Eine Persönlichkeit, die ihresgleichen sucht

Am 24. Februar hat uns Axel von Wehrden im 74. Altersjahr überraschend für immer verlassen. Nicht nur für seine Angehörigen, sondern auch für viele Pilz- und Kunstfreunde war der Hinschied ein schwerer Schlag.

Hans-Peter Neukom
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Am 24. Februar hat uns Axel von Wehrden im 74. Altersjahr überraschend für immer verlassen. Nicht nur für seine Angehörigen, sondern auch für viele Pilz- und Kunstfreunde war der Hinschied ein schwerer Schlag.

Axel von Wehrden wurde 1941 in Lauenförde im Land Niedersachsen geboren. Schon früh entdeckte seine Mutter in ihm eine künstlerische Ader und schickte ihn im 13. Altersjahr in eine Kochlehre, da Koch ein kreativer Beruf sei. Dies war ihm nicht unlieb, und er blieb den Kochtöpfen sein Leben lang treu, zunächst 1957 im Berghotel Schwägalp der Gemeinde Hundwil (AR). In den Sechzigerjahren lebte und arbeitete er in St. Gallen, wo er seine erste Frau Linda kennenlernte und heiratete. Aus dieser Ehe gingen die beiden Kinder Armin (1966) und Jürgen (1970) hervor.

1974 zog er mit seiner Familie nach Wildhaus, wo er das Ferienheim Bodenweidli mit viel Geschick und Können während 27 Jahren führte. Nach seiner Pensionierung 2001 lebte er mit seiner zweiten Ehefrau Marti zusammen im Städtchen Lichtensteig bis zu seinem überraschenden Ableben. Auf der Terrasse seines Heimes kontrollierte er als ausgewiesener Pilzkontrolleur das Sammelgut vieler Pilzler. Ebenfalls im Haus am Giebelweg integriert waren seine geliebte Werkstatt und Galerie.

Faszination Pilze

Schon in jungen Jahren begeisterte sich Axel von Wehrden für die Geheimnisse und Schönheiten der Natur. Mit intuitiver Sicht erfasste er das wahre Wirken in der Natur, blieb dabei aber jedem falschen, nur sentimentalen Naturgefühl abhold. So erstaunt es wenig, dass der Verstorbene bereits früh die faszinierende Welt der Pilze entdeckte. Im Jahre 1978 war er Mitgründer des heutigen Pilzvereins Toggenburg mit Sitz in Wattwil und leitete den Verein als umsichtiger Präsident während 18 Jahren. Zwei Jahre nach der Vereinsgründung bestand er die Prüfung zum eidgenössisch diplomierten Pilzkontrolleur der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrolleure (Vapko). Fortan stellte er sein mykologisches Wissen auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Während 21 Jahren leitete er mit dem Pilzkontrolleur Hans Frey die Kontrollstelle Wildhaus und danach 13 Jahre in Lichtensteig. Dabei entdeckte er viele gute Pilzplätze, zu denen er nur seine besten Freunde führte. Pilzsammler seien eben ein eigenes Völkchen, verschwiegen und misstrauisch. «Selbst am Stammtisch unter unseresgleichen, wo so manche abenteuerliche Pilzgeschichte die Runde macht, werden die guten Fundplätze von Steinpilzen und Morcheln wie ein geheimer Schatz gehütet», sagte Axel von Wehrden einmal. Pilze sammelte er vorwiegend für den Kochtopf und bezeichnete sich selbst scherzhaft als Magenbotaniker oder Mykophage. Viele seiner Gäste schwärmen noch heute in höchsten Tönen von seinen kreativen, köstlichen Pilzgerichten. Erinnert sei hier nur an sein Morchelrezept «Gefüllte Toggenburger». Auf seinen Pilzgängen nicht fehlen durfte sein roter Schal: «Damit können mich die Jäger vom Wild unterscheiden», erklärte von Wehrden verschmitzt.

Kunst, die provoziert

Aber nicht nur die grosse, geheimnisvolle Welt der Pilze faszinierte Axel von Wehrden. Auch auf künstlerischer Ebene war er mit seinem weiten Weltbild eine Persönlichkeit, die ihresgleichen sucht. Abstrakte Phasen, plastisch gestaltete Sprachspiele, Malerei und Installation wechselten sich bei ihm in rascher Folge ab. Schon früh schuf er aus allerlei ungewöhnlichen Materialien provokative Skulpturen. Oft bildeten wahre Begebenheiten die Grundlage für seine skurrilen Kunstwerke. Meistens kommentieren sie politisch brisante Episoden und haben schon manchen Zeitgenossen zum Schmunzeln angeregt. Davon zeugen etwa der «Köfferlimuni», der «Donnerbalken» und der «Gnom von Zürich auf dem Weg zum Schliessfach». Der von ihm 2005 für den Rathausplatz von Lichtensteig geplante «Schlagbaum» wurde vom Gemeinderat leider abgelehnt. Seine Naturverbundenheit, sein scharfes Sammlerauge und die kulinarischen Genüsse verbanden sich im Lichtensteiger Künstler zu einer einzigen grossen Leidenschaft. Aus dieser entstanden nach einem von ihm selbst ausgeklügelten Verfahren einzigartige Pilzsporenbilder, die ihn in Kunstkreisen sogar über die Landesgrenze hinaus bekannt machten.

Die astronomische Pilzuhr

Zweifellos einen Höhepunkt in seiner künstlerischen Phase stellen die beiden Pilzuhren dar. Manche Pilzsammler glauben nämlich, dass die Phase des «obsigehenden» und «nidsigehenden» Mondes einen Einfluss auf das Wachstum von Pilzen habe. Dies brachte den Pilzexperten und Künstler Axel von Wehrden auf die Idee, zusammen mit dem 2009 verstorbenen Toggenburger Uhrenmacher Werner Anderegg aus Nesslau zwei astronomische Pilzuhren zu bauen und zu gestalten. 1992 waren beide Kunstwerke zu privaten Zwecken fertig, eines in Holz, das andere in Metallen. Die zwei Pilzuhren waren ab 2006 in den Räumen der Erlebniswelt Toggenburg in Lichtensteig während fünf Jahren ausgestellt.

Eine echte Bereicherung

Und als ob all diese bereichernden Tätigkeiten nicht schon genügt hätten, war Axel von Wehrden auch noch ein Gründungsmitglied des Puppenbühnenvereins Wildhaus. Während vieler Jahre brachte er seine vielfältigen handwerklichen Talente in die Gestaltung der Bühnenbilder und vielbeachteter Marionetten für verschiedene Aufführungen ein. Daneben engagierte er sich auch als Sprecher und Regisseur. Einer der vielen grossen Erfolge des Puppentheaters, an dem Axel von Wehrden massgeblich beteiligt war, ist das Stück von William Shakespeare: «Das Gespenst von Canterville». Oder Antoine de Saint-Exupérys «Der kleine Prinz», eines der vielen Kinderstücke, die jeweils eine Wintersaison lang vom Puppentheater Wildhaus aufgeführt wurden. Und selbst damit ist das überreiche Lebenswerk dieses ebenso begeisterten und begeisternden Wahltoggenburgers noch längst nicht nachgezeichnet.

Seine Familie, die Pilzliebhaber und Kulturfreunde behalten Axel von Wehrden als treuen Freund und liebevollen Kameraden, auf den sie sich immer verlassen konnten, in bester Erinnerung. Begegnungen und Gespräche mit dem beliebten, anregenden Menschen Axel von Wehrden und sein erfrischender Humor waren eine echte Bereicherung, an die man sich gerne erinnert. Er aber hat nun wohl jene Ruhe und Stille gefunden, die er schon immer in der Natur suchte.