Das Pestalozzidorf in Trogen: Ein wichtiges Stück Kulturerbe

1946 wurde das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen gebaut. Nun ist ein neuer Kunstführer erschienen.

Charlotte Kehl
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Marcel Henry, Verantwortlicher für Sammlung und Ausstellungen im Kinderdorf Pestalozzi, und Karianne Christensen, Leiterin Liegenschaften, präsentieren den neuen Kunstführer.

Marcel Henry, Verantwortlicher für Sammlung und Ausstellungen im Kinderdorf Pestalozzi, und Karianne Christensen, Leiterin Liegenschaften, präsentieren den neuen Kunstführer.

Bild: Charlotte Kehl

Bereits ein Jahr nach Kriegsende entstanden die ersten Häuser des Kinderdorfes Pestalozzi oberhalb von Trogen. Das Projekt kam durch die Initiative von Walter Robert Corti zu Stande und diente nicht zuletzt und bis heute der Sicherung des Friedens. «Ein ganz besonderes Denkmal mit sehr hohem Wert», bestätigt der Autor, Kunsthistoriker Ueli Habegger.

Autor Ueli Habegger

Autor Ueli Habegger

Bild: PD

Auf 48 Seiten und mit eindrücklichen Bildern dokumentiert er die kulturgeschichtliche und architektonische Bedeutung des Kinderdorfes. Habegger sagt:

«Zum ersten Mal wurde eine Bauweise für Kinder überlegt.».

2016 erhielt er von der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi den Auftrag für ein denkmalpflegerisches Gutachten. Das Pestalozzidorf wurde ihm dabei zur Herzensangelegenheit. Mit ihm eng zusammen gearbeitet hat Marcel Henry, Verantwortlicher für Sammlung und Ausstellungen Kinderdorf Pestalozzi: «Das Dorf zeugt bis heute von der seit 1946 gelebten Tradition, einen kleinen, aber wesentlichen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben und zur Völkerverständigung zu leisten», sagt Henry.

Die Solidarität in der Schweizer Bevölkerung war damals gross: «Hunderte von Freiwilligen pilgerten 1946 nach Trogen, um mit Zeit, Material und Körpereinsatz ein Dorf für die Kriegswaisen Europas zu bauen», steht in der Einleitung des Kunstführers der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK).

Rational und funktional

Die Bauarbeiten begannen am 2.Mai 1946 nach dem Siedlungskonzept von Hans Fischli, unter schwierigen Umständen. Nachdem der Bundesrat die in Aussicht gestellte nationale Sammelaktion (Schweizer Spende) nicht bewilligte, musste das Vorhaben auf anderen Wegen finanziert werden. Die vielen Freiwilligen sowie Spenden aus der Schweiz und den umliegenden Ländern waren mehr als willkommen. Auch die Gemeinde Trogen leistete ihren Beitrag mit dem Verkauf des Baugeländes zu einem äusserst günstigen Preis.

Das Pestalozzidorf in Trogen: Die Bauarbeiten begannen 1946.

Das Pestalozzidorf in Trogen: Die Bauarbeiten begannen 1946.  

Michel Canonica

Architekt und Bauhausschüler Hans Fischli war im Frühjahr 1944 von Corti in die Kinderdorfpläne eingeweiht worden. In Tausenden von Skizzen und Plänen ging Fischli hauptsächlich folgender Frage nach: «Was braucht ein Kind?» Die Pläne reichen von der individuellen Nische: Bett, Stuhl, Tisch, Schrank bis zu den nächstgrösseren Einheiten: Zimmer, Haus, Weiler und schliesslich zum Dorf mit den Gemeinschaftseinrichtungen.

Fischli musste sich oft den Vorwurf der Anbiederung an die Appenzellerbauweise gefallen lassen. Dagegen sprechen aber viele typische Bauhauselemente wie die Fensterbänder, Ständerbau und Fertigelemente. Dass sich der Flachdachpionier für Satteldächer entschied, hat wohl damit zu tun, dass seine Kinder ihr eigenes Elternhaus, das Haus Schlehstud in Obermeilen, immer mit einem Dreieck oben auf dem Flachdach zeichneten.

Ende der 50er-Jahre erstellte der St.Galler Architekt Max Graf das dringend benötigte Oberstufenschulhaus. «Mir ist kein anderes Schulhaus aus jener Zeit bekannt, in dem ein Ausstellungsraum enthalten ist. So wurde das Medium der Ausstellung Teil der Pädagogik des Kinderdorfes», weiss Marcel Henry. Er plant für das Jubiläumsjahr 2021 eine neue Ausstellung und arbeitet an einer Festschrift.

1960 erste Kinder aus dem Ausland aufgenommen

1959 übernahm Ernst Gisel, der Erbauer der Bergkirche Rigi Kaltbad, den Bau des ökumenischen Kultraums. Das Andachtshaus, das einen unregelmässigen Grundriss hat, steht am westlichen Rand der Terrasse und rundet die ganze Anlage ab. Der Bau wurde laut GSK-Führer vom britischen Königshaus finanziert.

Marcel Henry setzt sich immer wieder aufs Neue mit der Geschichte und der Idee des Kinderdorfes Pestalozzi auseinander: «1960/61 wurden mit den Tibetern erstmals Kinder von ausserhalb Europas aufgenommen. Bereits in den 1960er-Jahren dachte der damalige Dorfleiter Arthur Bill darüber nach, ob die Betreuung von Kindern in ihren Heimatländern nicht sinnvoller wäre», erzählt Henry.

Das moderne Kinderdorf: Der interkulturelle Austausch steht im Vordergrund.

Das moderne Kinderdorf: Der interkulturelle Austausch steht im Vordergrund. 

Bild: Luca Linder

In der Zwischenzeit ist aus dem Kinderdorf in Trogen ein internationales Kinderhilfswerk geworden, das mit seinen Bildungsprogrammen in 13 Ländern über 200000 Kinder erreicht. «Die Häuser hier dienen heute der interkulturellen Friedensbildung mit 10- bis 18-Jährigen aus allen Ländern Europas. Im Rahmen des Sommercamps treffen hier zum Beispiel neun bis zehn Nationen aufeinander. Das Dorf verlässt kein Kind ohne bleibende Erinnerungen.»

Diese neue Nutzung stellt Karianne Christensen als Leiterin Liegenschaften vor die Herkulesarbeit der Substanzoptimierung. Die Kurzzeit-Belegung (rund 30000 Beherbergungen) hat andere, strengere Auflagen. «Ausserdem müssen die Bauten den heutigen Standards angepasst und zugleich denkmalpflegerisch geschützt werden.»

Der GSK-Führer kann im Besucherzentrum, telefonisch unter 0713437373 oder auf www.pestalozzi.ch/de/shop#filter-buecher bezogen bzw. bestellt werden.