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Ein Talent kann wertvoll sein

Seit 2009/2010 hat Nesslau eine Sportschule. Die meisten Sportschüler kommen aus dem Schneesport. Schulleiter und Koordinator der Sportschule Roland Bruderer spricht über seine Erfahrungen und darüber, welche Talente es noch zu fördern gäbe.
Christiana Sutter
Roland Bruderer ist Schulleiter und Koordinator der Sportschule in Nesslau. (Bild: Christiana Sutter)

Roland Bruderer ist Schulleiter und Koordinator der Sportschule in Nesslau. (Bild: Christiana Sutter)

Wie viele Sportschüler gibt es aktuell in Nesslau?

Roland Bruderer: Zurzeit haben wir sieben Skifahrer und einen Biathlet. Ende Schuljahr gibt es zwei Abgänge. Auf das neue Schuljahr kommen vier Alpine und zwei Langläufer dazu.

Gibt es noch Schüler anderer Sportarten?

Bruderer: Es hat auch noch Schwinger an der Schule. Zu Beginn haben wir auch überlegt, ob wir die Unihockeyaner dazunehmen wollen. Aber deren Trainingszeiten liegen ausserhalb des schulischen Betriebs und tangieren somit den Schulunterricht nicht.

Woher kommen die Schüler?

Bruderer: Aus den Gemeinden Wildhaus-Alt St. Johann und Nesslau. Aufs nächste Schuljahr kommen Schüler aus Ebnat-Kappel und einer aus Gommiswald zu uns.

Die Sportschule Nesslau ist entstanden, weil die Sportschule Wildhaus 2009/2010 aufgelöst wurde. Betreibt Nesslau aktive Werbung?

Bruderer: Wir betreiben kein Marketing und wir führen die Sportschule auch nicht wegen des Geldes. Schon bevor wir eine Sportschule waren, haben wir die Sportler grosszügig beurlaubt, das handhaben wir heute noch so. Der Unterschied liegt darin, dass wir versuchen, den Stundenplan dem Training anzupassen. Macht es für einen Schüler beispielsweise wegen des Schulwegs keinen Sinn, zu uns an die Schule zu kommen, mache ich das den Eltern bewusst.

Besteht eine Wertschätzung der Lehrerschaft und der Schüler gegenüber den Sportschülern?

Bruderer: Grundsätzlich erhalten bei uns alle Schüler dieselbe Wertschätzung. Die Sportschüler sind Schüler wie alle anderen. Sie fallen dementsprechend auch nicht auf, ausser sie tragen die Verbandsjacke. Es ist auch nicht so, dass die Klassenkameraden am Montag zu den Sportschülern gehen und nachfragen, ob er oder sie an den Wettkämpfen übers Wochenende auf dem Podest gelandet sind.

Wie sieht es mit der Vorbildfunktion dieser Sportschüler aus? Im Hochbegabtenförderungskonzept des Kantons ist vermerkt, dass Sportschüler auch ein Gewinn für die übrigen Schüler sein sollten.

Bruderer: Bei uns an der Schule sind ja hauptsächlich alpine und nordische Nachwuchsathleten. Im Langlauf besuchen wir sowieso den Dario Cologna Fun Parcours, egal ob jetzt der Schweizer Meister im Biathlon bei mir in der Klasse ist oder nicht. Es gibt jedoch auch Sportschüler, die schulisch nicht unbedingt als Vorbild für die anderen Schüler gelten. Jene sind lieber auf der Piste, als dass sie sich in der Schule engagieren.

Wie sieht es mit Skifahren aus? Für einen Bericht diesen Winter erhielt unsere Zeitung die Auskunft, dass die Schule Nesslau nur zwei halbe Skitage organisiert, und das obwohl es im näheren Umkreis mehrere Skigebiete hat

Bruderer: Ob eine Klasse Ski fahren geht, liegt in der Verantwortung des jeweiligen Klassenlehrers. Es gibt aber auch Lehrer, die nicht Ski fahren. Ich habe als Klassenlehrer die Möglichkeit, zu entscheiden, ob ich an einem schönen Wintertag Ski fahren gehe. Diesen Winter war ich mit meinen Schülern neun halbe Tage Ski fahren, dies zusammen mit den zwei Sporttagen.

Werden die Trainingspläne der Sportler mit dem Unterrichtsplan abgeglichen?

Bruderer: So gut wie möglich. Wir haben am Dienstag- und Freitagnachmittag ein Trainingsfenster. An diesen Tagen schauen wir, dass es Fächer sind, die nicht nachgearbeitet werden müssen, wie beispielsweise Geographie, Geschichte, Turnen, Zeichnen oder Werken. Schwierig wird es bei der Koordination der Stunden, weil die Schüler fünf verschiedenen Klassen angehören.

Haben die Sportschüler einen Götti in der Klasse, damit die Athleten den fehlenden Unterrichtsstoff nacharbeiten können?

Bruderer: Nein, das liegt in der Verantwortung des Klassenlehrers und des Sportschülers. Der Schüler muss bemüht sein, Unterrichtsstoff mit in ein Trainingslager zu nehmen. Der Athlet muss sich aktiv einsetzen und auch Ehrgeiz im schulischen Bereich zeigen, nicht nur in seiner Sportart. Die Einstellung muss stimmen.

Wie sieht es mit Nachhilfeunterricht aus?

Bruderer: Am Donnerstagmittag haben die Sportschüler zwei Stunden Nachhilfeunterricht bei mir.

Wie sieht es mit Prüfungen aus, die verpasst wurden?

Bruderer: Das liegt auch wieder in der Kompetenz des Fachlehrers. Es gibt Lehrer, die jede Prüfung nachholen lassen, beispielsweise in den Sprachen. Dort wird individuell vereinbart, wann die nachgeholt werden. Ich habe nie Mathe-Prüfungen, wenn die Sportschüler abwesend sind, ansonsten wird sie nicht nachgeholt, die Schüler haben genügend Prüfungen.

Wird im Zeugnis «Sportschüler» vermerkt?

Bruderer: Nein, wir vermerken das nicht. Der Athlet hat aber in den Fächern Geographie, Geschichte und Turnen keine Noten, dort steht dann: dispensiert.

Wie werden die Sportschüler für die Zukunft nach der Sportschule in Nesslau vorbereitet?

Bruderer: Genau gleich wie jeder Schüler hier an der Schule, egal, ob er in eine Mittelschule geht oder einen Beruf erlernen will. Viele haben die Idee, an eine Mittelschule zu gehen. Da kommt dann auch das Sportgymnasium Davos ins Spiel. Bei jenen, die einen Beruf erlernen möchten, ist es schwierig, einen Lehrbetrieb zu finden, der den jungen Sportlern die nötige Zeit gibt.

Das Schulgeld wurde auf 13 500 Franken festgesetzt. Die durchschnittlichen Unterrichtskosten betragen aber rund 17 000 Franken. Wer übernimmt die Differenz?

Bruderer: Das ist ein Problem innerhalb der Schule, schliesslich bezahlt die Differenz der Steuerzahler. Wobei das noch die geringeren Kosten sind. Teurer wird es, wenn ein Schüler aus unserer Gemeinde in eine ausserkantonalen Sportschule geht. Mit dem Sportgymnasium in Davos besteht ein interkantonaler Vertrag.

Müssen die Schüler einen finanziellen Beitrag leisten?

Bruderer: Früher in Wildhaus musste jeder Sportschüler einen koordinativen Betrag von 1000 Franken bezahlen. Dieser Betrag ging an die Schulleitung. In Nesslau haben wir das sofort abgeschafft. Bei mir läuft das Mandat des Koordinators für die Sportschule neben meiner Anstellung als Schulleiter.

Wie hoch ist für Sie der zeitliche Aufwand?

Bruderer: Das weiss ich nicht, ich schreibe es nicht auf. Mehrarbeit gibt es erst, wenn etwas nicht funktioniert und ich mehrere Gespräche mit den Eltern führen muss. Vor ein paar Jahren war das der Fall. Da war sogar von Mobbing die Rede. Es ging soweit, dass sich ein Schüler Umwege für den Heimweg suchte.

Wie sieht die Kommunikation mit dem OSSV aus?

Bruderer: Ich bin im Mailaustausch mit den Trainern. Die Trainer schicken mir wöchentlich die Trainingspläne. Wenn spezielle Absenzen anstehen, werde ich informiert. So sehe ich, welcher Sportschüler wann abwesend ist.

Wie sehen Sie die Notwendigkeit einer Sportschule?

Bruderer: Die Notwendigkeit ist für mich unbestritten, denn die Nachwuchsathleten haben spezielle Bedürfnisse. Ohne gezielte Koordination, können die Jugendlichen nicht gefördert werden. Für mich stellt sich grundsätzlich nicht die Frage einer Sportschule, sondern die Frage des Sports im Allgemeinen. Denn Sport ist als Lebensschule sehr wichtig. Man lernt auf ein Ziel hin, sich zu überwinden und sich durchzubeissen, das sind zentrale Dinge für das weitere Leben.

Am Ende des Winters sind viele Skifahrer zurückgetreten. Wer sich für den Skirennsport interessiert, sieht auch, dass der Nachwuchs fehlt. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Bruderer: Wenn man die Strukturen von Swiss Ski anschaut und sieht, wie viel Geld in den Schneesport hinein fliesst, könnte man sich die Frage stellen, ob die Jugendarbeit richtig ausgeführt wird. Man hat ein Kader und füllt es einfach. Klar, es gibt eine Gruppendynamik. Aber es gibt Athleten in den Kadern, bei denen man von Anfang an sieht, dass sie es zu nichts bringen. Ausser Frage ist für mich die Talentschule. Wobei sich die nächste Frage stellt. Was ist ein Talent, wo ist hier die Grenze? Es gibt Talentförderung im musischen und sportlichen Bereich. Schaut man bei uns im Toggenburg, sieht man auch Talente im handwerklichen Bereich. Ich gebe auch Werken und sehe, was die Jugendlichen können. Warum gibt man einem handwerklichen Talent nicht auch noch fünf Stunden Werken zusätzlich? Aufgabe der Schule wäre es eigentlich, Talente zu fördern. Jetzt wird es philosophisch. Denn unsere Schule hat einen Bildungsauftrag, aber es gäbe noch viele Bereiche, die es sich zu fördern lohnen würde. Wichtig ist es für den Toggenburger, das Verständnis zu haben, dass ein Talent auch wertvoll sein kann. Simon Ammann hat sicher wesentlich dazu beigetragen.

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