Ein mächtiger «Seelenbalsam»

In der Kirche Oberhelfenschwil bestritten Organist Max Heinz (Lichtensteig) und Judith Grüninger (Klarinette) am Sonntag ein Kirchenkonzert. Das abwechslungsreiche Programm reichte von Bach über die Romantik bis zu Markus Epp und vermochte das Publikum zu begeistern.

Peter Küpfer
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OBERHELFENSCHWIL. In seinen Begrüssungsworten stimmte Max Heinz die Konzertbesuchenden auf das Programm ein. Bei der intensiven Vorbereitungsarbeit zum Konzert sei ihm und Judith Grüninger einmal mehr bewusst geworden, wie wohltuend Musik sei. Sie sei – ganz gleich, ob in der strengen Form von Bach oder in den mehr schmelzenden Tönen der Romantik – ein mächtiger «Seelenbalsam», in den einzutauchen er die Anwesenden herzlich einlud. Sie folgten der Einladung dazu offensichtlich gerne.

«Unsichtbar» und «sichtbar»

Werkauswahl und Instrumentierung machten es nötig, dass auch die Bläsersolistin zunächst auf der Empore spielte, was ein Maximum an Präzision im Zusammenspiel mit der Orgel ermöglichte. Für die Zuhörer wirkte sich das für den ersten Programmteil so aus, dass sie die Solisten nicht sehen konnten, sondern ganz auf ihre Musik konzentriert waren.

So gab es keinerlei visuelle «Ablenkung». Nach der magistralen Eröffnung durch Bachs Toccata und Fuge (BWV 565) kam denn auch das dialogische Wechselspiel der beiden Solisten voll zum Tragen. In Georg Friedrich Kaufmanns drei Choralvorspielen mit dem Titel «Harmonische Seelenlust» durchdrangen sich dreistimmige Orgel und Klarinettenmelodie vollkommen. Man nimmt es Kaufmann ab, dass diese Vorspiele schon zu seiner Zeit die Funktion hatten, die «Gemüter» der singenden Gemeinde zu «präparieren, dass sie hernach viel andächtiger singen». Mit Markus Epp übernahm wieder die Orgel als Soloinstrument den Part und intonierte modernere Versionen des Choralvorspiels. Mit Franz Krommers Adagio aus dem Klarinettenkonzert (op. 36) endete der erste Programmteil. Hier schwelgte nicht nur die sehnsüchtige Klarinette in romantischen Motiven, auch die Orgel entfachte entsprechende Gefühlsstürme.

Dramatisches Intermezzo

Im mittleren Teil wurden die Augen in den musikalischen «Seelenbalsam» mit einbezogen, zumindest für die nächsten beiden Programmpunkte. Es handelte sich zunächst um eine von der Klarinettistin im Solo vorgetragene «Kiezmer's Hora». Sie steht in der jüdischen nichtliturgischen Musiktradition und vereinigte langsame, wehmütige Klänge mit einem rhythmisch-dramatischen Schluss. Eindrücklich, was die Solistin hier ihrem Instrument mit der grossen interpretatorischen Bandbreite entlockte. Auch war es effektvoll, wie sie ihren zunächst leise-geheimnisvollen Vortrag bereits im hinteren Kirchenschiff begann und sich dann spielend bis zum Chorraum voranbewegte. In der «Selanka» von Znenek Fibich, wo Max Heinz seine Partnerin am Klavier begleitete, triumphierten noch einmal harmonische, beschauliche Töne, unterbrochen von dramatischen Partien.

Lefébure-Wély zum Schluss

Was modernere Musiker in der Nachfolge der französischen Romantik mit der Orgel «anzustellen» wussten und was das in Kombination mit einem so «gefühlsstarken» Soloinstrument wie der Klarinette geben kann, machte der Schluss des Konzertes deutlich. Hier intonierten die beiden Musiker Werke des französischen Orgelkomponisten Louis James Alfred Lefébure-Wély (1817–1869), von Max Heinz eigens für Orgel und Klarinette arrangiert. Es handelte sich um das «Offertoire in C-Dur», die «Pastorale in C-Dur» sowie, als Abschluss des Konzertes, den «Boléro de Concert». Hier traten sich Klarinette und Orgel «auf Augenhöhe» gegenüber, was zu spannungsvoller, dramatischer Musik führte.

Im «Offertoire» triumphierten gefühlsstarke Melodien, im Pastorale hörte man neben lyrischen, insbesondere von der Klarinette ausgedrückten Passagen auch höhnische, kalte, hervorgebracht von fast schmerzhaft hohen Orgeltönen, die einen an Pans ausgelassene Scherze erinnerten.

Im «Bolero» schliesslich wurde man von beiden Instrumenten zu einem rassigen spanischen Tanz eingeladen, in dem die Orgel manchmal Gitarrenklänge, manchmal kehligen Gesang, manchmal auch an Volksfeste erinnernde Drehorgelmusik zu imitieren schien. Das Publikum bedankte sich mit langanhaltendem rhythmischem Applaus für das vielschichtige, liebenswürdige Konzert und liess die beiden Solisten erst «gehen», nachdem diese noch eine Zugabe intoniert hatten.