Eine gewisse Reibung ist erwünscht

Monatlich lässt die J.S.-Bach-Stiftung, meistens in Trogen, zweimal hintereinander die gleiche Bachkantate aufführen. Im Zwischenteil wird diese reflektiert. Diesen Freitag macht dies ein Kriminologe, der einst ein Buch mit dem Titel «Gottesvergiftung» geschrieben hat.

Chris Gilb
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Die nahezu monatliche Aufführung einer Bachkantate füllt die Bänke der evangelischen Kirche Trogen. (Bild: pd)

Die nahezu monatliche Aufführung einer Bachkantate füllt die Bänke der evangelischen Kirche Trogen. (Bild: pd)

TROGEN Sie sind beliebt, die monatlichen Veranstaltungen der J.S.-Bach-Stiftung, die hauptsächlich in der evangelischen Kirche in Trogen stattfinden. «Wir haben viele Stammbesucher, die beispielsweise bis aus dem deutschen Bonn dazu anreisen», sagt Xoán Castiñeira, der Geschäftsführer der J.S.-Bach-Stiftung in St. Gallen. Ziel der Reihe in Trogen ist es, alle noch erhaltenen Bachkantaten einmal aufzuführen, was etwa im Jahr 2030 der Fall sein wird. Doch die Kantaten sind kurz, und der Aufwand, sie zu spielen, trotzdem gross. «Deshalb finden insgesamt in der Musikwelt wenig Aufführen von Bachkantaten statt, da trotz der Länge von nur etwa 25 Minuten ein vollzähliges Orchester dafür benötigt wird.»

Einführung und Einschätzung

Bei den monatlichen Veranstaltungen der J.S.-Bach-Stiftung wird die jeweilige Kantate deshalb zweimal aufgeführt. Vor der ersten Aufführung, gibt es die Möglichkeit, an einer theologischen Werkeinführung zum Inhalt und Hintergrund der Kantate teilzunehmen, die mit einem kleinen Imbiss abgeschlossen wird. «Durch die Werkeinführung haben die Zuhörer schon ein Hintergrundwissen zur Kantate.» Bis zur zweiten Aufführung lernen sie dann auch noch eine subjektive Einschätzung dazu kennen. Dafür wählt die Stiftung Personen aus, die selbst nicht aus dem musikalischen Bereich kommen und somit eher den inhaltlichen als den musikalischen Teil der Kantate thematisieren. Die Rezension findet zwischen den beiden Aufführungen statt. «Beim zweiten Mal hören die Zuschauer die Kantate anders», sagt Castiñeira.

Wenn diesen Freitagabend die Kantate «Was Gott tut, das ist wohlgetan» aufgeführt wird, übernimmt Tilmann Moser die Aufgabe, den Zuschauern eine neue Sicht auf den Kantatentext zu eröffnen. Der 1938 geborene Psychoanalytiker und Kriminologe Moser veröffentlichte 1976 ein Buch mit dem Titel «Gottesvergiftung», eine psychoanalytische Religionskritik, die im Monologstil eigene Erfahrungen mit der Religion behandelt. «Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war», lauten die einleitenden Worte des Buches.

Anderer Blickwinkel gefragt

Moser praktiziert in Freiburg im Breisgau und ist dort spezialisiert auf die seelischen Spätfolgen von NS-Zeit, Krieg, Psychotherapie und Religion. Somit ist er jemand, von dem zu erwarten ist, dass er auch eine kritische Sicht der Bachkantate einbringt. «Diese Reibung ist ausdrücklich erwünscht, wir suchen uns Persönlichkeiten für die Rezension aus, die durch ihre Arbeit oder Tätigkeit auch einen kritischen Blickwinkel mitbringen», sagt Castiñeira. Die Reflexion der nächsten Kantate, die am 20. November ebenfalls in Trogen aufgeführt wird, macht dann Heidi Taglivani, die bekannte Schweizer Diplomatin.

Schon zwei Kantaten Bachs zum Kirchenlied «Was Gott tut, das ist wohlgetan» hat die J.S.-Bach-Stiftung aufgeführt, die dritte und letzte kommt jetzt dran. «Das Besondere an dieser Kantate ist, dass sie sparsam instrumentiert ist», sagt Castiñeira. Bach komponierte seine Kantaten für die Kirche in Leipzig – eine für jedem Sonntag. Die Kantate, die morgen aufgeführt wird, komponierte er für den 21. Sonntag nach Trinitatis, also den 21. Sonntag nach Pfingsten.

Bachkantate «Was Gott tut, das ist wohlgetan», Fr., 23. Oktober, evangelische Kirche Trogen ab 17.30 Uhr.