt zusammen, das wir unseren Drittklässlern für die Zeit bis am Mittwoch mitgeben. Ein Schüler bringt neue Finken mit. Hoffentlich darf er sie bald tragen.

Ein anderer kehrt auf der Treppe um und fragt, ob wir die nun ausfallenden Vormittage der beliebten, klassenübergreifenden Ateliers nachholen würden. «Ich hoffe es», sage ich und bemerke später, dass er die Word-Cards fürs Englisch hat liegen lassen.

Niemand weiss die Antwort

Am Mittag spüren mein Kollege und ich, dass wir wohl für einige Zeit nicht mehr im Restaurant essen werden. Er sagt:

«Habe ich am Freitag zum letzten Mal richtig Schule gegeben?»

Er wird im Sommer pensioniert und weiss, dass niemand die Antwort weiss. An einer nächsten Teamsitzung besprechen wir den Betreuungsplan der Kinder und die nächsten Fixtermine. Eigentlich hätte sich für die zwei Wochen vor den Frühlingsferien eine Praktikantin in meiner Klasse aufhalten wollen. Ich schreibe eine Absage: «Die Zeit im fast leeren Schulhaus abzusitzen, wäre sinnlos. Wir hoffen, dass du trotz dieses Negativerlebnisses einen schönen beruflichen Weg Richtung Pädagogik wählen wirst.» Die Schulleitung gibt uns Tipps, lässt aber Freiheiten, wie wir den zuvor noch nie gehörten Begriff «Unterricht ohne Präsenzverpflichtung» konkret umsetzen.

Ich spüre von Vorgesetzten und Eltern Vertrauen. Im Schulhaus werden Links und Materialien ausgetauscht, erklärende Videofilme produziert, Arbeitspläne und Aufgaben mit unterschiedlicher Schwierigkeit erstellt, Projektaufträge formuliert und wieder verworfen, E-Mail-Botschaften vorbereitet. Manche vertiefen sich in der Online-Plattform «Teams». Eine Mutter teilt mir mit: Eine Kollegin habe ihr gezeigt, wie man E-Mails schreiben und verschicken könne. Das freut sie. Und mich.

Am Dienstag sticht mir die Zeitungsaussage einer Schulleiterin ins Auge, sie fühle sich wie amputiert. Beim Planen denke ich: Es wäre schön, wenn sich die Kinder auch mit etwas Musikalischem beschäftigen würden. Das «Ferie-Lied» eignet sich weniger: «Villicht gömmer furt mit em Zug oder Auto, i d’Berge, i d’Stadt, anen Strand.» Ich wähle den Rugguuseli-Blues aus, den schätzt die Klasse. Eine Audiodatei mit einem noch nicht eingeführten Fussballlied lade ich auch auf die USB-Sticks, die ich den Kindern mitgeben werde. Und im zweiten Anlauf gelingt es mir, die Klavierbegleitung des Liedes «Schulhexe» unfallfrei mit dem Mikrofon aufzunehmen: «Wer sich labt an meiner Brühe, hat mit Lernen keine Mühe.» Das tönt wenigstens optimistisch.

«Dann ist es nicht schlimm»

Das Kopiergerät ist einer der Treffpunkte der Lehrpersonen, die Kaffeemaschine ein anderer. Man tauscht sich aus, hilft sich. Der Whatsapp-Chat der Landhaus-Lehrpersonen lebt intensiver als normal. Hektik ist aber nicht auszumachen. Am Mittwoch kommen alle Klassen unserer Schuleinheit gestaffelt ins Schulhaus. Sie setzen sich in der Garderobe auseinander. Jedes zweite Kind lasse ich ins Schulzimmer gehen, die anderen warten. Die Schüler erhalten einen Arbeitsplan und jenen Hinweis, den wir schon den Eltern per E-Mail mitgeteilt haben: «Wenn etwas nicht gelingt, ist es nicht schlimm. Dann arbeitest du an etwas anderem.» Ein Knabe verteilt Briefchen: Seine Einladung zum Geburtstag müsse leider ausfallen.

Das Abstandhalten üben

Durch das Fenster sehe ich eine Gruppe von Kindergärtlern. Die widmet sich offensichtlich dem Einschätzen und Einhalten der propagierten Distanz von zwei Metern. «Wir sind am Thema Baustelle und haben schon geübt, etwas zu messen», erklärt mir die Lehrperson. Darum habe man spontan trainiert, bevor die Kinder wieder nach Hause gegangen seien. «Ihnen hat es Spass gemacht.» Am nächsten Tag beginne ich, weitere Pläne und Aufträge zu schreiben. Ich erkläre einer Mutter am Telefon, wie sie grosse Dateien von einem E-Mail-Übertragungsdienst auf ihren Computer herunterladen und speichern kann. Die Lehrpersonen dürfen zu Hause arbeiten. Materialbedingt verbringe ich aber den grössten Teil der Woche in der Schule. Für alle Fälle nehme ich ein paar wichtige Unterrichtsunterlagen mit in meine Wohnung. Die Pinsel, mit denen wir eine Woche zuvor eifrig Wasserfarben-Übungen gemacht haben, sind längst getrocknet. Ich lege sie auf die Seite. Bis wann wohl?

* Lukas Pfiffner ist seit 40 Jahren Lehrer in Herisau, seit 1981 schreibt er für die «Appenzeller Zeitung».

Neun Profitipps für den Unterricht zu Hause

 1) Darauf achten, dass Kinder an Wochentagen zu einem regelmässigen Zeitpunkt aufstehen.
2) Am Morgen arbeiten lassen, wenn die Konzentrationsfähigkeit besser ist als am Abend.
3) Die Aufträge in Portionen erledigen lassen und auf bildschirmfreie Phasen achten; Tagespläne können hilfreich sein.
4) Genug Zeit für Pausen und zum Spielen gewähren.
5) Zwischen sprachlichen, kreativen und mathematischen Aufträgen abwechseln. 6) Vor allem jüngere Kinder unterstützen, sie aber nicht ständig überwachen.
7) Sich bei einem technischen oder inhaltlichen Problem nicht zu lange aufhalten, sondern Hilfe holen.
8) Kein schlechtes Gewissen haben, wenn etwas nicht gelingt; Freundinnen, Freunde und Lehrpersonen können helfen.
9) Nicht zögern, die Lehrpersonen zu kontaktieren; diese haben nach wie vor einen Berufsauftrag und keine Ferien. (pf)