Ein Theater, das verbindet - Menschen mit und ohne Beeinträchtigung stehen in Appenzell gemeinsam auf der Bühne

Bewohner der Behinderteneinrichtung Stääg in Appenzell zeigen heute Abend und in weiteren drei Vorstellungen in einem Musiktheater ihr Können.

Alessia Pagani
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Beim Musiktheater Anna und der Richter stehen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung auf der Bühne.

Beim Musiktheater Anna und der Richter stehen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung auf der Bühne.

Bild: Alessia Pagani

Lautes Lachen erfüllt an diesem Abend die Aula Gringel in Appenzell. Es herrscht Hochbetrieb, überall haben sich Menschentrüppli versammelt, es werden Anweisungen gegeben und die Schrittfolgen ein letztes Mal besprochen. Man redet sich gegenseitig Mut zu. Kurz vor der zweiten Hauptprobe zu «Anna und der Richter» merkt man den Bewohnerinnen und Bewohnern der Steig Wohnen und Arbeiten (d’Stääg) in Appenzell die Nervosität an – und auch die Freude. Heinz Brander, Geschäftsführer des Wohn- und Arbeitsheims, sagt:

«Wir haben viel gelacht während den Proben.»

Nomen est omen, wiederholt Regisseur Paul Seelhofer genau diese Worte. Dann geht es ab auf die Bühne. «Wir spielen das Stück nun ganz durch», ermahnt Seelhofer. Rund eine Stunde dauert das Musiktheater, welches am Freitag, 7. Februar, in der Aula Gringel Premiere feiert. Seit vergangenem Frühling üben die Protagonisten der Stääg einmal wöchentlich während rund eineinhalb Stunden – sie tanzen, singen, schauspielern und musizieren.

Das Miteinander ins Zentrum rücken

Rund 30 der 70 Mitwirkenden arbeiten und leben in der Stääg, der innerrhodischen Institution für Menschen mit Beeinträchtigung. Beim Musiktheater wirken auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stääg mit.

Für Heinz Brander ist das Theaterprojekt viel mehr als nur Freude und Unbeschwertheit. Mit den Aufführungen soll das Augenmerk auf das Miteinander von Menschen mit und Menschen ohne Beeinträchtigung gesetzt und die Inklusion gefördert werden.

«Es geht darum, unsere Bewohner mehr aus der Stääg hinaus- und mehr in die Gesellschaft hineinzubringen.»

Brander ist vom Ergebnis der vielen Probestunden überwältigt: «Ich habe grossen Respekt vor der Leistung und dem Willen unserer Bewohner.»

Teilhabe, dies sei das Schlüsselwort. Eine erste Massnahme dahingehend haben die Verantwortlichen bereits umgesetzt: Seit Anfang Mai vergangenen Jahres leben im Dorfzentrum von Appenzell drei Stääg-Bewohner selbständig in einer Wohngruppe. Die Idee zum jetzigen Theater kam Brander vor rund vier Jahren. Bis zur heutigen Aufführung war es allerdings ein langer Weg. «Wir mussten schnell merken, dass wir das alleine nie stemmen können», so Brander. So wurde Unterstützung gesucht – und schliesslich gefunden. Mit den Stääg-Bewohnenden stehen das Mentigschörli aus Appenzell sowie eine Gruppe der Tanz- und Bewegungsschule Cordelia Alder auf der Bühne.

Die individuellen Fähigkeiten fördern

Heinz Brander hat sich bewusst für ein Musiktheater entschieden. «Wir können von Gesang, über Musik und Tanz bis hin zum Schauspielern alles anbieten, wodurch die Teilnahme für den Grossteil der Bewohnerinnen und Bewohner möglich wird.» Dadurch können die individuellen Fähigkeiten und Wünsche berücksichtigt werden. Wer nicht beim Theater mitwirken wollte, konnte beim Bühnenbild Hand anlegen oder bei der Kostümierung zu Nadel und Faden greifen. Brander:

«Es ist ein grosses Miteinander, ein Riesenplausch.»

Während der Hauptprobe zeigen sich noch kleine Unsicherheiten. Regisseur Paul Seelhofer muss immer wieder Hilfestellung leisten. Für den Kulturschaffenden und ehemaligen Präsidenten des Figurentheaters St.Gallen ist die Zusammenarbeit mit der Stääg eine neue Erfahrung. 14 Mal hat er das Skript überarbeitet. Bei anderen Stücken reiche eine Überarbeitung. «Die Herausforderung ist, dass man nicht im gleichen Masse textlich arbeiten kann», so Seelhofer. Weil die Stääg-Bewohner kaum längere Texte auswendig lernen können und teilweise Mühe mit der Artikulation haben, hat Seelhofer die Dialoge immer wieder vereinfachen müssen, ebenso die Lieder, zu denen Seelhofer die Texte verfasst hat. «Wir haben gemeinsam herausfinden müssen, was machbar ist und was nicht», sagt Seelhofer. Er hat sich bewusst für das 200 Jahre alte westböhmische Märchen entschieden.

«Es sollte etwas für Erwachsene sein und Möglichkeiten zu Realitätsbezügen bieten.»

Hinweis:

Musiktheater Anna und der Richter mit Bewohnern der Stääg: Freitag, 7. Februar; Samstag, 8. Februar; Freitag, 14. Februar, sowie Samstag, 15. Februar, jeweils 19 Uhr in der Aula Gringel, Appenzell.