Ein Stück türkischer Kultur

Süss und scharf, heiss und kalt, kräftig und sanft – es liegt alles so nah beisammen auf dem türkischen Markt, dem «Kermes».

Michael Hug
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Süss und scharf, heiss und kalt, kräftig und sanft – es liegt alles so nah beisammen auf dem türkischen Markt, dem «Kermes». Köfte, Kebab und Kaffee, dazu duftende Menus mit Käse, Spinat, Ei, Tomaten und kräftigen Gewürzen, zum Dessert ein süsses Baklava, oder zwei, oder drei, dann türkischer Kaffee, zuckersüss und kräftig aus der Maschine, die selbständig dosiert, umrührt, den Kaffeesatz sich senken lässt. Das ist Kermes. «Wir machen das jetzt zum dritten Mal», sagt Özdemir Cahit, der Präsident des Islamischen Kulturzentrums Wattwil. Zwei Tage dauerte der Kermes auf dem Bräkerplatz am Pfingstwochenende, zwei Tage bei besten, ja fast zu guten Wetterbedingungen.

Ein Freiluftfest

Der Kermes ist ein Freiluftfest, vergleichbar mit Schweizer Jahrmärkten. Stand reiht sich an Stand, an jedem werden ess- und trinkbare Spezialitäten angeboten. Und zwar nicht pfannenfertig, sondern frisch zubereitet. Am vordersten Stand arbeitet eine Gruppe Frauen mit Teig. Wie am Förderband geht das: Die erste knetet einen Teigballen, die zweite wallt ihn flach aus, die dritte bettet Zutaten auf den dünnen Teig und faltet das Ganze einmal, die vierte bäckt das nun fast fertige Produkt auf einer heissen Herdplatte. Ispanakl? Gözleme mit Spinat, K?ymal? Gözleme mit Hackfleisch, Patatesli Gözleme mit Kartoffeln und Peynirli Gözleme mit würzigem Ziegenkäse heissen die Fladengebäcke. Präsident Cahit: «Das Zusammenarbeiten ist bei uns Türken ganz normal.»

Drei Männer am Grill

Drei Männer drehen Spiesse am Grill: «Adana Kebab, die kommen aus der Stadt Adana an der syrischen Grenze», meint Özdemir Cahit. Der Kermes ist ein Gemeinschaftsfest, das Menschen zusammenbringt. In den Dörfern und Städten in der türkischen Heimat wie auch im Land, wo sich die Ausgewanderten niedergelassen haben. Kermes fänden auch an anderen Orten in der Schweiz statt. Jeder und jede ist eingeladen, sagt Cahit, das Fest sei nicht nur für Türken, und er freue sich, dass auch viele Schweizerinnen und Schweizer den Zugang fänden. Was die Besuchenden erwartet, ist nicht nur ungewohntes, ja exotisches Essen von den Ständen, sondern auch türkische Gastfreundschaft und Offenheit an den Tischen.

Ein Fest mit Essen und Trinken

Die meisten Türken, so Cahit weiter, seien Moslems, der Glaube spiele im islamischen Kulturzentrum eine wichtige Rolle. So sei es auch logisch, dass es am Kermes keinen Alkohol gäbe. «Aber das heisst nicht, dass die Türken keinen Alkohol trinken», wirft ein Tischnachbar ein. Die Tradition des Kermes-Festes habe jedoch nichts mit Religion zu tun, stellt er klar: «Wir kommen jeden Monat in unserer Moschee zusammen. Aber der Kermes ist nur einmal im Jahr und ist ein Fest mit Essen und Trinken und Zusammensein. Da kommen Leute von viel weiter her, von Wil oder St. Gallen, vor allem am Abend.» Dann sitze man lange zusammen, sagt Cahit mit einem Lachen, es könne dann schon sehr spät werden. Doch die Ruhe an einem Schweizer Feiertag respektiere man. Daher gibt es am Kermes keine Musik und keinen Tanz. Man isst und fühlt sich einfach glücklich dabei.

Der türkische Kermes am Pfingstsamstag und -sonntag in Wattwil war ein Fest des Zusammenarbeitens und Zusammenseins aller Religionen. (Bilder: Michael Hug)

Der türkische Kermes am Pfingstsamstag und -sonntag in Wattwil war ein Fest des Zusammenarbeitens und Zusammenseins aller Religionen. (Bilder: Michael Hug)

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