Ein neues Spital in Appenzell? «Lieber in einen Shuttle-Bus nach St.Gallen investieren», findet Gesundheitsexperte Werner Widmer

Trotz finanzieller Schieflage hält die Innerrhoder Regierung am 41 Millionen Franken teuren Neubau des Spitals Appenzell fest. Dafür gibt es Kritik von Experten.

Claudio Weder
Hören
Drucken
Teilen
Das Spital Appenzell werde von den Einheimischen zu wenig genutzt, sagt der Innerrhoder Grossrat Raphael Brunner.

Das Spital Appenzell werde von den Einheimischen zu wenig genutzt, sagt der Innerrhoder Grossrat Raphael Brunner.

Bild: Ralph Ribi

Der Entscheid der Innerrhoder Standeskommission (Regierung), am geplanten Neubau des Spitals Appenzell festzuhalten, kommt nicht überall gut an. Vor allem aus gesundheitsökonomischer Sicht mache er wenig Sinn, sagt der Gesundheitsexperte und ehemalige HSG-Dozent Werner Widmer.

«Von aussen betrachtet kommt man zum Schluss, dass Innerrhoden kein neues Spital bauen sollte. Besser sollten die Innerrhoder die 41 Millionen Franken in einen Shuttle-Bus investieren, der die Patienten gratis von Appenzell nach St. Gallen fährt.»

Am Montag gab die Standeskommission bekannt, dass sie – trotz der «unbefriedigenden betrieblichen Entwicklungen» – das Neubauprojekt Ambulantes Versorgungszentrum Plus (AVZ+) wie geplant weiterführen möchte. Sie hat eine Situationsanalyse erstellt, in der sie zum Schluss kommt, dass das AVZ+ angesichts des wachsenden Gesundheitsmarkts intakte Zukunftschancen habe.  

Werner Widmer, Gesundheitsökonom und ehemaliger HSG-Dozent

Werner Widmer, Gesundheitsökonom und ehemaliger HSG-Dozent

Bild: Nicole Nars-Zimmer Niz / BLZ

Grossrat fordert Marschhalt

Laut Werner Widmer hätte es nicht nur finanzielle, sondern vor allem auch medizinische Vorteile, wenn Spitäler vermehrt über die Kantonsgrenzen hinaus zusammenarbeiten würden. «Ein kleines Regionalspital hat schlichtweg nicht die Möglichkeiten, mit dem medizinischen Fortschritt grosser Spitäler mitzuhalten.» Widmer ist überzeugt:

«Gäbe es keine Kantonsgrenzen, würde niemand auf die Idee kommen, in Appenzell oder Herisau ein Spital zu bauen.»  

Kritische Stimmen wurden auch in Innerrhoden laut. Grossrat Raphael Brunner etwa findet den Entscheid der Regierung zu inkonsequent. «Man hätte besser einen Marschhalt initiiert, um das Projekt nochmals grundlegend neu zu beurteilen.» Man stehe nun vor einer völlig anderen Ausgangslage als noch beim Landsgemeindeentscheid 2018. Angesichts dessen kann Brunner die Strategie der Regierung nicht nachvollziehen:

«Die Standeskommission baut auf das Prinzip Hoffnung.»

Die Chance, dass sich die stationären Fallzahlen in den kommenden sechs Monaten nachhaltig verbessern, hält er für relativ gering. Zudem scheint es für Brunner fragwürdig, ob der Rückhalt der einheimischen Bevölkerung wirklich gegeben ist. Laut Spitalbericht ist die Zahl der stationären Fälle mit Wohnsitz in Innerrhoden innerhalb des vergangenen Jahres um 101 Fälle zurückgegangen, im ambulanten Bereich war ein Rückgang um 88 Fälle zu verzeichnen. Auch die Ärzte scheinen nicht an das Spital Appenzell zu glauben, so Brunner weiter. «Die Zuweisungen gehen zurück und es gelingt den Verantwortlichen nicht, neue Belegärzte respektive Zuweiser zu gewinnen.»

Ehemaliger Kantonsarzt ist pessimistisch

Der ehemalige Kantons-, und Belegarzt am Spital Appenzell, Renzo Saxer, stimmt dem zu. «Die Tendenz, dass Ärzte das Innerrhoder Spital meiden, hat in Vergangenheit zugenommen», sagt er. Den Grund glaubt er ebenfalls zu kennen:

«Von den Ärzten wird nicht in erster Linie die bauliche Infrastruktur bemängelt, sondern die Versorgungsqualität. Innerrhoden ist schlicht weg zu klein, um eine gute Versorgungsqualität zu bieten. Es wird schwierig sein, gute Assistenzärzte oder medizinisches Fachpersonal zu finden.»

Die Ergebnisse des Spitalberichtes betrachtet Saxer mit gemischten Gefühlen. Zum einen findet er es beruhigend, dass eine Kooperation mit dem Spitalverbund Ausserrhoden im Bereich der Allgemeinen Inneren Medizin angelaufen sei. Ebenso hält er es für wichtig, dass sich die Spitalverantwortlichen eine klare Deadline im Herbst gesetzt haben. «Man muss dem Projekt eine Chance geben.» Dennoch ist er pessimistisch: Er glaubt nicht daran, dass eine neue Infrastruktur hilft, die sinkenden Fallzahlen längerfristig in den Griff zu bekommen. Das Problem liege anderswo:

«Der akutmedizinische Spitalbereich in der Ostschweiz befindet sich in einem nie dagewesenen Umbruch. In einem solchen Umfeld ein 41-Millionen-Franken-Projekt erfolgversprechend durchzuziehen, ist ein nur schwer lösbares Unterfangen.»

Der Trend weise in Richtung Zentralisierung. «Zwei Drittel der Patienten, die akut hospitalisiert werden, werden bereits heute schon ausserhalb des Kantons behandelt.» Und daran werde sich so schnell nichts ändern.

Auch hält Saxer nicht viel von der Aussage, das Spital Appenzell könnte von Spitalschliessungen im Umfeld profitieren. Das Gesundheitswesen – als Ganzes – entspreche zwar tatsächlich einem wachsenden Markt. Dies gelte jedoch nur für gewisse Bereiche wie die Pharmaindustrie, die Medizinaltechnik oder die Spitexbetreuung, nicht aber für die stationäre Akutbehandlung.

Statt in den Akutbereich sollte gemäss Saxer vermehrt in die Langzeitpflege investiert werden. In diesem Bereich gäbe es diverse Punkte, wo man ansetzen müsste, findet er. So bedürfe etwa das gut ausgelastete Bürgerheim (Altersheim) dringend einer Sanierung, um eine zeitgemässe Beherbergung zu garantieren. Zudem seien – gemäss einer Erhebung des Gesundheitsdepartements – im Pflegeheim ab 2025 gegenüber heute noch zusätzlich 10 bis 15 Pflegeplätze nötig.

Mehr zum Thema