Ein Stück Lebendigkeit

Mein Schreibtisch steht hinter einem Fenster, das auf den Pfarrgarten geht. Wenn ich von der Arbeit aufblicke, geniesse ich den freien Blick in den Garten. Aber im Moment ist eine Pflanze vor dem Fenster hochgeschossen, ein Strauch enormen Ausmasses, der die Aussicht blockiert.

Oliver Gengenbach
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Pfarrer Oliver Gengenbach, Unteres Neckertal Bild: pd

Pfarrer Oliver Gengenbach, Unteres Neckertal Bild: pd

Mein Schreibtisch steht hinter einem Fenster, das auf den Pfarrgarten geht. Wenn ich von der Arbeit aufblicke, geniesse ich den freien Blick in den Garten. Aber im Moment ist eine Pflanze vor dem Fenster hochgeschossen, ein Strauch enormen Ausmasses, der die Aussicht blockiert. Ein sogenannter Neophyt, eine eingewanderte Pflanze aus China und Tibet mit dem lateinischen Namen Buddleja davidii, deutsch: Sommerflieder. Diese Pflanze gehört dezimiert, wie ich unter www.neophyt.ch lese, weil sie unaufhaltsam wuchert. Sie bedroht die einheimische Artenvielfalt. Und mir versperrt sie eben den gewohnten Ausblick. Doch wenn ich die Pflanze betrachte, einen Moment den Ausblick vergesse, sehe ich wunderschöne lange violette Blütenrispen im Sonnenschein, auf denen sich viele fleissige Bienen tummeln. Schmetterlinge tanzen leicht wie Federn über den Blüten und bedienen sich ab und zu am Nektar. Und dahinter der blaue, wolkenlose Septemberhimmel. Erhebender kann es kaum sein, und ich denke: Danke, Schöpfergott, wie bist du schön! Es tut meiner Seele gut, diese wunderbaren Eindrücke zu sammeln und sie auch aufzuschreiben. Wenn die Rispen verblüht sind, bevor die Samen reifen, werden wir dann die Pflanze stark zurückschneiden. So ist es im Internet empfohlen. Es sei das Beste für die gute Entwicklung der einheimischen Flora und Fauna; für Pflanze und Tier. Aber bis dann werde ich ertragen, dass die Pflanze mir den freien Blick in den Garten einschränkt. Dafür belohnt sie mich mit anderen Schönheiten.

Ein ungewohntes Stück Lebendigkeit steht mir da direkt vor den Augen. Das wird mir fehlen, wenn die Pflanze weg ist. Meine Gedanken gehen zu anderen Fremden in unserem Land. Nicht Pflanzen, sondern Menschen, Flüchtlinge, die bei uns einwandern. Sie sind plötzlich da und drängen sich in den Blick. In Brunnadern waren plötzlich hundert Flüchtlinge auf der Strasse zu sehen. Nicht alle zusammen, nur vereinzelt oder in kleinen Gruppen.

Gerade nimmt Bütschwil 80 Flüchtlinge auf, so steht es in der Zeitung. Manche sind der Meinung, dass man Flüchtlinge nicht aufnehmen solle, und wenn ja, dann sofort wieder loswerden. Sie würden unsere Population bedrohen, seien ein wucherndes Ärgernis. Gehen müssen sie aber ohnehin wieder, das ist Teil des Arrangements. In der Zwischenzeit sind sie ein Stück Lebendigkeit, das uns vor die Augen gestellt wird: So sehen Menschen aus, die ein besseres Leben suchen. Was bringen sie uns? Für manche versperren sie einfach den Blick aufs Gewohnte. Andere sehen Abwechslung und Farbigkeit in der Begegnung mit ihnen. In Flawil etwa kochen Flüchtlinge und verkaufen ihre Speisen über die Gasse. Was fremd aussieht, kann gut schmecken. Qualitäten können sich zeigen. Solange die Flüchtlinge da sind, ist das möglich. Vielleicht fühlen wir dann auch einen Verlust, wenn sie wieder fort sind.

Ein Taubenschwänzchen fliegt den Sommerflieder an. Bild: pd (Bild: MICHAEL PROBST (AP))

Ein Taubenschwänzchen fliegt den Sommerflieder an. Bild: pd (Bild: MICHAEL PROBST (AP))