Eine Frage der Perspektive

Brosmete

Christine König
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Daheim haben wir eine Treppe, die abwärts geht. Natürlich nur, wenn man oben steht. Steht man unten, führt sie aufwärts. Nun, der Zweijährige stand oben und wollte hinunter in sein Zimmer, um ein Büchlein zu holen. Er nahm also Stufe für Stufe abwärts und bemerkte – ziemlich weit oben stehend – ein Bild, das an der Wand über der Treppe hing. «Lueg, Kunst», sagte er. In der Tat, das war es: ein Place-of-Places-Schild des Trogner Künstlers H. R. Fricker. Ich hatte es mir vor Jahren von meinem ersten richtigen Lohn gekauft, weil es mir schon immer gefiel und weil ich mir endlich etwas leisten konnte, das mir zwar wahnsinnig grosse Freude bereitete, ich aber nicht zwingend zum Leben brauchte.

Der Zweijährige ging weiter trepp­abwärts. Als er einige Stufen weiter unten stand, sagte er plötzlich: «Weg.» Ich stutze einen Augenblick. Was war weg? Dann dämmerte es mir. Das Schild, die Kunst. Ich – immerhin doppelt so hochgewachsen wie er – sah das Schild aus meiner Höhe noch immer. Der Zweijährige wollte nun nicht mehr so dringend hinunter. Er nahm wieder ein paar Stufen aufwärts, stand auf die Zehenspitzen und lachte: «Wieder da.» Dieses Spielchen machten wir ein Weilchen. Hoch und runter, wieder da, wieder weg, da, weg...

Er hatte gerade etwas ganz Wesentliches fürs Leben begriffen: dass alles eine Frage der Perspektive ist (und gerade Kunst kann helfen, diese Perspektive zu weiten).

Christine König