Ein Lob aufs Grüezi

Dieses Mal hatte ich mir vorgenommen, bei der Einreise in die USA souverän zu wirken. Dann fragte der Einwanderungsbeamte am Flughafen in Philadelphia: «Hello, how are you today? – hallo, wie geht es Ihnen heute?» Das war entwaffnend.

Michael Genova
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Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Dieses Mal hatte ich mir vorgenommen, bei der Einreise in die USA souverän zu wirken. Dann fragte der Einwanderungsbeamte am Flughafen in Philadelphia: «Hello, how are you today? – hallo, wie geht es Ihnen heute?» Das war entwaffnend. «Gut, und Ihnen?», fragte ich verdutzt zurück. «O.k.», antwortete der Beamte und begann mit seinem Verhör. Von nun an behielt er die Oberhand: «Reisen Sie zum ersten Mal in die USA? Wie lange bleiben Sie? Besuchen Sie Freunde oder Verwandte? Was machen Sie beruflich? Werden Sie hier als Journalist arbeiten? Wo wohnen Sie?» Als ich zuerst den rechten Daumen auf den Scanner legte, wurde der Beamte ungeduldig: «Nein, zuerst die linke Hand – die linke Hand.» Zum Abschluss wieder diese überwältigende Freundlichkeit: «Haben Sie einen schönen Aufenthalt!» Benommen torkelte ich dem Transitbereich entgegen.

In San Francisco dämmerte es bereits, als ich im Bed and Breakfast ankam. «Hallo, ich bin Tina. How are you? – wie geht es Ihnen?», fragte die Frau an der Rezeption. «Gut, und Ihnen?», sagte ich. Darauf sie: «Grossartig, danke.» Ich war verblüfft. In den folgenden Tagen lernte ich zu variieren. Im Lebensmittelladen, auf der Fähre nach Alcatraz, im Restaurant in Chinatown – überall wollten Sie wissen, wie es mir geht. Ich merkte schnell: Am besten spielt man mit und denkt nicht lange nach. «Fine, thank you» geht als Antwort immer. Möglich sind auch «o.k.», «good» oder «great». Ich ahnte, dass es niemanden interessierte, dass meine Füsse schmerzten. Am zweiten Tag traf ich auf einem Cable Car, der weltberühmtem Kabelstrassenbahn, eine Texanerin und ihre Tochter. Beim Abschied sagte sie: «See you later.» Ich überlegte kurz und sagte: «Good bye.» Als ich die beiden Stunden später in einem anderen Stadtteil wieder traf wusste ich: Die Texanerin war keine Hellseherin, sie war nur höflich.

Zurück am Flughafen Kloten war ich gewappnet. «Grüezi», sagte die Polizistin zur Begrüssung. Sie nahm meinen Pass und legte ihn auf den Scanner. Keine Auffälligkeiten. Nach einem prüfenden Blick auf das Foto gab sie mir den Ausweis zurück und sagte: «Merci.»

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