Ein verregneter Sonntag

Vor ein paar Jahren habe ich mit zwei Freunden in einem Haus der Stille einige Tage der Einkehr verbringen wollen, bereits am ersten Tag nach dem Mittagessen sind sie auf mich zugekommen und haben mir gesagt, dass sie diese Stille nicht aushalten würden.

Andreas Schönenberger
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Andreas Schönenberger Pfarrer, Seelsorgeeinheit Neutoggenburg, Wattwil (Bild: pd)

Andreas Schönenberger Pfarrer, Seelsorgeeinheit Neutoggenburg, Wattwil (Bild: pd)

Vor ein paar Jahren habe ich mit zwei Freunden in einem Haus der Stille einige Tage der Einkehr verbringen wollen, bereits am ersten Tag nach dem Mittagessen sind sie auf mich zugekommen und haben mir gesagt, dass sie diese Stille nicht aushalten würden. Wir sind uns gewohnt, dass immer etwas in Bewegung ist. In vielen Warenhäusern läuft im Hintergrund Musik, zu Hause spricht der Fernseher zu uns. Wenn wir gerade einmal nichts zu tun haben, suchen wir nach einer Gelegenheit, wie wir uns doch noch beschäftigen könnten. Der Mensch von heute ist ein Getriebener. Er managt, plant und verplant sich, die Familie, sein Umfeld bis ins letzte Detail, da käme es ungelegen, wenn es einfach einmal regnen würde.

Ich habe vor einiger Zeit ein Wort gelesen, das mich nachdenklich machte: Der französische Schauspieler und Chansonnier Maurice Chevalier schreibt: «Es gibt Millionen Menschen, die sich nach Unsterblichkeit sehnen, die aber nicht wissen, was sie an einem verregneten Sonntagnachmittag anfangen sollen.» Klar, man könnte in ein Museum gehen, mit der Familie oder Freunden ein Gesellschaftsspiel spielen, ein Buch lesen ... Aber was wäre, wenn wir einfach einmal gar nichts tun würden? Was wäre, wenn wir einmal nur da sind. Einfach in uns selber hineinhorchen und still werden. Das ist das, was grosse Meister der Spiritualität uns lehren. Still zu werden und in sich selber etwas zu erspüren versuchen, letztlich dem Göttlichen in uns auf die Spur zu kommen. Es lohnt sich, dies einmal zu versuchen. Es braucht allerdings etwas Übung. Die meisten von uns sind sich nicht mehr gewohnt, eine längere Stille auszuhalten.

In der christlichen Tradition gibt es die Lectio Divina, das heisst, das Lesen in der Schrift, einen kurzen Abschnitt, vielleicht nur einen Satz, um dann in der Stille zu hören, was Gott sagen möchte.

Dabei geht es nicht darum, sich Wissen aus der Bibel anzueignen, das wäre eine andere Disziplin. Es geht vielmehr darum, zu hören, wie Gott auch heute noch zu uns sprechen möchte. Und das ist nichts anderes als Gebet. Sören Kierkegaard sagt das sehr schön: Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein grösserer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heisst nicht sich selbst reden hören. Beten heisst still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.

Warten, bis der betende Gott hört. Probieren Sie es einmal aus. Vielleicht ist das der Vorgeschmack der Unsterblichkeit.