Ein «unmöglicher» Gletscher

E wie «ewiges Eis» ist der heutige Buchstabe unserer Sommerserie. Der Blauschnee ist ein Gletscher an der Nordseite des Säntis. Warum sich das Eisfeld nicht wie andere seiner Art verhält, weiss der pensionierte Kantonsschullehrer Hans Aeschlimann aus Trogen.

Karin Erni
Drucken
Teilen
Der ehemalige Kantonsschullehrer Hans Aeschlimann ist ein profunder Kenner des Blauschneegletschers auf dem Säntis. (Bild: ker)

Der ehemalige Kantonsschullehrer Hans Aeschlimann ist ein profunder Kenner des Blauschneegletschers auf dem Säntis. (Bild: ker)

SÄNTIS. Vor gut zwei Wochen stand der Blauschnee-Gletscher in den Schlagzeilen. Ein Schneebrett hatte sich gelöst und eine Wandergruppe mit sich gerissen. Dass um diese Jahreszeit am Säntis noch so viel Schnee liegt, ist ungewöhnlich. Was für den Wanderer ein Nachteil ist, gereicht dem kleinen Gletscher an der Nordseite des Säntis zum Vorteil, denn die Schneeschicht schützt ihn vor dem weiteren Schrumpfen. Wie alle Schweizer Gletscher befindet sich auch der Blauschnee seit einer Hochstandsphase um das Jahr 1850 auf dem Rückzug.

Hans Aeschlimann aus Trogen konnte mit einer Forschungsarbeit beweisen, dass der Blauschnee-Gletscher zwischenzeitlich sogar gewachsen ist. Der ehemalige Kantonsschullehrer befasst sich seit 2003 intensiv mit dem Eisfeld am Säntis. Damals machte er auf einer Wanderung eine Entdeckung: Weil der Blauschnee im Hitzesommer stark zurückgegangen war, kamen die Markierungen und Sicherungshaken eines alten, nicht mehr benutzten Wanderwegs zum Vorschein. Für ihn ein Zeichen, dass der Gletscher offenbar bereits früher einmal geschrumpft, anschliessend aber wieder gewachsen sein musste.

Wissenschaftliche Arbeit

Hans Aeschlimann machte sich auf, das Geheimnis dieses ungewöhnlichen Wachstums zu ergründen. Er sprach mit Zeitzeugen, verglich historische Abbildungen und Landkarten. Im Gelände suchte er nach Spuren und Ablagerungen des Gletschers. «Meine Untersuchungen haben ergeben, dass es sich bei den Markierungen um einen alten Weg handelt, welcher in der Zeit zwischen 1950 und 1985 als direkter Einstieg in die Himmelsleiter benützt wurde. Seit 1986 muss für den Aufstieg auf den Säntis ein Umweg über den Sattel südlich des Girenspitzes gemacht werden, weil die alte Route teilweise unter dem Gletscher begraben liegt.» Sein Fazit: «Der in den Alpen generell festgestellte markante Gletscherschwund der letzten 60 Jahre hat hier offenbar nicht stattgefunden. Der Blauschnee ist an dieser Stelle heute immer noch grösser als in der Karte von 1953.»

Eine Erklärung für dieses Phänomen findet sich in den Klimatabellen. Die sinkenden Temperaturen in den Sommermonaten nach 1950 leiteten den Gletschervorstoss ein. Die gleichzeitig kälter werdenden Winter unterstützten ihn zusätzlich. «Hohe Niederschlagswerte im Nährgebiet würden das Gletscherwachstum ebenfalls begünstigen», sagt Hans Aeschlimann. «Erstaunlicherweise waren aber sowohl die Sommerniederschläge als auch die Winterniederschläge während der Vorstossperiode leicht abnehmend.» Der Vorstoss ist gemäss Aeschlimann offenbar in einer relativ trockenen Zeit erfolgt.

Klimatische Besonderheiten

Der Blauschnee ist einer der nördlichsten Gletscher der Alpen und einer der am tiefsten gelegenen dazu. Dies zeigt die sogenannte Firnlinie. So wird auf einem Gletscher die höchste Lage der temporären Schneegrenze Ende des Haushaltjahres genannt. Die Firnlinie liegt heute in den Berner Alpen auf 2950 Metern über Meer, in den Walliser Alpen auf 3200 Metern, im Engadin auf 3010 Metern und am Säntis auf lediglich 2280 Metern über Meer. «Dass es auf dieser geringen Höhe zu einer Gletscherbildung kommen konnte, hat mit den besonderen klimatischen Bedingungen des Säntis zu tun», sagt Hans Aeschlimann. «Seine exponierte Lage sorgt für extreme Wetterbedingungen.» Die mittlere Temperatur beträgt -1,9 Grad Celsius. Der Säntis ist mit einem Jahresmittel von 2837 Millimetern Niederschlag offiziell der «nässeste Ort» der Schweiz. Und der schneereichste obendrein. 1999 lag unterhalb des Gipfels im nördlichen Schneefeld des Bergs die rekordverdächtige Schneehöhe von 8,16 Metern. Auch der Wind trägt zum Erhalt des ewigen Eises bei: «Der Gletscher dürfte nebst der schattigen Lage zusätzlich auch von Triebschneeablagerungen profitieren», vermutet Aeschlimann. Zudem vermindere die Schuttbedeckung das Abschmelzen.

Der Blauschnee und seine Besonderheiten sind auch in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Im Rahmen eines mehrjährigen Nationalfondsprojektes wird der Gletscher seit 2010 durch die Universität Fribourg regelmässig wissenschaftlich untersucht.

Dieses Bild entstand um 1936, wahrscheinlich sogar früher.

Dieses Bild entstand um 1936, wahrscheinlich sogar früher.

2010: Der Blauschnee verbirgt sich unter einer Schuttdecke. (Bilder: pd)

2010: Der Blauschnee verbirgt sich unter einer Schuttdecke. (Bilder: pd)

Das Gletscherwachstum korrelierte mit der Jahrestemperatur.

Das Gletscherwachstum korrelierte mit der Jahrestemperatur.

Die Radierung zeigt den Blauschnee-Gletscher um 1760. (Bild: haeschlimann)

Die Radierung zeigt den Blauschnee-Gletscher um 1760. (Bild: haeschlimann)