Ein schwebendes Erlebnis

REGION. Die Vorfreude steigt – wenn da nur nicht diese Sturmwarnung vom Mittag wäre. Silvia und Claudio Cescato, Marlene Kleger und auch ich warten gespannt auf das Telefon des Ballon-Piloten Urs Frieden. Dann endlich der Anruf: Wir treffen uns um 18.30 Uhr.

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Region. Die Vorfreude steigt – wenn da nur nicht diese Sturmwarnung vom Mittag wäre. Silvia und Claudio Cescato, Marlene Kleger und auch ich warten gespannt auf das Telefon des Ballon-Piloten Urs Frieden. Dann endlich der Anruf: Wir treffen uns um 18.30 Uhr. Der Pilot Urs Frieden begrüsst uns und sagt gleich am Anfang: «Unter Ballonfahrern duzt man sich.» Den vier Gästen des Slow-Fly-Piloten im gelb-weissen Ballon mit der Immatrikulation HB-QUF ist die Freude, aber auch die Nervosität vor der Fahrt, anzumerken. «Das ist bereits das dritte Mal», sagt Marlene, die ein alter Hase im Ballonfahren ist. Für Silvia, Claudio und mich ist es eine Premiere. «Ich habe diese Ballonfahrt zum Geburtstag erhalten und Claudio begleitet mich», strahlt Silvia.

Das Ballonfieber der Friedens

Der 43jährige Urs Frieden begrüsst die Gäste in seiner ruhigen Art. «Den Ballonvirus habe ich von meinem Vater. Bei uns ist die ganze Familie ballonbegeistert.» Bereits als Knabe hatte er zusammen mit seinem Vater und den Brüdern Ruedi und Kurt Papier-Ballone gebastelt und anschliessend in die Luft steigen lassen. Mit den Velos sind die Brüder hinterher gefahren. Schon damals kam der Wunsch auf, einmal selber Ballon zu fahren. «Meine Frau Karin hält mir den Rücken frei für mein Hobby, und auch unsere 13jährige Tochter Nina hat das Ballonfieber.» Sein Bruder Kurt gewann 2010 das Gordon Bennett-Race und hat diesen Anlass letztes Jahr nach Ebnat-Kappel gebracht.

Der Wind führt uns ans Ziel

Wir sind beim Startplatz in Bütschwil angekommen. Ein Blick hinauf zum Himmel beruhigt die Gäste. Es ist strahlend blauer Himmel. Urs und die Nachfahrerin Sybille Stadelmann (sie fährt mit dem Bus dem Ballon nach), ziehen den Korb zum Anhänger raus. «Kommt mir bitte helfen», ruft der Pilot die Gäste zusammen. Im Innern des Korbs steht das Gestell, an welchem der Brenner befestigt ist. Dieses muss jetzt hochgestemmt und in den Ecken befestigt werden. Dann befestigt Urs die einzelnen Geräte: Funkgeräte, Höhenmesser und die Wetterstation. «Die Sicherheit der Gäste liegt mir am Herzen.» Der Korb wird auf den Boden gelegt. Anschliessend wird die Hülle ausgerollt. Sybille läuft mit einem Strick in der Hand nach vorne und zieht den Ballon hinter sich her. «Claudio zieh jetzt bitte an der Hülle», ruft ihm Urs zu, der bereits den Ventilator eingeschaltet hat, damit sich die Hülle mit Luft füllt. Wusch – da ist der erste Feuerschwall aus einer der vier Propan-Gasflaschen, die im Korb in den Ecken befestigt sind. Auf der anderen Seite hält Marlene die Hülle fest. Wusch – der nächste Feuerstoss. Diese folgen sich jetzt in kürzeren Abständen. Die Augen der Gäste leuchten, als sich der Ballon langsam füllt. Wir stehen da und staunen. Dabei vergessen wir total, Urs zu helfen. Aber er hat alles im Griff. «Noch wenige Augenblicke und ihr könnt in den Korb steigen», informiert er. Die Gäste suchen noch schnell das Nötigste zusammen und dann klettern sie in den Korb hinein. Sybille, die Nachfahrerin, steht auf der Wiese und nimmt noch die letzten Instruktionen des Piloten entgegen. «Fahr in Richtung Degersheim. Du hörst von mir. Der Wind wird uns ans Ziel führen.»

18 600 luftige Kilometer

Der Ballon von Urs Frieden hat ein Volumen von 3600 Kubikmetern und wiegt 160 Kilogramm. Er besteht aus 24 Stoffbahnen und ist an den Ecken mit vier Karabinern am Drahtseil, das im Geflecht des Korbes zur Seite führt, befestigt. Im Korb steht in jeder Ecke eine Gasflasche mit je 56 Litern Propangas. Bei einer 11/2-stündigen Fahrt liegt der Verbrauch bei rund 145 Litern. Die Tragkraft des gelb-weissen Toggenburger Ballons beträgt 1040 Kilogramm. Theoretisch könnten sieben Personen mitfahren. Der Pilot nimmt aus Sicherheitsgründen, nebst seiner Person, nur vier Personen mit in den Korb. Bereits 840 Fahrten mit rund 1300 Stunden und 18 600 luftigen Kilometern stehen im Fahrten-Buch Urs Friedens. Die längste Fahrt des Piloten war 2004, als er die Alpen überquert hatte. Gestartet ist er in Diepoldsau und gelandet in Asti im Piemont. Die Fahrt dauerte 5 Stunden und 30 Minuten und war 330 Kilometer lang.

Das muss die Freiheit sein

Ein flaues Gefühl macht sich bei mir im Magen breit. Wir schweben bereits einige Meter über dem Boden. Die Augen der Passagiere schweifen in die Ferne. Langsam steigt der Ballon über Bütschwil. Wir hören Stimmen vom Fussballplatz, über den wir gerade schweben. Marlene strahlt. «Ich liebe dieses Gefühlt.» Silvia und Claudio schauen sich an und strahlen mit der im Westen untergehenden Sonne um die Wette. «Für mich bedeutet das Ballonfahren einfach Freiheit. Es ist ein Loslösen von der Mutter Erde. Ohne störende Einflüsse können wir die Natur der Ostschweiz von oben geniessen», sagt Urs in das Schweigen seiner Gäste hinein. Mein Blick ist nach Süden gerichtet, denn da ist ein Wolkenband sichtbar. Die Stille ist fast unheimlich, etwas beängstigend, denke ich mir. Zum Glück zieht Urs immer wieder am Seil, damit neues Gas in die Hülle strömt und sich die Luft erwärmt. Die Folge – der Ballon steigt. «Welches Dorf ist da unten», fragen die Gäste. Urs kennt sie alle. Dann die vielen Wiesen, Höfe und unglaublich viele Täler. Diese Ruhe – diese Weite, das muss die Freiheit sein.

Happy Landing

Aus dem Funk ist die Stimme Sybilles hörbar. «Wo bist du», spricht Urs in den Funk. «Ich habe gerade die Wetterdaten angeschaut. Langsam müssen wir ans Landen denken. Die Sturmfront kommt näher.» Wir schauen uns etwas verunsichert an. Und bereits schweben wir nahe über Baumwipfel. «Ui, die streifen wir bald», geht es mir durch den Kopf. Urs beruhigt uns mit seiner ruhigen Art und steuert auf die Strasse, die er als Landeplatz ausgesucht hat, zu. Er zieht an den Seilen und der Ballon bewegt sich in die gewollte Richtung. «Claudio, bitte geh raus und nimm das Seil. Zieh uns auf die Strasse.» Gesagt – getan. Er klettert über den Korbrand hinaus und zieht uns sicher zum Landeplatz. Sanft setzen wir auf. «Happy Landing», sagt Urs Frieden und strahlt übers ganze Gesicht. Das flaue Gefühl in meinem Magen ist weg.

«Wow, das war wunderbar», Silvia strahlt. Sybille kommt mit dem Bus und dem Anhänger angefahren. In diesem Moment frischt der Wind spürbar auf und – Gewitterwolken ziehen auf. «Das war Timing», sagt der Pilot schmunzelnd. Die Gäste und der Pilot sind sich einig: Das waren ein wunderbares Erlebnis.

Christiana Sutter