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Ein Mord aus Aberglaube

Heute vor hundert Jahren ereignete sich in Speicher ein Doppelmord, der die ganze Schweiz bewegte. Am 6. März 1916 brachte der 23jährige Sohn des Land- und Gastwirts des Gasthauses Birt das Ehepaar Bruderer mit Revolver und Messer um.
Peter Abegglen
Das Gasthaus Birt um 1900. Im Birt wuchs der Täter auf. (Bild: pd)

Das Gasthaus Birt um 1900. Im Birt wuchs der Täter auf. (Bild: pd)

SPEICHER. In der Abendausgabe der Appenzeller Zeitung vom Montag, 6. März 1916, erschien folgende Meldung: «Ein Doppelmord. Zwischen Vögelinsegg und Birt wurden die zirka 60jährigen Eheleute Bruderer heute im Hause tot aufgefunden. Wie uns von kompetenter Seite mitgeteilt wird, handle es sich höchstwahrscheinlich um Mord. Näheres ist zur Stunde (Montag mittag) noch nicht zu erfahren. Natürlich setzte die Untersuchung sofort energisch ein. Es wird von St. Gallen ein Polizeihund requiriert.»

Schnelle Verhaftung des Täters

Am nächsten Tag wurden weitere Details berichtet und ein Signalement des Täters veröffentlicht. Dieses führte bereits am 8. März zur Verhaftung des bald geständigen Täters und schon am 9. März wurden der Tathergang und weitere Umstände detailliert geschildert.

Der 23jährige Sohn des Landwirts und Gastwirts vom «Birt» hatte am Sonntagnachmittag einen Besuch bei seiner Schwester gemacht, war dabei am Haus Bruderer vorbeigekommen und bekam, wie fast jedesmal im Vorbeigehen, Streit, welcher dieses Mal eskalierte. Die Frau spuckte ihm ins Gesicht, es kam zu einem Handgemenge, der junge Mann zog einen Revolver, schoss auf die Frau, dann auf den hinzugetretenen Mann, alle drei verfolgten sich ins Haus, dort wurde der Mann tödlich getroffen, die Frau, offenbar verletzt, stürzte sich auf den Täter, welcher nochmals schoss und nun auf die schwer Verletzte und ihren Mann – offenbar in einem Wahn – noch mit einem Messer einstach und der Frau einen tödlichen Stich versetzte. Kurz danach kamen sein Schwager und ein Kollege am Haus vorbei. Sie sahen die offene Türe und auch Blutspuren im Schnee, dachten sich aber, da sei wohl ein Kalb oder eine Kuh verletzt gewesen. Sie setzten ihren Weg, nachdem sie hörten, wie die Läden geschlossen wurden, weiter Richtung Birt fort. Die Läden hatte der Täter geschlossen, er verliess das Haus auf der Rückseite und ging nach St. Georgen, wo er im Adler nach Wasser verlangte, um Hände und Kleider von Blut zu reinigen.

Das Signalement beschrieb einen «St. Galler oder Appenzeller, vermutlich Angestellter, Kommis oder dergl., etwa 24 Jahre alt, 168 bis 170 Zentimeter gross, … bleiche Gesichtsfarbe … trug dunklen rauhwolligen Vestonanzug, … schweren grauen Ueberzieher, … Stehumlegekragen … Schuhnummer 41 bis 42, amerikanisches Modell.» Die Details des Signalements bewogen den Vater des Täters zum Hinweis an die Polizei, es könnte sich möglicherweise um seinen Sohn handeln. An seinem Arbeitsort Winterthur wurde dieser kurz darauf verhaftet und nach dem Geständnis nach Trogen überführt. Der Fall warf nicht nur in Speicher hohe Wellen, neben der Appenzeller Zeitung berichteten auch die damalige Appenzeller Landeszeitung, das St. Galler Tagblatt, ja sogar die Neue Zürcher Zeitung NZZ ausführlich über den Kriminalfall, übrigens mit voller Namensnennung des mutmasslichen Täters, der Opfer, ja sogar von ermittelnden Polizeibeamten und Zeugen.

Gründliche Abklärung

Die Gerichtsverhandlungen (Mitte Juli vor dem Kriminal- und Ende August vor dem Obergericht) brachten schliesslich etwas Licht in die Hintergründe der Tat. Der Täter hatte schon als Kind ein schweres Nervenleiden durchgemacht und war später einmal «aus beträchtlicher Höhe» auf den Kopf gefallen. In der Nachbarschaft und auch am Familientisch wurde für alles, was irgendwie schieflief, die Schuld der getöteten Frau Bruderer zugesprochen. Man munkelte, sie verstehe sich auf schwarze Magie, könne also hexen. So habe sie die Kühe im Birt verhext, als sie plötzlich rote Milch gaben und als ein älterer Bruder des Täters unerwartet starb, hatte am Tag der Beerdigung ein tief hängender Ast vor dem Hause Bruderer Blumenkränze vom Leichenwagen gerissen. Dies war für den im magischen Denken verhafteten Täter ein untrügliches Zeichen dafür, dass dort der Ursprung des Unglücks sei. Das Mass wurde voll, als sich an jenem Sonntag die Frau nach dem Wohlergehen seiner Schwester und ihres eben geborenen Kindes erkundigte. Er ahnte Schlimmes und Böses, ein Wort gab das andere, es kam zu Tätlichkeiten und schliesslich zur Tat.

Zwölf Jahre Zuchthaus

Das Kriminalgericht verurteilte den Täter in einer öffentlichen Verhandlung zu zwölf Jahren Zuchthaus, das Obergericht verschärfte trotz verminderter Zurechnungsfähigkeit des Täters das Urteil auf 15 Jahre Zuchthaus, nicht wegen Mordes, sondern wegen «vorsätzlichen Totschlags, aber ohne Vorbedacht».

Der Berichterstatter der Appenzeller Zeitung schreibt neben dem eigentlichen Prozessbericht der Verhandlung vor dem Kriminalgericht: «Wir müssen hier leider frei und offen bekennen, dass der Durchschnittsmensch im grossen und ganzen in seinem Urteil gegenüber fehlenden Mitmenschen sehr hart und streng ist und statt objektiv sehr oberflächlich eine begangene Tat und den Täter kritisiert. … Nimmt man alle diese psychologischen Momente zusammengefasst, so muss man unbedingt diese Tat, wenn auch nicht entschuldigen, so doch etwas anders beurteilen und manchem wird gewiss das gefällte Urteil gerechter erscheinen, als wenn er nur so vom Hörensagen sich die Sache zurechtgelegt hatte.»

Opfer des Aberglaubens

Der bekannte Psychiater Hermann Rorschach befasste sich während des Strafvollzugs mit der Persönlichkeit des Täters und veröffentlichte 1920 den Aufsatz «Ein Mord aus Aberglauben» in Schweizer Volkskunde 10 (Seite 39 bis 43). Er beschreibt darin die magische Gedankenwelt des Täters und zeigt die Analogie auf, die zwischen dem Hängenbleiben der Trauerkränze vor dem Hause Bruderer und dem Märchen vom blutenden Knochen oder dem vom Machandelbom besteht. Zudem zitiert er aus einem Büchlein von 1812, das im Hause Bruderer gefunden wurde, handgeschriebene Notizen, Rezepte und Beschwörungen, die nichts anderes als den Schluss zulassen, dass sich die Eheleute Bruderer tatsächlich mit schwarzer Magie beschäftigt hatten: «Für den Kälbliblaß – der Mist von dem Kälblein nehmen, in ein Säcklein tun und ins Kamien hencken bis es dür ist, dann fortwerfen.» «Satan geh aus diessen Stal heraus Heiliger Geist aber zieh du in diessen Stall hinein in den höchsten Namen Gottes.»

Verschiedene unerklärbare Vorkommnisse seien mit abergläubischen Handlungen der beiden in Verbindung gebracht worden, dazu beigetragen habe ebenso ihr griesgrämiges Verhalten. Hermann Rorschach schreibt, dass allein schon die Tatsache, dass die Bruderers als verbitterte Leute ein einsames Leben führten in einer Umgebung, in der Aberglaube noch weit verbreitet war, reichte, damit sie schnell in den Ruf kamen, «sie könnten mehr als nur Brot essen». Schliesslich seien alle drei, die Bruderers und der Täter, Opfer ihres Aberglaubens geworden.

Inwiefern die Umgebung, also die Familie des Täters oder Nachbarn, die abergläubischen Vorstellungen stützten oder verstärkten, bleibt wohl für immer im Dunkel der Geschehnisse jener Zeit verborgen.

Nach Verbüssung der Strafe kehrte der Täter nach Speicher zurück, wo er in einer Zimmerei arbeitete und im Unteren Birt in einem Zimmer eingemietet war und wie in einer Bauernfamilie üblich am Familienleben teilnahm. Er sei zu den Kindern wie ein Onkel gewesen, habe auf dem Hof mitgeholfen und sei um 1960 von Speicher weggezogen.

Weiterführende Angaben zu diesem im Jahre 1916 grosses Aufsehen erregenden Kriminalfall finden sich auf www.wikispeicher.ch unter «Erzählte Geschichte: Doppelmord 1916».

In der Abendausgabe der Appenzeller Zeitung vom 6. März 1916 gab es den ersten Hinweis auf die Bluttat. (Bild: pd)

In der Abendausgabe der Appenzeller Zeitung vom 6. März 1916 gab es den ersten Hinweis auf die Bluttat. (Bild: pd)

Birtweg um 2016, rechts der Vorplatz des Hauses, auf dem die Tat geschah. (Bild: Peter Abegglen)

Birtweg um 2016, rechts der Vorplatz des Hauses, auf dem die Tat geschah. (Bild: Peter Abegglen)

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