«Eine dramatische Veränderung»

Und plötzlich ist er da, der Tag der Pensionierung. Er bringt einen radikalen Schnitt und Herausforderungen, die grösser sind, als viele es sich vorgestellt haben, sagt Axel Weiss, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Herisau.

Monika Egli
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«Berufsarbeit erhält mit zunehmendem Alter eine immer grössere Bedeutung»: Axel Weiss, Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden. (Bild: eg)

«Berufsarbeit erhält mit zunehmendem Alter eine immer grössere Bedeutung»: Axel Weiss, Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden. (Bild: eg)

Kann man sich «im Kopf» überhaupt auf die Pensionierung vorbereiten?

Axel Weiss: Ja, das kann man, aber man kann nicht alles vorwegnehmen, weil man sich selber nicht losgelöst von seinen Beziehungen vorstellen kann. Es gibt kaum einen anderen Lebensabschnitt, in dem sich die sozialen Beziehungen derart schlagartig von einem Tag auf den andern verändern. Deutsche Berufsgenossenschaften haben eine interessante Befragung zum Thema, was einem die Arbeit bedeutet, durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass Berufsarbeit mit zunehmendem Alter eine immer grössere Bedeutung erhält. Es geht dabei um Anerkennung, Eigenaktivität und das soziale Eingebundensein. Wenn diese Faktoren von einem Tag auf den anderen weg sind, ist das ein radikaler Schnitt.

Trotzdem freuen sich die meisten auf die Pensionierung.

Weiss: Ja, es ist fast allen Menschen gegeben, sich darauf zu freuen, endlich Zeit zu haben. Viele gehen diesem Schritt aber auch mit gemischten Gefühlen entgegen.

Der erste Tag der Pensionierung ist da. Können bereits in dieser ersten Phase Schwierigkeiten auftreten?

Weiss: Die meisten empfinden diese erste Zeit einfach als schön. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, wo ein Mensch am ersten Tag der Pensionierung aufgestanden ist und am Boden zerstört war! Zuerst überwiegt das Angenehme, man kann tun und lassen, was man will.

Was passiert dann?

Weiss: Viele machen Pläne, was sie nach dem Berufsleben tun wollen. In der ersten Zeit erledigt man alle Sachen, die man sich vorgenommen hat. Nach einer gewissen Zeit stellt man dann aber fest: Wenn man pensioniert ist, muss man sich um jeden Kontakt selber kümmern. Vorher ging man – mit oder ohne Lust – zur Arbeit, traf seine Kollegen, man war automatisch sozial eingebunden. Und das fehlt plötzlich. Es ist für viele eine dramatische Veränderung, wenn sie sich nach der Pensionierung um fast jeden Kontakt ausserhalb der Familie aktiv bemühen müssen.

Zusätzlich brechen die Tagesstrukturen weg.

Weiss: Auch das kann ein Problem sein. Wer seine Tagesabläufe zuvor schon selbständig und diszipliniert gestaltet hat, dem fällt es leichter, damit umzugehen. Aber auch hier gilt: Man muss sich seine Tagesstrukturen selber aufbauen. Man kann sich ein Programm machen: Am Montag erledige ich das, am Dienstag jenes. Aber man muss es selber und aktiv tun.

Wie lange dauert die Phase, in der man es einfach nur schön findet? So lange wie üblicherweise Ferien?

Weiss: Das ist unterschiedlich und hängt davon ab, welches Programm man sich aufgestellt hat. Das kann kürzer oder länger dauern. Es ist auch nicht so, dass jeder frisch Pensionierte in eine Krise geraten muss. Aber es ist eine grosse Aufgabe, sich nun alles, was man im Berufsleben automatisch erhalten hat, selber aufzubauen. Alle sagen, diese Herausforderung sei grösser, als sie sich gedacht haben. Wer sich dessen bewusst ist, wird auch ohne Krise die Anfangszeit der Pensionierung erleben.

Entspricht es überhaupt der menschlichen Natur, in Rente zu gehen?

Weiss: Dass Menschen in Rente gehen, ist geschichtlich ein ganz neues Phänomen. In Deutschland gibt es das seit ungefähr 100, in der Schweiz seit knapp 80 Jahren. Früher haben die Menschen einfach gearbeitet, so lange es ging; es gab keine andere Möglichkeit. Als die Rente eingeführt wurde, gingen die Menschen in Pension, wenn sie verbraucht waren und nicht mehr konnten. Seither hat sich Grundlegendes geändert: Das Rentenalter ist gesunken, und gleichzeitig leben die Menschen bei guter Gesundheit viel länger. Heutzutage gehen viele Menschen in der Blüte ihrer Fähigkeiten in Rente, und sie haben noch viele aktive Jahre vor sich. Das war ursprünglich nicht so vorgesehen.

Wäre der Übergang leichter, wenn man – sofern die Möglichkeit besteht – in einem reduzierten Pensum weiterarbeiten würde?

Weiss: Das hängt vom Beruf ab, den man ausgeübt hat. Die Rente wurde geschaffen, um jene Menschen abzusichern, die wirklich knechten mussten, um sich ihr tägliches Brot zu verdienen. Solche Berufe gibt es immer noch. Wer sein Leben lang in der Fabrik am Fliessband stand, wird nach 65 nicht weiterarbeiten können oder wollen. Daneben gibt es aber zahlreiche Berufe, bei denen sich die Frage stellt, weshalb man mit 65 aufhören soll. Es sind Berufe, in denen die Erfahrung einen eigentlichen Schatz darstellt. In unserer Gesellschaft wird das Potenzial, das Menschen ab 65 noch haben, bei weitem nicht genutzt, und es stellt sich die Frage, ob wir es uns überhaupt leisten können, dieses Kapital einfach zu verschenken. Allerdings ist es auch wichtig, einen würdigen Ausstieg aus dem Berufsleben zu finden, dass man also zur richtigen Zeit sagen kann, jetzt ist Schluss. Auf jeden Fall wird sich mit dem Eintritt der Babyboomer in die Pension eine neue gesellschaftliche Entwicklung einstellen.

Kann in Rente zu gehen so herausfordernd sein, dass man psychiatrische Hilfe braucht?

Weiss: Ja.

Man hört, dass die ersten ein, zwei Jahre Pension die «gefährlichsten» seien, weil in dieser Zeitspanne viele Menschen sterben. Ist das so?

Weiss: Ich kenne keine konkreten Zahlen dazu. Aber der Ausstieg aus dem Berufsleben löst einen grossen Veränderungsprozess aus. Ein oder zwei Jahre sind ein Zeitraum, den man braucht, um solche Prozesse zu durchlaufen und sich neu zu orientieren. Wer die ersten zwei Jahre gut nutzen und sich gut auf die neue Situation einstellen konnte, der hat den Übergang geschafft.

Was raten Sie grundsätzlich?

Weiss: Ich hatte eine Patientin, die sich gesundheitlich mit der Arbeit schwergetan und die Pensionierung herbeigesehnt hat. Für sie war der Eintritt in die Pension eine grosse Erleichterung. Nach ungefähr eineinhalb Jahren sagte sie aber, sie wisse nicht, wie sie ihre Zeit ausfüllen soll. Es ist deshalb wichtig zu schauen, was einem schon immer am Herzen lag und sich allenfalls dort zu engagieren. Es gibt ja viele Möglichkeiten. Es ist wichtig, eine Aufgabe zu finden, die einen ausfüllt und morgens aus dem Bett bringt. Solange der Mensch gesund genug ist, etwas zu tun, braucht er eine Aufgabe, an der ihm viel liegt.

Soll man sich eine solche Beschäftigung schon vor 65 suchen?

Weiss: Für die einen ist es gut, wenn sie bereits zum Zeitpunkt der Pensionierung mit Leidenschaft einer Aufgabe nachgehen. Andere handhaben das anders: Sie fangen etwas Neues erst an, wenn sie eine laufende Aufgabe beendet haben. Wer sein Leben so gelebt hat, kann auch die Pensionierung so leben. Aber es ist jeder gut beraten, sich innerlich darauf vorzubereiten, dass die Veränderung gross sein wird.

Wie werden Sie das machen, wenn Sie dereinst in Pension gehen?

Weiss: Ich habe noch etwas Zeit und bisher keine konkrete Vorstellung. Aber gerade in meiner Berufsgruppe gibt es viele, die in einem kleinen Pensum weiterarbeiten. Ich habe aber auch einen Kollegen, der seine Tätigkeit mit 65 beenden will und schaut, dass seine Patienten in guten Händen bleiben. Das finde ich auch eine gute Einstellung. Auf jeden Fall gilt: Einen guten Abschluss machen und mit etwas Neuem beginnen kann man nur, solange man fit ist.

Bild: MONIKA EGLI

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