Eine Million Bäume für Regen

ALT ST.JOHANN. Galsang Tschinag, Oberhaupt der Tuwa und Träger von Literaturpreisen, war für eine Lesung angekündigt. Sein Anliegen: von der Mongolei erzählen und dem Ziel, dem Land eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

Lisa Leisi
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Galsang Tschinag nutzt seine Gabe als Dichter und investiert den Erlös aus seinen Büchern in Bäume. Diese sollen in der Mongolei wieder für mehr Regen sorgen. (Bild: Lisa Leisi)

Galsang Tschinag nutzt seine Gabe als Dichter und investiert den Erlös aus seinen Büchern in Bäume. Diese sollen in der Mongolei wieder für mehr Regen sorgen. (Bild: Lisa Leisi)

Am Mittwochabend füllte sich der Saal der Propstei bis auf den letzten Platz. Für die Einstimmung sorgten das Geläut der Sennschellen – die Basisinstrumente rund um den Säntis und die Churfirsten – und andere, urtümliche Klänge aus der Klangwelt Toggenburg. Obertöne, wie sie dabei zu hören waren, finden auch bei den Tuwas kulturelle und therapeutische Verwendungen.

Peter Roth stellte die Verbindung zu einer weiteren Gemeinsamkeit zwischen dem Toggenburg und der Mongolei her: dem Nomadentum. Vor 200 Jahren zogen die Toggenburger im Sommer mit dem Vieh auf die Alpen und für den Winter durchs sumpfige Tal und Wälder bis nach Österreich zu Heubauern.

Harte Lebensbedingungen

Von Galsang Tschinag war zu erfahren, dass in der Mongolei wie in der Schweiz verschiedene Völker zusammen leben: die schamanischen Tuwas, die buddhistischen Kasachen und die islamischen Mongolen.

Sein Volk, die Tuwas, sind ein noch ursprüngliches Türkenvolk. Die Türken hatten im Altaigebirge in der Mongolei gelebt. Vor 1200 Jahren wanderten viele Türken westwärts aus und suchten sich besseres Land. Galsang Tschinag sieht sich und sein Volk nun als Wächter der ursprünglichen Art ihrer Sprache, Sitten, ihres Glaubens und ihrer Denkweise. Dies drückt sich auch in der Beibehaltung der neun Tagewoche aus.

Er fühle sich der Schweiz verbunden, weil sich die Schweizer in der Vergangenheit auch immer zu behaupten wussten. Die Mongolei ist durch verschiedene Widerwärtigkeiten herausgefordert. So führt das Kontinentalklima zu heissen Sommern und kalten Wintern. Ein Winter kann neun Monate dauern. Im letzten Winter starben deshalb 8,5 Millionen Stück Vieh. Auch Menschen starben. 90 Prozent der Leute sind arm. 100 der 2,7 Millionen Einwohner in der 40mal grösseren Mongolei besitzen 90 Prozent des Vermögens.

40 Prozent des Landes gehört wegen seinen vielfältigen Bodenschätzen Ausländern wie Chinesen, Russen und Kanadiern.

Verehrung der Natur

Dem Heiden Galsang Tschinag bedeutet die Natur alles. Er verehrt schöne Dinge. Für ihn sind dies die Erde, die Natur, die Menschlichkeit und die Liebe. In ein paar Gedichten, die er vorlas, kam dies zum Ausdruck: «Oh Steppe, liebe Mutter, schon wieder will kommen der Winter, was machen wir?» Auch ein Liebesgedicht drückt

er mit Vergleichen aus der Natur aus: «Du bist der neue Stern an meinem verblassenden Himmel…» Umso mehr schmerzt es ihn, anschauen zu müssen, wie der Regen in seinem Land in den letzten zwei Dekaden ausblieb. Diese Entwicklung liess ihn aktiv werden.

«Geben, nicht haben»

Er entschied, «geben zu wollen, nicht haben zu wollen» und setzt sich darum für sein Land mit seinen Gaben ein.

Seine Begabungen und sein Studium in Germanistik nutzte er, um 30 Bücher in deutscher Sprache zu schreiben. Aus dem Erlös, Gaben und mit seinen inzwischen vielen Beziehungen in der westlichen Welt finanziert und pflanzt er Bäume in der Mongolei. Damit will er erreichen, dass es wieder mehr regnet. Sein Ziel sind eine Million Bäume. Über 100 000 sind es schon geworden.

Und allen Vorhersagen zum Trotz überlebten nicht nur drei Prozent, sondern gut neunzig Prozent der Bäume den letzten strengen Winter. Mit jedem Baum setze er sich ein Denkmal. Dies sei seine Art von weisem Egoismus und eine erträgliche Eitelkeit.

Ein weiteres wichtiges Anliegen ist für Galsang Tschinag, dem modernen Menschen etwas von seinen Wurzeln, dem Ursprünglichen, zugänglich zu machen durch seine Einstellung zum Leben und die Begeisterungsfähigkeit,

Fröhlichkeit, Genussfähigkeit und Dankbarkeit in kleinen Dingen, die typisch ist für die Tuwas: «Jeder Lebenstag ist eine Freude!» Auch ermunterte er, bei allen Anstrengungen immer an das Gute und nicht an die Schwierigkeiten zu denken. Jede Angst löse sich auf, wenn man sich ihr stelle.

Mit Bekannten aus dem Toggenburg hat er nun als neuestes Projekt beschlossen, ein Klanghaus in der Mongolei zu bauen.

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