«Eine langfristige Verpflichtung einzugehen wäre verantwortungslos und unseriös»: Deshalb kam es zur Vertragskündigung zwischen dem Ausserrhoder Spitalverbund und dem Spital Appenzell

Der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar) hat die offenbar «gut angelaufene» Zusammenarbeit mit dem Spital Appenzell im Bereich der Inneren Medizin gekündigt. Mit Folgen für Innerrhoden: Der geplante Neubau AVZ+ kann nicht realisiert werden. Die stationäre Abteilung am Spital Appenzell wird Mitte 2021 geschlossen. Wie kam es zu dieser Kündigung? Wir haben beim Svar nachgefragt.

Claudio Weder und David Scarano
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Der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden befindet sich mitten in einem Strategieprozess.

Der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden befindet sich mitten in einem Strategieprozess.

Bild: Michel Canonica

Seit mehreren Jahren arbeitet das Spital Appenzell im Bereich der stationären Inneren Medizin mit dem Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar) zusammen. In dieser Zusammenarbeit sah die Innerrhoder Standeskommission stets eine Chance, um die Situation am Spital Appenzell, das seit rund zwei Jahren mit sinkenden Fallzahlen zu kämpfen hat, nachhaltig zu verbessern.

Nun hat der Svar die bestehende Zusammenarbeit per Ende Juni 2021 gekündigt. Mit weitreichenden Folgen: Innerrhoden kann den geplanten Spitalneubau (AVZ+) nicht realisieren. Zudem muss die stationäre Abteilung am Spital Appenzell geschlossen werden.

Andreas Zollinger, Verwaltungsratspräsident Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar).

Andreas Zollinger, Verwaltungsratspräsident Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar).

Bild: PD

Die Vertragskündigung kommt für Aussenstehende überraschend. So hat die Innerrhoder Regierung stets betont, dass die Zusammenarbeit mit dem Svar «erfolgsversprechend angelaufen» sei.

Dies kann auch Andreas Zollinger, Verwaltungsratspräsident des Svar, bestätigen. «Die Zusammenarbeit ist gut gestartet und hat rasch zu einer spürbaren Verbesserung der Versorgungsqualität in Innerrhoden geführt.» Es habe sich jedoch gezeigt, dass die Rekrutierung von geeigneten Fachkräften für das Spital Appenzell äusserst herausfordernd sei:

«Trotz grösster Anstrengungen ist es bisher nicht gelungen, geeignete Fachkräfte für das Spital Appenzell zu finden und langfristig zu binden. Der Svar betrachtet es als unwahrscheinlich, dass sich diese Situation mittelfristig ändern wird.»

Hinzu kommt, dass der Svar vor sehr grossen Herausforderungen stehe, unter anderem auch aufgrund der Auswirkungen von Covid-19. Der Start zum Spitalbau in Appenzell bedinge eine langfristige Verpflichtung seitens des Svar, sagt Zollinger.

«Mit der heutigen Ausgangslage eine langfristige Verpflichtung einzugehen, wäre verantwortungslos und unseriös.»

«Ein notwendiger Schritt»

Den Entscheid, die bereits angelaufene Zusammenarbeit wieder zu kündigen, bezeichnet Zollinger als «notwendigen Schritt». «Der Svar befindet sich inmitten eines Strategieprozesses, welcher aufgrund der raschen Änderungen in der Spitallandschaft, speziell im Kanton St Gallen, von grosser Bedeutung ist für die künftige Positionierung unserer Spitäler.» Hinzu komme die herausfordernde finanzielle Situation, welche durch die aktuelle Covid-Krise noch verschärft werde.

«Folglich muss der Svar seine Kräfte in den eigenen Standorten konzentrieren und sieht keine Möglichkeit, Verpflichtungen darüber hinaus einzugehen.»

Auf die Frage, ob der Svar nun andere Kooperationen anstreben wird, antwortet Zollinger: «Innerhalb des Strategieprozesses gehört es zur Aufgabe des Verwaltungsrates, bestehende Kooperationen mit anderen privaten und öffentlichen Gesundheitseinrichtungen zu überprüfen und zusätzliche Kooperationen - auch über die Kantonsgrenzen hinaus – anzustreben, welche die Strategieumsetzung sowohl wirtschaftlich wie auch aus medizinischem Blickwinkel unterstützen.»

Svar ist sich der Tragweite der Vertragskündigung bewusst

Die Vertragskündigung hat weitreichende Folgen für Innerrhoden. «Der Svar ist sich der Tragweite der Vertragskündigung bewusst», sagt Zollinger. Gerade auch deshalb sei es richtig gewesen, die Entwicklung seriös zu überprüfen und, nach gemeinsamen Gesprächen beider Vertragsparteien, zu handeln. Zollinger sagt:

«Es wäre gegenüber Innerrhoden unverantwortlich, wenn wir diesen Entscheid in einem Jahr fällen würden.»

Am Spital Appenzell soll das medizinische Angebot bis Ende Juni 2021 weitergeführt werden. Rettungs- und Notfalldienst sind gemäss Angaben der Standeskommission sichergestellt. Ende Juni 2021 wird die Bettenabteilung geschlossen, ab Juli 2021 werden stationäre Fälle ausserkantonal behandelt. Das ambulante Angebot bleibt bestehen und soll in Zukunft ausgebaut werden.

Gemäss Zollinger bleiben der Svar und das Spital Appenzell im Austausch und wollen auch zukünftig gute nachbarschaftliche Beziehungen pflegen. «So ist der Svar auch in Zukunft offen, Optionen zu prüfen, wie die beiden Institutionen sinnbringend zusammenarbeiten können.»