Einblick in andere Lebensweisen

Anpacken, durchhalten, selbständig sein. Mit einem Ferienjob können Schülerinnen und Schüler sowohl ihr Taschengeld aufbessern als auch wertvolle Erfahrungen in der Berufswelt sammeln. Es gibt dabei ein paar Regeln zu beachten.

Cecilia Hess-Lombriser
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Erik Arnold aus Ebikon füllt die Eierbehälter für den Abnehmer. Daniela Marty, die vor allem für die Legehennen zuständig ist, leitet ihn an. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Erik Arnold aus Ebikon füllt die Eierbehälter für den Abnehmer. Daniela Marty, die vor allem für die Legehennen zuständig ist, leitet ihn an. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

TOGGENBURG. «Ob Gemüsehof im Seeland, Milchbetrieb im Entlebuch oder doch eine Alp im Bündnerland: (fast) alles ist möglich», verspricht Agriviva auf ihrer Homepage. Agriviva steht seit fünf Jahren als Name für den ehemaligen Landdienst. Der Name Agriviva vereint die Begriffe Landwirtschaft (Agri) und Leben (Viva). Agriviva vermittelt «Ferienerlebnisse» – bei einer Bauernfamilie. Die Jugendlichen packen bei den täglichen Arbeiten mit an. Über 800 Bauernfamilien in der Schweiz nehmen arbeitswillige Schülerinnen und Schüler ab dem 14. Altersjahr auf.

Das Alter spielt eine Rolle

Wer einen Agriviva-Einsatz oder einen anderen Ferienjob anbietet oder annimmt, muss gewisse gesetzliche Richtlinien beachten. Grundsätzlich sind die Ferien da, um sich zu erholen. Wer einen Job hat, darf während der Ferien nicht zusätzlich arbeiten. Das Gesetz hält fest, dass Jugendliche zwischen dem 13. und 15. Lebensjahr nur für leichte Arbeiten wie Babysitten, Botengänge machen, Einkaufen für Betagte oder Zeitungen verteilen eingesetzt werden dürfen.

Einblick in Landwirtschaft

Eine Ausnahme bildet ab dem 14. Altersjahr der Landdienst oder Agriviva, wie es seit einigen Jahren heisst. Ab dem 15. Altersjahr darf in den Ferien höchstens acht Stunden pro Tag, 40 Stunden in der Woche und nicht mehr als die Hälfte der Ferienzeit gearbeitet werden. Gewisse Arbeiten bleiben bis 18 verboten, zum Beispiel Service in Bars und Discos, andere bis 19; zum Beispiel Arbeit während der Nacht und an Sonntagen und sehr gefährliche Arbeiten. Jugendliche, die auf einem Bauernhof anpacken, erhalten Einblick in die Vielfalt der Landwirtschaft. «Viele erleben dabei das erste Mal, was es bedeutet, mit der Natur zu arbeiten», schreibt die Vermittler-Organisation Agriviva. Bei der Arbeit mit Tieren erfahren sie, wie viel Arbeit in jedem noch so kleinen Lebensmittel steckt.

Das Verständnis und das Bewusstsein für die Produktion von Lebensmitteln können wachsen und Jugendliche zu informierten Konsumenten werden. Sie wissen, was es braucht, bis die Milch im Laden steht und wann welches Gemüse erntereif ist. «Der Einsatz fördert die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen. Sie werden vorübergehend Mitglied einer anderen Familie und lernen andere Lebensumstände kennen. Ebenso können sie ein erstes Mal in einen Arbeitsalltag eintauchen und Berufserfahrung sammeln. Das kommt ihnen im späteren Leben zugute», streicht Agriviva als weitere Pluspunkte eines Einsatzes auf dem Bauernhof oder auf der Alp heraus.

Erster Landdienst

Der 13jährige Erik Arnold aus Ebikon LU hat seine erste Woche bei der Familie Thomas und Daniela Marty-Böhi in Albikon, Kirchberg, hinter sich, als er von seinem ersten Agriviva-Einsatz berichtet. «Ich wollte wissen, wie es auf einem Bauernhof ist und neue Erfahrungen sammeln. Es ist cool und ich habe schon viel erlebt.» Er würde seinen Kollegen einen Agriviva-Einsatz empfehlen. Er hat geholfen, einen Unterstand zu räumen und zu versetzen, hilft beim Füttern, Misten und Emden und bei den Arbeiten mit den Hühnern.

Beim Besuch dieser Zeitung räumt er die Eier vom Förderband in die Eierbehälter. Die Familie Marty produziert Bio-Eier und betreibt Milchwirtschaft. «Erik ist der 17. Jugendliche, den wir bei uns aufnehmen. Einerseits sind sie für uns eine Stütze und andererseits können wir Stadtkindern das Leben und Arbeiten in der Landwirtschaft näher bringen», sagt die fünffache Mutter Daniela Marty. Sie berichtet von «durchwegs» positiven Erfahrungen. Mit Agriviva habe man ausserdem eine Organisation in Hintergrund, auf die man bei allfälligen Schwierigkeiten zurückgreifen könne. Die eigenen Kinder sind entweder schon ausgeflogen oder besuchen während der Sommerferien Sport- oder andere Lager.

Mithilfe auf elterlichem Hof

Was Jugendliche freiwillig mit einem Agriviva-Einsatz leisten, erledigen Bauernkinder mit einer Selbstverständlichkeit von klein auf. Gibt es dafür eigentlich auch Richtlinien? Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes, verneint. Es gebe weder gesetzliche Richtlinien noch eine Aufsichtsstelle. «Die Mitarbeit auf dem familieneigenen Hof ist nicht geregelt. Da findet man alles. Von einer fast professionellen Mitarbeit der eigenen Kinder im Oberstufenalter bis hin zu einigen wertvollen Handreichungen der kleineren Kinder.» Auf jeden Fall sei es so, dass die Kinder heute viel weniger auf dem Betrieb mithelfen müssten als früher. «Die Erfahrungen zeigen aber, dass kleine Arbeiten und die Mithilfe auf dem Landwirtschaftsbetrieb sehr positiv sind. Junge Leute lernen zu arbeiten und praxisbezogen zu handeln», ist Andreas Widmer überzeugt.

Andreas Widmer Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes (Bild: Urs M. Hemm)

Andreas Widmer Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes (Bild: Urs M. Hemm)