Ein Omesäger mit Bandsalat

Speerspitz

Serge Hediger
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Man sagt ja, dass eine Technik, die sich einmal durchgesetzt hat, vom Markt nie ganz verschwinde.

Beispiel Tonträger. Anfang des letzten Jahrhunderts war es, als die Schallplatte die Phonographenwalze ablöste. Diese war lange konkurrenzlos, wurde zunächst nur bedrängt von der ­Musikkassette, bevor sie ab den Achtzigerjahren von der Compact Disc regelrecht verdrängt wurde. Jene schliesslich erhielt ab den Nullerjahren Konkurrenz durch die mp3-Technologie. Und heute? Heute hört man wieder Vinyl. Jahr für Jahr nehmen die Verkaufszahlen zu. Die Schallplatte, liest man, sie ist zurück.

Wenn es also stimmt, dass sich eine Technik, die sich wie die Schallplatte behauptet hat, nie komplett verdrängen lässt, dann kommt vielleicht auch er wieder: der Omesäger, wie ihn im Toggenburg etwa das Dorf Ennetbühl kannte. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gingen die Omesäger, die Leichenbitter im schwarzen Gehrock, von Haus zu Haus, lüpften an der Türe den Zylinder und trugen dem Hausherrn die Nachricht vor, wer im Dorf grad verstorben und wann Beerdigung sei.

Gratis war diese einfache Verbreitungstechnik von Nachrichten nicht. Der Omesäger, der ein ernstes, bekümmertes Gesicht zu machen pflegte – eben eine Leichenbittermine –, nahm gerne ein Trinkgeld. Oder, wie im Falle von Brunnadern verbürgt ist: Er liess sich seine Dienste bevorzugt mit einem Glas Most oder einem Schnaps vergelten. Einmal, so geht die Legende, habe er vor lauter sofortiger Inanspruchnahme seines Lohns den Namen des Verstorbenen vergessen.

Das entsprach dann – technisch gesehen – etwa dem Bandsalat bei der Musikkassette.

Serge Hediger

serge.hediger@toggenburgmedien.ch