Eine Hamburgerin füllt das Atelierhaus Birli in Wald mit Kunstwerken aus Papier     

Für zwei Wochen ist Anna Gröger mit ihrer Ausstellung «Screen» im Atelierhaus Birli der Schlesinger-Stiftung in Wald zu Gast. Zu sehen sind bedruckte Kunstobjekte aus Zeitungspapier. Unter den Motiven findet sich auch eine architektonische Appenzeller Spezialität.

Claudio Weder
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Um das Zeitungspapier mit Mustern zu bedrucken, hat Anna Gröger eine spezielle Drucktechnik entwickelt. (Bild: Claudio Weder)

Um das Zeitungspapier mit Mustern zu bedrucken, hat Anna Gröger eine spezielle Drucktechnik entwickelt. (Bild: Claudio Weder)

An das winterliche Wetter in der Schweiz habe sie sich mittlerweile gewöhnt, sagt Anna Gröger. Und auch mit der eigenwilligen Appenzeller Hausarchitektur komme sie ganz gut zurecht, sagt sie, während sie vom einen Raum in den nächsten geht und dabei gekonnt den Kopf einzieht. Vor rund einer Woche ist die Hamburger Künstlerin im Atelierhaus Birli der Schlesinger-Stiftung in Wald eingezogen.

Eingeladen wurde sie von den jetzigen Bewohnern, Felix Boekamp und Ilija Lazarević. Seit September sind die beiden Stipendiaten im «Birli» zu Gast, wo sie während eines Jahres Ausstellungen im und ums Haus organisieren, zuletzt mit Norbert Möslang, dem Designer der binären Uhr am Bahnhof St. Gallen. Ab heute Samstag wird Anna Gröger für zwei Wochen ihre Werke ausstellen. Zu sehen sind verschiedenste Objekte aus Papier. Zeitgleich zur Ausstellung erscheint eine Publikation in Form eines Künstlerbuchs.

Das «Tagblatt» als Kunstträger

«Screen» heisst die Ausstellung – ein Titel, der zunächst an LCD-Bildschirme erinnert. Mit Videoinstallationen hat Anna Gröger jedoch nichts am Hut. Vielmehr macht sich die Künstlerin einen ganz generellen, raumbezogenen Aspekt des Bildschirms zu eigen, um zu verdeutlichen, worum es in ihrer Kunst geht: um das Spiel mit dem Zwei- und Dreidimensionalen.

Dass sie für die Fertigung ihrer Kunstobjekte Papier verwendet – und zwar ausschliesslich überschüssiges Recyclingpapier des «St. Galler Tagblatts» –, scheint deshalb kein Zufall zu sein:

«Papier ist nicht nur ein günstiges, sondern auch flexibles Material. Mit ein paar Handgriffen kann man es vom zweidimensionalen Bildträger zum 3D-Objekt verwandeln.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Gröger, Boekamp und Lazarević zusammenarbeiten. Die drei haben sich in Nürnberg kennen gelernt. Mit Boekamp hat Gröger an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert. Viel Überzeugungskraft habe es nicht gebraucht, damit sie der Einladung ihrer beiden Freunde aus Deutschland gefolgt sei. «Hier in Wald ist es schon anders als in der Grossstadt», sagt sie, meint dies aber durchaus positiv. Felix Boekamp ergänzt:

«Der Kunstmarkt in den Metropolen ist übersättigt. In der Peripherie hingegen eröffnen sich ganz neue Räume, neue Möglichkeiten.»

Dies sieht auch Anna Gröger so, die die Arbeiten ihrer Ausstellung im «Birli» entstehen lässt und sich dabei bewusst mit den räumlichen Gegebenheiten vor Ort auseinandersetzt. Frei nach dem Motto: «Neue Räume schaffen neue Objekte, genauso wie neue Objekte neue Räume schaffen.»

Es sind geometrische Muster und Raster, die die Künstlerin faszinieren, und zwar sowohl solche, die in der Natur vorkommen, als auch die industriell gefertigten. Diese Muster, die sie in den Hautschuppen von Fischen oder Reptilien genauso vorfindet wie in den Schindelfassaden der Appenzellerhäuser, bringt sie mithilfe einer eigens entwickelten Drucktechnik aufs Papier. Ihre Vorgehensweise erinnere dabei stark an klassische manuelle Druckverfahren, sagt sie. Und habe vieles mit der Malerei gemeinsam. Tatsächlich wirken die gedruckten Muster beim ersten Hinsehen wie verwaschene Zeichnungen.

Schindeln, die an Schuppen erinnern

Bei ihrer Ankunft sei ihr als Erstes die spezielle Architektur des Hauses ins Auge gestochen, sagt die Hamburgerin. «Die niedrigen Decken, die Jalousien, die Schindelfassaden – das kennen wir in Deutschland nicht.» Besonders die Schindeln hätten es ihr angetan. Sie seien für sie vergleichbar mit einer schützenden Haut, erinnern an Schuppen von Reptilien. Sogleich habe sie sich mithilfe von Büchern mit der Tradition des Appenzellerhauses vertraut gemacht, ein Schindler aus dem Dorf habe ihr sogar einen Crashkurs in der Schindelverarbeitung gegeben.

Kein Zufall also, dass auf Grögers Hauptarbeiten – zwei aus Papier gefalteten Pyramiden, die sich im ersten Stock des Hauses befinden – Skizzen von Schindelfassaden zu finden sind. Und Hautschuppen. Wenn auch nicht von Reptilien, sondern von Fischen.