Ein Schnitzer kratzender Wahrheiten

Wer einen halben Morgen im Atelier von Peter Maurer verbringt, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

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Peter Maurer in einer phantastischen Welt seiner bewegten Karikaturen. (Bild: Urs Bucher)

Peter Maurer in einer phantastischen Welt seiner bewegten Karikaturen. (Bild: Urs Bucher)

Wer einen halben Morgen im Atelier von Peter Maurer verbringt, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Seine «bewegten Karikaturen» – wie er sie bezeichnet – prangern zwar gesellschaftliche, soziale und politische Missstände an, aber ohne Worte, höchstens mit Musik aus miniaturisierten Drehleiern. Maurers Figurenmaschinen lassen einen nicht los und schwirren sogar noch in Träumen im Kopf herum. Dabei behauptet er von sich, er träume selten. Aber wo inspiriert sich der ehemalige Lehrer? «Ich habe immer Papier und Bleistift bei mir und notiere halt einfach alles, was mir auffällt», sagt er und setzt sich auf einen Hocker.

Alle bekommen ihr Fett weg

Seine in Holz geschnitzten oder aus Ton geformten und mit einer ausgeklügelten Mechanik versehenen Beobachtungen haben trotz ihrer Vielgestaltigkeit etwas gemein. Alle bekommen ihr Fett ab – die Banker, die Bundesräte, die Obristen, der Klerus und oft auch die SVP. Um bei der letzteren zu beginnen: In der «Albisgüetli-Maschine» wimmelt es von Hunden, die mit den Schwänzen wedeln, an denen eine Schweizer Fahne hängt. Die Reverenz gilt einem Mann am Rednerpult, der unschwer einzuordnen ist, vor sich hinplappert und von Zeit zu Zeit Kreide frisst.

Seine pazifistische Ader lebt Maurer im «Krieger denk mal» aus. Da marschieren Soldaten im Stechschritt an einem der monumentalen Denkmäler vorbei, die zu Ehren derer errichtet wurden, die für den Tod von Tausenden verantwortlich sind. Aus den Hirnen der Helfershelfer quillt Stroh, während ein Hund dem Helden an die Stele pinkelt, der indigniert die Augen rollt.

Auf die Schippe genommen werden aber auch die Sportler und jene Kommentatoren, deren Stimmen sich jeweilen bei Highlights so überschlagen, dass man den Fernseher abstellen muss. Wenn Maurer den Drehmechanismus in Gang setzt, fährt eine Dopingspritze aus und zielt direkt auf die gestählten Waden der später zu Fall gebrachten Sportskanonen. Unnötig zu erwähnen, dass Pfarrherren und Nonnen auch in seinem sarkastischen Schussfeld sind. Im «Pater Noster» fahren sie in lichte Höhen, verschwinden hinter einer Kirchturmuhr und fallen als Teufel und Hexen wieder zur Hölle. Nicht zu vergessen die Priester, welche kleine Bübchen zwischen den Beinen über den Kopf streicheln, so dass sie – ohne Schere eines Coiffeurs – einen Mittelscheitel bekommen.

Liebenswürdiger Aufrüttler

Die Banker kommen noch schlimmer weg: Sie müssen als Galeerensträflinge ohne Rast und Ruh zu Peitschenhieben einer Domina bis um Umfallen rudern.

Maurer bezeichnet sich als Einzelgänger. Aber das ist nur der Vorname. Maurer ist eine Mischung aus Tabubrecher, Chlütterer, diabolischem Aufrüttler und Frevler. Dabei wirkt er liebenswürdig, ja beinahe sanft. Das ist sicher seinen Schülern zugute gekommen. Er war bis zu seiner Pensionierung Lehrer von verhaltensauffälligen Kindern. «Ich sass mit ihnen mehr als genug beim Schulpsychologen, auf der Amtsvormundschaft oder auf der Polizeiwache», sagte er einmal in einem Interview. Aber gleichzeitig legt er Wert darauf, dass hinzugefügt wird, dass es keineswegs nur Ausländer waren, die ihm zu schaffen machten.

Als Ausgleich zu seiner schwierigen Aufgabe in der Schulstube hat er angefangen, «kratzende Wahrheiten» in seinen Holzschnitzereien darzustellen. Bis zu hundert Stunden verwendet er auf eine Verwirklichung seiner unbegrenzten Phantasiewelt, gepaart mit handwerklichem Geschick.

Ist er über die Zeitläufte verbittert? Wer ihn zum erstenmal trifft, könnte das zunächst annehmen. Aber beim Abschied ist dieser Eindruck verflogen. Da schüttelt einem ein Zeitgenosse die Hand, der einfach alle Antennen ausfährt, so zum Sozioseismographen wird und dem es bestimmt erst dann schlecht ginge, wenn die Welt vollkommen wäre.

Mélanie Knüsel-Rietmann

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